Echtes Teamwork - DER SPIEGEL
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Bahn Echtes Teamwork

Die neueste Idee von Bahnchef Dürr: Rund 50 Provinzbahnhäfe sollen von Azubis gemanagt werden.
• aus DER SPIEGEL 26/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Dienstleistungsöde Deutschland klingen die Sprüche reichlich keß. »Wir wollen«, so steht in roten Lettern auf dem Plakat, »zufriedene Kunden.« Sie sollen »freundlich bedient« werden und einen »umfassenden Service« genießen.

Die Losungen hängen im Bahnhof von Bad Schussenried, der ersten »Juniorfirma« der Deutschen Bahn AG. Lehrlinge haben das Plakat gemalt. Ihr ehrgeiziges Ziel: »Wir wollen mehr Verkehr auf die Schiene bringen.«

Seit gut vier Monaten managen Azubis den Bahnhof der schwäbischen Kurstadt, auf halber Strecke zwischen Ulm und Lindau. Der bessere Service und die Kundennähe der Azubis kommen offenbar an: Der Umsatz stieg um 30 Prozent.

»Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe«, glaubt Bahnchef Heinz Dürr. In bisher unrentablen Stationen, die eigentlich geschlossen werden sollten, bleiben nun die Schalter offen. Die Bahn spart Kosten. Zugleich läßt sich die Ausbildung vor Ort praxisnäher gestalten, meint der oberste Eisenbahner. Die jungen Leute lernen »unternehmerische Verantwortung«.

Weitere 50 Bahnhöfe sollen nun nach dem schwäbischen Modell zu Ausbildungsstationen umgemodelt werden, zumeist in der Provinz: in Dinkelscherben und Räthenbach, in Bönen und in Flöha, aber auch in Köln-Mülheim oder Ahrensburg bei Hamburg.

Die Pläne mit den »Juniorfirmen« verblüffen in einem Beamtenbetrieb, der seine Kunden allzu lange als »Beförderungsfälle« mißhandelte. Noch heute entartet der Verkauf von Fahrkarten bisweilen zum hoheitlichen Akt.

»Die Denke muß sich ändern«, hatte Dürr nach der Bahnreform oft getrommelt. Tatsächlich wandelt sich der betuliche Staatsmonopolist nur langsam in einen modernen Dienstleistungsbetrieb.

So waren die Vorstände zunächst baff, als sie von der Idee des Beamten Dietmar Baur hörten. Aber dann bestellten sie den findigen Schwaben aus der Provinz in die Zentrale nach Frankfurt. Der Ausbilder schlüpfte in seinen Ausgehanzug und informierte die Herren vom Vorstand. »Die fande des gut«, schwäbelt er stolz.

Nicht nur die. Baurs Azubis vor allem sind hellauf begeistert von dem neuen Ausbildungsberuf »Kaufmann und -frau im Eisenbahn- und Straßenverkehr«, kurz KiES genannt. Die Ausbildung ist einfach »spitze«, meint der Bad Schussenrieder Lehrling Bernd. Für Lilli, die eigentlich Ljiljana heißt, ist das Programm schlichtweg »super«.

Alle zwölf Azubis dürfen schon im ersten Ausbildungsjahr eigenständig alles machen, um den Betrieb in Schwung zu halten. Das sei »echtes Teamwork«, sagt ihr Ausbildungsleiter Baur, einige fegten sogar den Bahnsteig.

Die Jugendlichen betreiben ihre »Juniorfirma« in zwei Schichten von 7 bis 15 sowie von 10 bis 18 Uhr. Jeweils zwei sitzen am Fahrkartenschalter, andere sind zuständig für Telefonauskunft, Reiseberatung, Kundenbetreuung oder Büroarbeiten. Selbst Dienstplan und Urlaub organisieren die Azubis in eigener Regie.

Die jungen Bahnhofmanager betreiben aktives Marketing, um noch mehr Kunden in den Zug zu ziehen. Regelmäßig wird die Zeitung ausgewertet. Simone berichtet über Neuigkeiten aus der Stadt, Stefan über die Politik, und Tanja widmet sich dem Kulturteil. Einige Kunden könnten ja auch mit der Bahn in das Theater nach München oder Stuttgart fahren.

Gülcan entwirft auf dem PC gerade Werbebriefe für die Firmen aus der Umgebung. Florian hat für die Schulen etliche Vorschläge für Klassenausflüge mit der Bahn ausgearbeitet, etwa zum Chiemsee.

Auch der Service soll verbessert werden. Noch fehlt ein Dienstfahrrad, um Fahrscheine direkt zum Kunden zu bringen. Ein Stehcafé soll eingerichtet werden sowie ein Kofferservice auf dem Bahnsteig. Die alten Holzbänke haben sie frisch gestrichen, aber auch die Fassade braucht neue Farbe.

Noch läuft nicht alles perfekt. Aufkommende Probleme werden in der Gruppe besprochen. Wenn nichts mehr geht, bleibt nur der Griff zum »roten Telefon« - die Verbindung zur nächsten Station der Alteisenbahner.

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