FLICK Eigentlich unfrei
Bei seinen Restaurant-Besuchen beobachtet der Konzernherr Friedrich Karl Flick, 48, mitunter durch einen Taschenspiegel die weniger kapitalstarken Mitmenschen in seinem Rücken. Wäre es unter seiner Würde, sich nach der übrigen Menschheit umzudrehen, so ist er doch neugierig auf sie wie sie auf ihn, den derzeit Zahlungsfähigsten aller Deutschen.
Den eigentlichen Kontakt mit der Umwelt läßt der Erbe Friedrich Karl (von Freunden nur »F. K.« genannt) für gewöhnlich jedoch durch seine Bediensteten aufnehmen. Sie umgeben ihn in einer Kopfzahl, die einem Ölfürsten anstünde: ein Chauffeur und Zahlmeister, ein Sekretär oder der Sekretär des Sekretärs, ein schußbereiter Leibwächter, dazu oft noch der mitreisende Oberförster der Flickschen Latifundien in der Steiermark sowie ein Masseur.
Mit solchem Gefolge kehrt der kontaktscheue und mißtrauische Alleinherrscher über Deutschlands größtes privates Industrie-Imperium etwa in sein Münchner Stammlokal »Franziskaner« ein, wo ihm eine speziell für ihn abgestellte Kellnerin die speziell für ihn bestimmten Mini-Biergläser rastlos nachreicht; Verzögerungen im Service wecken umgehend Flicks herrscherliche Ungeduld.
Zur Winterszeit folgen dem Magnaten die von ihm festgedungenen Skilehrer »Peppi« Zoller und »Sigi« Haueis vom Arlberg. Und immer wartet auf dem nächst erreichbaren Airport startklar mit zwei Piloten F. K. Flicks ledergepolsterter Privat-Jet vom Typ Mystère. Aufmerksame Beobachter konnten erleben, wie »Mick« und »Muck«, die bislang mitbeteiligten Neffen von F. K., auf ihre gelegentliche Beförderung mit diesem standesgemäßen Verkehrsmittel des Onkels demütigend lange warten mußten, und ahnten auch darin bereits das Wetterleuchten künftiger Machttrennung.
Friedrich Karl Flick Vater zweier minderjähriger Töchter, in zweiter Ehe verheiratet mit einer oberpfälzischen Försterstochter, verlangt zur Verbesserung seiner Laune laute Musik, selbst in einem sonst lärmfreien Speiselokal wie dem Franziskaner in München. Sein Hofstaat beordert für ihn dann rasch für 3000 Mark die Nachtklub-Band »Los Paraguayos« aus dem Münchner Zwei-Sterne-Lokal »Tantris« herbei. Und alsbald kann es geschehen, daß der sonst vor allem auf deutsche Marschmusik erpichte Krösus aus Düsseldorf leutselig den Chauffeur oder Sekretär aussendet, ihm zusagende andere Zeitgenossen beiderlei Geschlechts an seinen Tisch zu holen. Dort können sie einer Vatertagsstimmung teilhaftig werden, die mitunter in weithin vernehmbarem Glasschaden gipfelt. Bei Gelegenheit ergeben sich dank der Zech- und Brechfreude ergebener Mittrinker so aufwendige Scherbenberge, daß Freunde Flicks von einer »Kristallnacht« sprechen.
Ähnliches Geklirr erschien distanzierten Hotelgästen signifikant für Flick-Aufenthalte im »Hospiz« von St. Christoph am Arlberg, einem anderen Stammplatz des Milliardärs. Sie wunderten sich darüber, daß ganze Zimmerfluchten des sonst ausgebuchten Berghotels für ihn sogar dann bereitstehen mußten, wenn er gar nicht kam. Kam er – nach Vorinspektion des Hauses durch einen Flickschen Majordomus –, so beobachteten andere Stammgäste verdrossen, daß ein Hubschrauber, wie sie ihn sich gelegentlich zu mehreren gemeinsam für Tiefschneefahrten leisteten, für diesen Gast permanent auch dann geheuert blieb, wenn er ihn nicht brauchte.
Die Art solcher Flickschen Auftritte und Allüren weckt kurioserweise Animositäten gerade unter Wohlhabenden aus der Bundesrepublik, die das Bild des deutschen Unternehmers anders gepflegt sehen wollen. Sie besinnen sieh darauf, wie meisterlich unauffällig einst des Erben Friedrich Karl gewaltiger Vater Friedrich Flick, der Konzerngründer, seinen Lebensaufwand gestaltete.
Der eigentlich leise, gesellschaftlich unfrei wirkende Sohn hingegen, dessen Machtanspruch dem des Alten kaum nachsteht, verlangt nach tönender Lustbarkeit und einer äußerst kosten- und personalintensiven Organisation seiner im Grunde eher simplen Freuden. Rudolf Moshammer, nur einer seiner Münchner Schneider, entspricht dem beispielsweise dadurch, daß er die von ihm für F. K. abgestimmten Kleider-Kombinationen von der Jacke bis zur Socke durch eingestickte Nummern kennzeichnet und viermal anfertigt: je einmal für Flicks Wohnsitz in Düsseldorf, den Landsitz von Seeshaupt am Starnberger See, das Steiermärker Gut und die in Cannes liegende 42 Meter lange Motorjacht Flicks.
Bei Max Dietl, seinem derzeit bevorzugten Münchner Kleidermacher, zählt er zu den wenigen, die noch mehr als ein Dutzend Anzüge pro Jahr nachfassen. Herrenmode und das Bemühen, sich in ihr auf eine keinesfalls gewagte Art auf der Höhe zu befinden, fesseln Friedrich Karl Flicks Anteilnahme in einem für deutsche Industrielle ungewöhnlichen Umfang. Kleidung wie Begleitung scheinen ihm nach Ansicht von Lieferanten und Beobachtern ein gesteigertes Gefühl von Sicherheit, auch Souveränität zu vermitteln.
Es kann geschehen, daß Flick sein Outfit Wochen vor einem Fest bis ins Detail vorausdisponiert. Wie wichtig er seine textile Ausrüstung selber nimmt, erfuhr der Kleidermacher Moshammer bei einer Soiree, bei welcher ein Gast in haargenau dem grünen Smoking-Jackett erschien, wie es bei Moshammer exklusiv für Flick gefertigt worden war. F. K. hielt es für angebracht, selber unaufgefordert seinen Schneider zu beschwichtigen: Keine Sorge, dieses einmalig grüne Oberkleid sei schon das seine, er habe es diesmal nur einem Freund geliehen.
Andererseits fühlte sich Moshammer vom Hause Flick zu dem vergeblichen Versuch gedrängt, den SPIEGEL an der Veröffentlichung der kleinen Kuriosität zu hindern, daß F. K. für einen ausgewaschenen Jeans-Anzug seine 1800 Mark hei ihm berappt habe.
Zur Nummern-Ordnung im Kleiderschrank paßt die bürokratische Beschriftung von Stullenpäckchen, wenn es zu einem Flick-Picknick geht. Die jeweilige Wurstsorte steht bei jeder Schrippe außen drauf, und ein gekühlter Kofferraum der nach der Landung bereits wartenden Daimler-Kolonne liegt vorsorglich voll mit »Dom Perignon 1962«. Denn F. K. wechselt nicht gern seine Getränkesorten. Lokale, die ein von ihm geschätztes rotes Rothschild-Gewächs für 240 Mark die Flasche nicht selber auf der Karte führen, werden vor dem Besuch des Milliardärs von dessen Chauffeur diskret aus dem Kofferraum mit dem Gewünschten versorgt, und es stört dann nicht, daß der kostbare Wein schon kräftig durchgeschüttelt ist.
Flicks Reisemarschall prüft vorher die Quartiere. Er sorgt für ein vollkommenes Arrangement nach Gewohnheit: etwa im Pariser Nobelhotel »Lancaster«, wo der rheinische Reiche mit seinen Freunden eine Etage füllte. Dort diente zusätzlich als Maitre de plaisir der Münchner Altplayboy und Mädchenexperte James Graser, den Flick mangels eigener Intentionen auch bei der Einrichtung seiner Jacht zu Rate zog.
Flicks Skilehrer pflegen, vorausfliegend, die für ihren Herrn eventuell denkbaren jungfräulichen Tiefschnee-Abfahrten am Arlberg, im US-Staat Utah oder in den Bergen Kanadas auszusuchen. Mit der skifahrenden Allgemeinheit, unter die sich Königin Juliane von den Niederlanden und mitunter selbst der Schah von Persien ungeniert zu begeben pflegen, kommt F. K. so nicht in nennenswerte Berührung. Dichter noch mutet die Abschirmung in der Düsseldorfer Konzern-Zentrale an, wo selbst noch die Lage des Flick-Büros geheimgehalten wird.
In Flicks kleinem Freundeskreis spielen Schulkameraden und ergebene. unkomplizierte Naturen eine bevorzugte Rolle: ein Lackfabrikant, ein Kinoketten-Besitzer, ein Gastwirt, ein Antiquitätenhändler. Kaum drei Dutzend Gäste versammeln sich zu den Flicksehen Silvester-Feiern in Seeshaupt, an deren Höhepunkt ein von Kennern auf 40 000 Mark geschätztes Feuerwerk abbrennt. Flicks eigentliches Lieblingsinstrument ist das Schlagzeug, an dem er sich in fortgeschrittener Stimmung selber austobt.
»Der Lebensstil von F. K.«, witzelt ein Teilnehmer solcher Vergnügungen, »das ist die aufwendigste Durchschnittlichkeit, die man sich denken kann.« Freilich erinnern sich Spezis, ihn selten so verfinstert erlebt zu haben wie in der Minute, in der unmittelbar neben seinem neuen Schiff am Pier von Cannes die um mehrere Meter längere Jacht eines um viele Millionen weniger Reichen festgemacht habe.