Eher düster - DER SPIEGEL
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Lufthansa Eher düster

Ein Mann von innen soll künftig die Lufthansa führen. Er kennt die Probleme, kann er sie auch lösen?
• aus DER SPIEGEL 18/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fast jeden Morgen, etwa ab sechs, spurtet Jürgen Weber in Hamburg am Ufer der Alster entlang. Der Technik-Chef der Deutschen Lufthansa hält sich durch das regelmäßige Lauftraining für den bevorstehenden Arbeitstag fit.

Kraft und Beweglichkeit kann der 49jährige Manager jetzt besonders gut gebrauchen: Weber soll neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa werden, am 14. Mai will Aufsichtsratchef Gerd Lausen ihn zum Nachfolger des aus Altersgründen ausscheidenden Heinz Ruhnau küren.

Lausens Plan ist zwar noch nicht offiziell. Kaum jemand zweifelt aber noch daran, daß die monatelange Auseinandersetzung um den Topjob in dem überwiegend bundeseigenen Unternehmen mit Webers Wahl zu Ende geht.

Dem Unternehmen kann das nur guttun. Die Unruhe unter den Mitarbeitern ist groß, die Unsicherheit über den künftigen Kurs trifft die Lufthansa zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Die Luftlinie hat gewaltige Probleme.

Eile ist geboten, wichtige Entscheidungen müssen getroffen werden. Doch die Verantwortlichen ließen sich Zeit. Denn was immer mit und in der Lufthansa passiert - dahinter stecken politische Interessen.

Die Entscheidung, wer die zweitgrößte Fluggesellschaft Europas künftig steuert, sollte eigentlich schon im März fallen. Doch Aufsichtsratschef Gerd Lausen konnte den Termin nicht einhalten.

Lausen favorisierte schon damals den Technik-Chef und stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Weber. Aber Helmut Kohl hatte die Personalie zur Chefsache erklärt und den Münchner Unternehmensberater Roland Berger mit der Suche nach einem Mann aus der deutschen Industrie betraut. Kohl wünschte sich einen ähnlich prominenten Manager wie den neuen Bundesbahn-Chef Heinz Dürr. Aber der Wunsch des Kanzlers erfüllte sich nicht, der Spitzenjob bei der Deutschen Lufthansa ist mit einem Jahresgehalt von etwa 450 000 Mark vergleichsweise schlecht bezahlt. Für diese Summe läßt sich keiner abwerben, Spitzenmanager in der Privatindustrie verdienen weit mehr.

So läuft nun alles auf Weber zu. Der Diplomingenieur, der bereits 1967 bei der Lufthansa-Werft in Hamburg anheuerte, hat vor allem die Mitarbeiter der Firma hinter sich. Sowohl die Vorstandskollegen als auch die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sprachen sich für den Kandidaten aus dem eigenen Hause aus. Aber auch die Banker im Lufthansa-Kontrollgremium, Hilmar Kopper von der Deutschen und Wolfgang Röller von der Dresdner Bank, sind für Weber. Kopper und Röller würden zwar lieber einen Verkaufsprofi als einen Techniker an der Spitze der Fluggesellschaft sehen. Auch mehr internationale Erfahrung und ein größeres Maß an Charisma, als der aus Lahr im Schwarzwald stammende Weber bietet, hätte sich so mancher Lufthansa-Aufsichtsrat gewünscht.

Aber Weber hat einen entscheidenden Vorteil: Er kennt die Lufthansa von innen. Die Aufsichtsräte trauen ihm am ehesten zu, die Mitarbeiter neu zu motivieren.

Anders als der Machtmensch Ruhnau, der die Mannschaft polarisierte, gilt der schnörkellose Weber als Mann des Ausgleichs. Er ist sachkundig und effektiv - und er weiß, was auf ihn zukommt.

Allein in den ersten beiden Monaten 1991 erwirtschaftete die Lufthansa einen Verlust von mehr als 300 Millionen Mark. Die aktuellen Probleme sind nur zum Teil Folge des Golfkriegs, der die Zahl der Fluggäste drastisch reduzierte. Noch immer sind die Kosten der Lufthansa viel zu hoch.

Die Zukunft sieht eher düster aus. Von 1993 an wird die Lufthansa einem sehr viel stärkeren Wettbewerb ausgesetzt sein als bisher. Dann dürfen alle europäischen Gesellschaften sämtliche Flughäfen in Europa anfliegen.

Heinz Ruhnau hat versucht, das Unternehmen für die härteren Zeiten zu trimmen. Er schliff alte Hierarchien, führte ein modernes Streckenmanagement ein und verlagerte einen großen Teil der Verwaltung von Köln nach Frankfurt.

Doch das reicht längst nicht aus, die Lufthansa muß sich künftig viel mehr als bisher am Markt ausrichten und weiter Kosten senken. Die Aufgabe ist nicht leicht - und sie wird erschwert durch den Einfluß, den die Politik auf das Unternehmen nimmt.

Weber bekommt das schon zu spüren. Beamte des Bonner Verkehrsministeriums versuchten noch in der vergangenen Woche, Webers Wahl zu hintertreiben. Der von ihm verantwortete Technikbereich, so verbreiteten sie, arbeite viel zu teuer. Der altgediente Lufthanseat sei nicht der richtige Mann, um die erforderlichen Kostenschnitte durchzuführen; zu eng sei seine Verflechtung mit den Arbeitnehmern.

Weber gibt sich gelassen: »Ich sehe das nicht so.« o

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