Eher unauffällig - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 88

MANAGER Eher unauffällig

VW-Chef Toni Schmücker bekam seinen Wunsch-Kandidaten für den Posten des Auf sichtsratsvorsitzenden durch.
• aus DER SPIEGEL 48/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Vorschlag machten die Arbeitgeber, aber auch IG-Metall-Chef Eugen Lederer fand »den Mann akzeptabel«. Der Kandidat selbst empfahl sich mit einem gewichtigen Argument: »Herr Schmücker und ich können gut miteinander.«

Die Wahl war dann nur noch eine Formsache: Einstimmig ernannte der Aufsichtsrat des von Toni Schmücker geführten Wolfsburger VW-Konzerns am Freitag vorletzter Woche Karl Gustaf Ratien, 60, zu seinem neuen Vorsitzenden.

Der Chef der Frankfurter Metallgesellschaft übernahm damit als Nachfolger des pensionierten Stahlmanagers Hans Birnbaum einen der gewichtigsten und zugleich schwierigsten Aufsichtsratsposten in der deutschen Industrie.

Denn im Gegensatz zu anderen Konzernen sitzen in dem 20köpfigen VW-Gremium neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch zwei sozialliberale Staatssekretäre aus Bonn und zwei christdemokratische Minister aus Hannover. Sie vertreten in Wolfsburg die zwei staatlichen Großaktionäre, den Bund und das Land Niedersachsen, die zusammen 40 Prozent der VW-Aktien besitzen.

»Eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, integrierend zu wirken«, verkündete denn auch der Metall-Manager kurz nach seiner Wahl. Die Chancen, daß Ratjen die selbstgesetzte Aufgabe erfüllt, stehen nicht schlecht.

Es war vor allem die ihm nachgerühmte Fähigkeit zum Ausgleich, die Ratjen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Anteilseignern und Management wählbar machte.

Der Generaldirektor des Frankfurter Konzerns hat sich bei den Gewerkschaften seit Jahren den Ruf eines fairen Gesprächspartners erworben. »Er würde«, urteilt der Frankfurter IG-Metall-Funktionär Harald Fuchs, Aufsichtsrat in Ratjens Metallgesellschaft, »seine Position im Gegensatz zu vielen anderen Spitzenmanagern nie mit Brachialgewalt durchsetzen.«

Sein Unternehmen lenkt der gelernte Jurist, dessen Manager-Karriere 1952 bei der Sachtleben AG für Bergbau und chemische Industrie in Köln, einer Tochter der Metallgesellschaft, begann, eher unauffällig und ohne werbewirksame Auftritte. Der Sohn eines Berliner Privatbankiers gehört denn auch zu jenen Top-Managern' die in schöner Regelmäßigkeit die Ranglisten der prominentesten Unternehmensleiter bevölkern.

Unauffällig wie der Spitzenmann ist die Firma: Die Metallgesellschaft, mit knapp 27 000 Beschäftigten und rund acht Milliarden Mark Umsatz auf Platz 23 der bundesdeutschen Industrie-Unternehmen, bietet über Metallerzeugung und Bankgeschäfte bis hin zu Verpackungsprodukten ein buntes Sortiment feil. Mit den Gesellschaften der Lurgi-Gruppe dirigiert sie überdies die größten Ingenieurbüros in Europa.

Für die neue Position in Wolfsburg bringt der Chef der Metallgesellschaft gute Branchenkenntnisse mit. Seit 1975 sitzt Ratjen im Aufsichtsrat des VW-Konzerns. Die Metallgesellschaft ist als Produzent von Kolben und Kurbelwellen, Korrosionsschutzmitteln und Motorblöcken einer der größten Zulieferer der Automobilindustrie.

Ratjens Konzern ist mittlerweile so eng mit dem Automobilriesen vom Zonenrand verknüpft, daß die Metallverarbeiter aus der Main-Metropole sich sogar in ihrer Investitionspolitik auf die Konzernstrategie von VW-Chef Toni Schmücker einstellten.

Das Frankfurter Metallunternehmen will in der Nachbarschaft der geplanten VW-Motorenfabrik in Mexiko und des bereits bestehenden VW-Montagewerks in Westmoreland (Pennsylvania) eigene Fabriken für die Kolbenproduktion errichten.

Auch die beiden Konzernführer stehen seit Jahren in engem Kontakt. Als Ende 1978 erstmals vom baldigen Rücktritt Birnbaums die Rede war, warb Schmücker in Gesprächen mit seinen Räten immer wieder für seinen Wunschkandidaten Ratjen.

Doch das Echo auf diesen Vorschlag war zunächst recht schwach. Finanzminister Hans Matthöfer, der den 20prozentigen Bundesbesitz am VW-Konzern verwaltet, wollte unbedingt den Vorstandssprecher der Dresdner Bank und ehemaligen Bonner FDP-Wirtschaftsminister, Hans Friderichs, auf den begehrten Ratssessel in Wolfsburg hieven.

Lederer und seine Arbeitnehmer-Riege favorisierten indessen den einflußreichen Walter Hesselbach, Aufsichtsratsmitglied der Bank für Gemeinwirtschaft und Chef der Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG.

Für beide Vorschläge war jedoch keine Mehrheit zu finden. Ein anderer möglicher Kandidat, Bosch-Chef Hans Merkle, winkte von vornherein ab. So einigten sich die Kontrolleure auf Ratjen.

Anders als Hans Birnbaum, der sich bei Amtsantritt 1974 mit Absatzkrisen, Vorstandsquerelen und Führungspannen herumschlagen mußte, übernimmt Ratjen die Funktion des Oberaufsehers in der bislang besten Geschäftsphase des Automobil-Konzerns seit dem Krieg.

Bei weltweit steigenden Spritpreisen sind die vergleichsweise sparsamen Autos der Wolfsburger gefragt wie nie. Bis 1981 will der Auto-Trust sein bisher größtes und mit knapp sechs Milliarden Mark auch teuerstes Investitionsprogramm durchziehen. In den USA, in Mexiko und in Afrika sollen neue Montagewerke gebaut werden.

Fehler kann Karl Gustaf Ratjen daher nur beim Geldausgeben machen -- fürs erste, jedenfalls.

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 88

Mehr lesen über