ENERGIEKONZERNE Echtes Schnäppchen
Dietmar Kuhnt feierte sich selbst: Die Fusion mit dem ostwestfälischen Stromversorger VEW, frohlockte der RWE-Chef vor wenigen Tagen in Düsseldorf, bedeute für den Essener Konzern einen »Quantensprung«.
Mit rund 170 000 hoch qualifizierten Arbeitskräften, einem Umsatz von deutlich über 85 Milliarden Mark und 10 Millionen Stromkunden, so Kuhnt, sei der fusionierte Konzern die eindeutige »Nummer eins« auf dem deutschen Markt. Schon bald, versprach der RWE-Chef, werde der Energiekonzern sogar »ganz vorne in der internationalen Champions League« mitspielen.
Fragt sich nur, ob als eigenständiger Konzern oder Anhängsel eines Energiemultis. Denn mit der wirklichen Verfassung des Essener Traditionskonzerns haben die Jubelarien des RWE-Chefs wenig zu tun. Mangelnde Vorbereitung auf den Wettbewerb im Strommarkt und milliardenschwere Fehlentscheidungen wie der verpatzte Einstieg in die Telekommunikation haben den nordrhein-westfälischen Stromriesen unter Druck gesetzt.
Vor knapp einem Jahr hatte Kuhnt den rigorosen Umbau des Konzerns angekündigt. Auf die Kernkompetenz, so der 62jährige Jurist damals, wolle sich RWE konzentrieren und zum führenden europäischen Energiedienstleister aufsteigen.
Doch die Pläne des Ex-Monopolisten, den liberalisierten Strommarkt aufzumischen und sich als führender Multi-Utility-Konzern zu positionieren, der Haushalte und Unternehmen aus einer Hand mit lebensnotwendigen Dienstleistungen wie Strom, Gas, Wasser, Öl oder Abfallbeseitigung versorgt, gehen bisher nicht so recht auf.
So ist beispielsweise ein schlüssiges Marketing- und Vertriebskonzept, mit dem die Produkte der unterschiedlichen Töchter (Energie, Umwelt, Öl) gebündelt und an den Kunden gebracht werden können, noch immer nicht klar erkennbar.
Wenig erfolgreich geriet auch der Einstieg in den Wettbewerb um private Stromkunden. Während quirlige Angreifer wie das Kölner Unternehmen Yello mit pfiffigen Werbe- und Marketingaktionen inzwischen mehr als 250 000 Kunden in ihre Netze lockten, konnte die mit mehrstelligem Millionenaufwand in den Markt gepuschte RWE-Marke Avanza nicht einmal 8000 Neukunden gewinnen - und das alles bei rapide fallenden Strompreisen.
Schon müssen in den Planungsstäben des Konzerns Ertrags- und Umsatzerwartungen nach unten revidiert werden. Allein das Stromergebnis, musste der Konzern jüngst zugeben, soll im laufenden Geschäftsjahr um 3,5 Milliarden Mark fallen. Insgesamt, räumte Kuhnt vergangene Woche auf einer Analystenkonferenz ein, werde der RWE-Gewinn um 15 Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr.
Ganz offen rebellieren leitende Angestellte und Betriebsräte gegen die Konzeptlosigkeit der RWE-Führung. Das Tagesgeschäft, so Konzernbetriebsrat Alwin Fitting in einem internen Rundbrief, werde vom Management »sträflich vernachlässigt«, es sei zu bezweifeln, »ob die Führungskräfte die Situation überhaupt noch beherrschen«.
Fittings Furcht ist nicht unbegründet. Denn nicht nur den Mitarbeitern, sondern auch dem Finanzmarkt ist die Schwäche des RWE-Konzerns nicht verborgen geblieben. Seit Monaten schon dümpelt die RWE-Aktie zwischen 60 und 70 Mark und verharrt damit deutlich hinter den Zuwächsen des Dax. Der Angriff eines Konkurrenzunternehmens wird immer wahrscheinlicher.
Hauptgrund für die Schwäche ist eine völlig unzureichende Vorbereitung auf den Wettbewerb im Strommarkt. Seit Jahren war den RWE-Managern klar, dass die europäischen Strommärkte liberalisiert werden sollten. Doch anstatt sich in Zeiten üppiger Monopolgewinne gewissenhaft darauf vorzubereiten und die Kerngeschäftsfelder entsprechend zu stärken, pumpte Kuhnt Milliarden in den Aufbau neuer Konzerntöchter - mit wenig Erfolg.
Der Aufbau einer Entsorgungssparte verlief ähnlich glücklos wie der Einstieg in die Telekommunikation mit der Festnetztochter Otelo und der Handy-Gesellschaft E-Plus, von deren Anteilen sich Kuhnt im vergangenen Jahr entnervt wieder trennte.
Völlig vernachlässigt wurden dagegen Kernbereiche wie das im internationalen Wettbewerb viel zu kleine Öl- und Tankstellengeschäft bei der DEA.
Die Folge: In der vergangenen Woche wurde der gesamte Konzern an der Börse mit nicht mal 30 Milliarden Mark bewertet - ein echtes Schnäppchen. Denn mehr als die Hälfte davon hat RWE etwa in Form von Wertpapieren quasi bar in der Kasse. Weitere knapp 6 Milliarden Mark werden demnächst aus dem Verkauf der Mobilfunkbeteiligung E-Plus überwiesen.
Dazu könnte ein Angreifer Finanzbeteiligungen wie am Druckmaschinenhersteller Heidelberg (56 Prozent) oder die Beteiligung an der RWE-Bautochter Hochtief (56,1 Prozent) schnell zu Geld machen.
Schon haben Londoner Investmentbanken damit begonnen, minutiöse Übernahmeszenarien durchzurechnen. Der Kauf des Essener Unternehmens, so ihre Einschätzung, sei ein Sonderangebot. Sie wollen ihren Übernahmeplan, so läuft das Geschäft mittlerweile in der Finanzindustrie, an einen Angreifer verkaufen. Allerdings, so ein Banker gegenüber dem SPIEGEL, befinde man sich noch im Stadium der Planspiele. Ein konkreter Kunde, für den eine Übernahme auch strategisch ins Konzept passt, sei noch nicht in Sicht.
So lange will man in der Essener Konzernzentrale nicht warten. In den vergangenen Wochen haben die RWE-Manager alle möglichen Übernahmeszenarien durchgespielt. Das beunruhigende Ergebnis: Obwohl RWE noch zu gut 30 Prozent im Besitz der Kommunen ist, wäre ein Erfolg nicht gänzlich auszuschließen.
Und auch den möglichen Angreifer haben Kuhnt und seine Mannen ausgemacht: den niederländisch-britischen Energie- und Öl-Multi Royal/Dutch Shell.
»Beide Konzerne«, heißt es in einem internen RWE-Papier, würden sich in nahezu »idealer Weise ergänzen«. Zwar ist RWE im Vergleich zu Shell geradezu ein Zwerg mit nicht einmal einem Drittel des Umsatzes. Trotzdem könnte eine Übernahme Sinn machen.
Denn neben seinem international äußerst profitablen Öl- und Gasgeschäft plant Shell den Aufbau einer europäischen Stromsparte. Durch gezielte Zukäufe, hatte Shell-Chef Maarten van den Bergh im Februar in Den Haag angekündigt, werde man das Elektrizitätsgeschäft schon in kurzer Zeit »enorm ausbauen«.
Dass der niederländisch-britische Multi dabei auch ein Auge auf RWE als einen der größten Stromkonzerne Europas geworfen hat, daran zumindest besteht in Essen kaum ein Zweifel. »Zu eindeutig«, so ein hochrangiger RWE-Manager, seien die Zeichen aus Den Haag.
Unbegründete Panik oder berechtigte Vorahnung? Vor wenigen Wochen zumindest entschloss sich Kuhnt zur Flucht nach vorn. In Geheimverhandlungen lotet er die Möglichkeiten einer Kooperation mit Shell aus. Zwar sind die Verhandlungen bisher auf eine Zusammenarbeit im Tankstellengeschäft beschränkt. Sollten die Gespräche jedoch positiv verlaufen, so ein enger Berater des RWE-Chefs, könne auch über strategische Partnerschaften im Gas- und Strombereich geredet werden.
Doch auch für den Fall eines Angriffs haben die RWE-Manager Abwehrmaßnahmen vorbereitet. So könne man in einer Blitzaktion den englischen Energieversorger Centrica kaufen und damit den Unternehmenswert steigern. Außerdem gibt es Pläne für eine Fusion mit dem französischen Mischkonzern Vivendi. Dessen Chef Jean-Marie Messier hat in Gesprächen mit RWE angekündigt, dass er seinen Konzern im Laufe des Jahres möglicherweise in zwei Unternehmen aufspalten will.
Neben der Multimediasparte, in der Messier Beteiligungen im Mobilfunk, an Fernsehsendern und Internet-Firmen hält, soll dann die Wasser- und Energiesparte als eigene Gesellschaft geführt werden.
Allerdings wäre dieser Teil allein wohl zu schwach, um im harten europäischen Wettbewerb zu bestehen. Und da Vivendi und RWE bereits in Berlin gemeinsam im milliardenschweren Wassergeschäft tätig sind, ist Kuhnt zuversichtlich, dann auch auf Konzernebene eine Partnerschaft mit Messier abschließen zu können. Erste viel versprechende Gespräche, heißt es in Essen, habe es bereits gegeben. FRANK DOHMEN