Wettbewerb EIN BILD DES JAMMERS
Der deutsch-amerikanische Ökonom Rüdiger Dornbusch sieht schwarz für das einstige Vaterland. Die Bundesrepublik, fürchtet der Professor am ruhmreichen Massachusetts Institute of Technology, werde das künftige europäische Sorgenkind.
1990 noch hatte die damalige westdeutsche Republik international als bestorganisierter, sozial gerechtester und wohlhabendster Industriestaat der Welt gegolten: Die Arbeitslosenquote lag seinerzeit bei 6,4, das Wachstum bei 5,7 und die Preissteigerungsrate bei 2,7 Prozent.
Die Wirtschaft erzielte im Außenhandel einen gewaltigen Überschuß, und auch die öffentlichen Kassen waren gut gefüllt.
1993, nur drei Jahre später, hat sich die Lage dramatisch gewandelt: 9,2 Prozent Arbeitslose, viele davon auf Dauer, fast 4 Prozent Inflation. Die Wirtschaft schrumpft um 2 Prozent, die öffentlichen Kassen sind leer. Zu Zehntausenden bauen Deutschlands Konzerne Arbeitsplätze ab. Überbetriebliche Leistungen wurden gekappt, der Wohlstand sinkt. Die Gewerkschaften müssen es hinnehmen.
Die Experten sind ratlos, die Politiker ebenso. Die einen wollen die Besserverdienenden höher besteuern, die anderen fordern niedrigere Löhne. Die Deutschen müssen wieder mehr arbeiten, sagen die einen. Die Arbeitszeit muß verkürzt werden, sagen die anderen.
Das Debatten-Chaos überzeugte den Ökonomen Dornbusch, daß Deutschland noch lange nicht am Ende, sondern eigentlich erst am Anfang des Abschwungs stehe. Zwar sieht das Gros deutscher Ökonomie-Professoren den neuen Aufschwung schon 1994 kommen. Dornbusch aber meint, Deutschland sei erst einmal dort stehengeblieben, wo die USA sich vor zehn Jahren befunden hatten.
Damals, in den Achtzigern, hatten die USA aus deutscher Sicht ein Bild des Jammers, der Inkompetenz und der großen Illusion geboten. Die Staatsschulden verdreifachten sich. Die realen Arbeitnehmer-Einkommen sanken. Der gesellschaftliche Mittelstand verlor sein einst so sicheres Fundament.
Rundum ent-industrialisierte sich das Land unter dem Wettbewerbsdruck aus Fernost. Reiche wurden reicher, Arme ärmer. Die Kosten des Sozialsystems ließen einen fiskalischen Super-GAU befürchten. Die Automobilindustrie kollabierte. Die High-Tech-Firmen beschlossen Massenentlassungen.
Ende 1993 zeigt sich dasselbe Bild - in Deutschland. Zieht ein unerklärbarer Abwärtssog die alten Industriegesellschaften nacheinander ins Dunkel? Erst Amerika, dann Europa und mittendrin das vereinigte Deutschland?
Bislang schien die teure Wiedervereinigung, der ungeratene Aufbau Ost an allem schuld. Überzogene Eigentumsgarantien, hastige Sozialanpassung und das Glücksspiel mit der D-Mark-Einführung haben Hunderte von Milliarden gekostet, deren Verlust nun als Grund der Krise herangezogen wird.
Aber muß sich deshalb die Industrie von Hunderttausenden ihrer Mitarbeiter trennen, werden deshalb kaum noch Volkswagen in den USA verkauft, bricht deshalb für deutsche Unternehmen der Werkzeugmaschinenmarkt ein, den sie vorher beherrscht hatten?
Kaum zu fassen auch, daß eine Volkswirtschaft, die 40 Jahre lang immer produktiver und immer reicher geworden war, nun immer mehr Leute an den Rand zu drängen scheint.
Zu schnell, zu sehr aus dem Hinterhalt kam die ganze Misere, als daß Politikern, dem Sachverständigenrat und den Kongreß-Festrednern dazu die griffigen Formeln einfallen.
»Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt«, erzählt die pensionsgesicherte Politkaste dem dummen Volk der Beitragszahler. Die Grenzen des Wachstums seien endgültig erreicht, philosophieren Grüne und Theologen. Es sei eigentlich nur eine größere Weltrezession, Japan inbegriffen, sagen dagegen die Professoren.
Daß ein weit komplizierterer Zeitenbruch stattfindet, blieb in solchen Verlautbarungen unberücksichtigt. Denn gegenwärtig treffen gleich drei säkulare Wandlungen das Wirtschaftsmusterland Deutschland zur gleichen Stunde:
Die vorwiegend von Deutschen entwickelte Technologie des 20. Jahrhunderts - Verbrennungsmotoren, Autos, Kunststoffe - ist Allgemeingut aller geworden. Das Land der großen Erfinder und Vollender verliert seinen langfristigen Wissens- und Qualitätsvorsprung. Ein Mercedes ist nicht mehr so viel besser als andere Autos, um weit höhere Preise zu rechtfertigen.
Deutschland blieb weiterhin die Metropole der Massentechnik; Elektronik, Gentechnologie, Computer - die Zukunft ist an den Deutschen vorbeigezogen. In den neuen Basistechnologien sind die Amerikaner führend. Die Japaner entwickelten nicht nur preiswertere Produkte, sondern auch intelligentere Fertigungsmethoden.
Und schließlich: Binnen vier Jahrzehnten hat sich Europa unter Führung Deutschlands aus Trümmern zu einer perfekten Wohlstandsgesellschaft entwickelt, nun hat es sein Aufholwachstum hinter sich.
Das Tempo war verführerisch gewesen. Es sicherte hohe Wachstumsraten in einem geschützten Markt. Auf beidem basiert das Sozialsystem der Europäer. Mit bescheideneren Wachstumsraten, mit dem Übergang vom Nachhol- zum Ersatzbedarf war es nicht mehr finanzierbar.
Die Basiswerte sind zu hoch geworden. Löhne, Arbeitszeiten und Sozialleistungen waren durch industrielle Großunternehmen geprägt und weiteten sich über sämtliche Branchen und Betriebsgrößen aus. Im internationalen Wettbewerb beginnt Europas Ware nun zu teuer zu werden. Das schadet dem Absatz und führt zu Entlassungen.
Der unausweichliche Reformprozeß in den alten Industriegesellschaften wird gegenwärtig noch beschleunigt durch außenpolitische Umwälzungen. In den späten neunziger Jahren wird es deshalb hektisch zugehen.
»Das Management von heute«, sagt der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi, Aufsichtsratsvorsitzender der Leipziger Maschinenbaufirma Takraf, »hat sich auf die Globalisierung und die Wanderung von Arbeitsplätzen einzustellen.«
Arbeitsplätze wandern, nicht Arbeitskräfte. Industriestandorte verschieben sich global. Weltweit operierende Großunternehmen sind keine nationalen Institutionen mehr. »Kapital ist sehr beweglich geworden«, droht Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.
Seit das Ost-Imperium zusammengebrochen ist, muß sich die deutsche Wirtschaft dem Wettbewerb mit Billigkonkurrenten vor der eigenen Haustür stellen. Und in Asien wachsen neue, aggressive Wettbewerber heran.
»Vor der Öffnung der Grenzen«, hatte die New Yorker Investmentbank Morgan Stanley schon im Sommer 1993 erkannt, »war Europa nicht wettbewerbsfähig. Es handelte zu 60 Prozent mit sich selbst.« Die Ausfuhr des Exportweltmeisters Deutschland ging zu 55 Prozent in die EG-Länder.
Der Wettbewerb ist global geworden, nun werden die Verkrustungen in der deutschen Wirtschaft sichtbar. Ob bei Stahl, Elektrogeräten oder Autoteilen, ob bei Motoren, Schiffen oder konventionellen Kraftwerken - die Ausländer sind oft billiger. Automobile muß der deutsche Kunde um die Hälfte teurer bezahlen als der Amerikaner.
Zunehmend verlagert die deutsche Industrie Teile ihrer Fertigung ins Ausland. VW schob immer mehr Aufträge an seine Tochterfirma Skoda in Tschechien, die ihrerseits in Polen bauen will. Der Bochumer Textilfabrikant Klaus Steilmann geht noch einen Schritt weiter; er läßt in der chaotischen Ukraine produzieren, wo die Lohnkosten pro Person und Monat 100 Mark ausmachen.
Die bislang klein gehaltenen oder hinter dem Eisernen Vorhang versteckten Nationen mischen plötzlich mit; sie holen sich einen größeren Anteil am Markt.
Das geht an den Nerv der europäischen Industrie-Organisation. Über sie war die Zeit hinweggegangen, ohne daß es so richtig bemerkt wurde. Taylorismus, die Zerstückelung der Arbeit in kleine, fließbandgerechte Einheiten, beherrschte noch ihr Denken.
Großindustrie, Sozialstaat und Gewerkschaften hatten eine liberal-konservative Allianz gebildet, bei der Produktion und Absatz über das Lohnkartell gesichert schienen. Verteilungspolitik wurde zum Gesellschaftsspiel ihrer Repräsentanten.
Den Störenfried Japan Incorporated hielten die Europäer mit Hilfe von Quoten klein. Die USA, lange im industriellen Niedergang, schienen ungefährlich. In ihrem abgeschotteten Markt konnten die Europäer sich ungestraft manchen Luxus und auch viele Fehler erlauben.
In diesem System verlor der Preis der Arbeit seine Lenkungsfunktion. Statt unqualifizierte Leute in billige Jobs zu bringen, wurden die billigen Jobs vernichtet.
Das staatliche Sozialmonopol zahlte mithin für Arbeitslose, die keine sein mußten. Der absehbare Kollaps dieses Systems verändert nun rasch das Denken.
Zugesetzt hat die Öffnung aller Grenzen auch dem Industrie-Establishment. Die Schönwetter-Direktoren der deutschen Wirtschaft haben ihre Spitzengehälter zwar stets gern kassiert, aber selten mit ähnlich gewichtiger Gegenleistung honoriert. Kaum einer kam auf die Idee, an japanischen Fertigungsmethoden könnte etwas dran sein. Die alten Produkte verkauften sich prächtig - warum also viel Geld und Energie in die Entwicklung neuer investieren?
Dann kam die Krise und mit ihr die Panik. Hektisch kappten die Unternehmen Fabriken und Arbeitsplätze. Nun soll, mit aller Gewalt, die Produktivität gesteigert werden. Doch Feuern allein ist keine Strategie. _(* ABM-Beschäftigte in Ostdeutschland ) _(recyceln alte Maschinen und Fahrräder. )
Ob die Radikalkur am Ende eine gesunde, wieder wachsende und wettbewerbsfähige oder nur eine geschrumpfte Industrie übrigläßt - das hängt davon ab, ob aus der Krise die richtigen Lehren gezogen werden. Das Kartell von Großindustrie, Sozialstaat und Gewerkschaften steht vor dem Fall. Mit der Öffnung der Festung Europa wird keines seiner Mitglieder die alte Macht halten können.
Der alte Kontinent, seine Institutionen, Ideologien und Machtstrukturen werden durchgeschüttelt, verkrustete Strukturen in Staat und Wirtschaft aufgebrochen. Darin liegt die Chance der Krise.
»Gefordert ist«, erkannte Italiens Forschungsminister Umberto Colombo, »ein gewaltiger Wandel unserer Gewohnheiten.« Y
Verteilungspolitik wurde zum Gesellschaftsspiel
[Grafiktext]
__88_ Forschungs- und Entwicklungsausgaben Anteil Bruttoinlandsprodukt
__89_ Arbeitslosigkeit und Sozialausgaben in Deutschland
__91_ Steuern und Sozialabgaben / Reales Bruttoinlandsprodukt
_____ / Beschäftigte im Dienstleistungsgewerbe
[GrafiktextEnde]
* ABM-Beschäftigte in Ostdeutschland recyceln alte Maschinen undFahrräder.