Eiliger Fall - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 25 / 71

PRESSE Eiliger Fall

Weil er sich um die »Vielfalt in der Presse« sorgt, wirbt Deutschlands einst mächtigster Bankier Hermann Josef Abs für ein katholisches Kampfblatt.
• aus DER SPIEGEL 39/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei den Sonderangeboten hielt es den alten Herrn am längsten. Eingehend prüfte Hermann Josef Abs, unbestrittener Nestor der deutschen Finanzwelt und Aufsichtsrats-Chef der Deutschen Bank, am ersten September-Sonnabend Angebot und Nachfrage des Bonner Obst- und Gemüsemarktes. Zu Käufen ließ er sich nicht hinreißen.

Eine Woche zuvor hatte sich der Altbankier der Marktwirtschaft im allgemeinen gewidmet. »Unserer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung« zuliebe verschreckte der fast Vierundsiebzigjährige eine halbe Hundertschaft von Bossen und Bankern mit der handsignierten schriftlichen Warnung: »Die ständigen Angriffe« gegen die Wirtschaftsordnung »und die seit einiger Zeit wieder verstärkt einsetzenden Diffamierungen von einzelnen Unternehmern und den Unternehmen im allgemeinen werden nach massenpsychologischen Erfahrungen nicht ohne Wirkung bleiben«.

Deshalb, schrieb Abs, liege es im Interesse der Adressaten, jene »Organe der Massenmedien zu fördern, die verantwortungsbewußt zuverlässige Informationen über die Wirtschaft im allgemeinen und die Unternehmen im besonderen liefern und dadurch zur Versachlichung der Meinungsbildung beitragen«.

Dann endlich kam der Schreiber zur Sache: »In diesem Zusammenhang ist das Wochenblatt »Rheinischer Merkur' zu nennen«, das sich als »Werbeträger von hohem Rang« für industriefinanzierte Anzeigen geradezu anbiete. Dem in Koblenz verlegten, in Köln redigierten konservativen Kampfblatt, dessen Kapitalmehrheit bei den katholischen Bischöfen liegt, sollte, plädierte Abs. auch durch die Übernahme von »Patenschaftsabonnements für Studenten und höhere Schulen« seine wackere Haltung vergolten werden.

Der von den Verlagsvertretern angestiftete Werber Abs, vor 25 Jahren zum Ritter vom Heiligen Grabe geschlagen, sicherte seine Hilfe spontan zu, »nicht wegen des konfessionellen Charakters« der Zeitung, sondern der Idee des »free enterprise« zuliebe.

Gerade damit steht es bei dem Konfessionsblatt nicht zum besten: Die Auflage des »Merkur« erreichte mühsam 60 000 Exemplare, die Anzeigen sackten im ersten Halbjahr 1975 um sieben Prozent. Überrascht vom Bittgang des einst von Wirtschaftsbossen gefürchteten Bankiers, taktierten etliche Adressaten hinhaltend.

Krupp-Chef Ernst Wolf Mommsen etwa, dessen Unternehmen Abs einst sanieren half, sah sich »in Verlegenheit«. Er schrieb »nett« an den Absender zurück, »die Firma werde das prüfen«. Peter Neckermann, Juniorchef des gleichnamigen Versandhauses, läßt noch antworten. Seine Tonvorschrift: »höflich«, seine Inhalts-Angabe: Die Neckermänner hätten bereits in Sachen Sporthilfe genug getan. Der Konkurrent aus Fürth, der Großversender Gustav Schickedanz ("Quelle"), will »ganz persönlich« Abs absagen

obgleich die Briefe nur »an den Vorstand« oder die »Direktion« adressiert waren,

Der Zuspruch anderer Abs-Adressaten aber ermunterte die Manager des Betblattes zu ungewohnter Wachsamkeit. Vorsorglich rückten sie nach der Abs-Aktion

eine Eigen-Anzeige in ihr Blatt, in der sie ihre Telephonnummer offerierten für jene, die »in eiligen Fällen« Anzeigen »auch fernmündlich« aufzugeben gedenken.

»Merkur«-Leser Abs hielt sich derweil für neue Barmherzigkeit bereit. Der Altbankier letzte Woche zum SPIEGEL: »Des Erhalts der Vielfalt unserer Presse wegen würde ich das für jede andere Zeitung auch tun, der SPIEGEL hat das wohl nicht nötig.«

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 71

Mehr lesen über