»Ein echter Brummer« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 113

»Ein echter Brummer«

E.on-Chef Wulf Bernotat, 55, über den Einstieg seines Konzerns in die Gasförderung und den Gasprom-Deal
• aus DER SPIEGEL 29/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Bernotat, der Stromprimus E.on will demnächst in großem Stil in die Gasförderung in Russland einsteigen. Wollen Sie Energiemultis wie Shell oder BP Konkurrenz machen?

Bernotat: Nein, das nicht. Die beiden Konzerne haben ein anderes Geschäftsmodell und spielen auch in einer anderen Liga. Wir sind ein Strom- und Gasunternehmen und wollen uns, was das Gasgeschäft angeht, stärker in die Eigenversorgung begeben. Wir zielen dabei auf einen Anteil von 15 bis 20 Prozent unseres Bedarfs. Das von Ihnen angesprochene Engagement ist ein erster, aber sehr wichtiger Schritt.

SPIEGEL: Es heißt, dass der Beteiligung an dem sibirischen Gasfeld weitere Projekte folgen könnten. Gibt es schon konkrete Planungen?

Bernotat: Wir verfolgen einige Projekte. Konkret ist bisher erst dieses eine Gasfeld - aber das ist ein echter Brummer. Die geologischen Bedingungen sind hervorragend, und die Größenordnung entspricht mit rund 700 Milliarden Kubikmetern Gas den gesamten nachgewiesenen Reserven in Großbritannien. Es ist ein gewaltiger Schritt, dass Russland und unser Partnerunternehmen Gasprom uns eine solche exzellente Beteiligung anbieten. Das hat es in dieser Form noch nicht gegeben und unterstreicht die hervorragenden Beziehungen beider Unternehmen.

SPIEGEL: Bisher ist das von Ihnen unterzeichnete Papier jedoch nicht mehr als eine reine Absichtserklärung. Wie soll es konkret weitergehen?

Bernotat: Die Vereinbarung geht weit über eine Absichtserklärung hinaus. Beide Unternehmen haben sich verpflichtet, die vereinbarten Projekte möglichst rasch umzusetzen. Bereits in drei Monaten soll es eine weitere, detaillierte Vereinbarung geben. Innerhalb der nächsten zwölf Monate werden dann die Projekte exklusiv ausgehandelt. Das ist ein sehr enger Zeitplan, den wir auch einhalten wollen.

SPIEGEL: Halten Sie die politischen Rahmenbedingungen denn für ausreichend? Der Fall des russischen Ölkonzerns Jukos müsste Sie bei Ihren ambitionierten Plänen auf dem russischen Markt doch eher abschrecken.

Bernotat: Das ist ein innenpolitisches Thema, zu dem ich mich nicht weiter äußern möchte. Insgesamt sind die Rahmenbedingungen auf dem russischen Markt sehr viel besser als noch vor einigen Jahren. Gerade für deutsche Unternehmen ist das Klima außergewöhnlich gut. Außerdem handelt es sich bei unserem Engagement um Projekte im Energiesektor, die für beide Regierungen einen sehr hohen Stellenwert haben. Insofern befürchte ich keine Schwierigkeiten.

SPIEGEL: Trotzdem hat man den Eindruck, dass Sie die Finanzmärkte eher beruhigen wollen. Immerhin sollen Milliarden investiert werden, und Sie sprechen vage von einem Beteiligungstausch.

Bernotat: Das schließt sich doch nicht aus. Wir werden in die neu zu gründenden Firmen bestehende Beteiligungen und Vermögenswerte einbringen. So hat allein unsere Gasprom-Beteiligung einen Wert von ungefähr drei Milliarden Euro. Das ist ein großes Volumen, und es hat den enormen Vorteil, dass wir unsere Kapitalreserven vorerst nicht angreifen müssen.

SPIEGEL: Angesichts der gewaltigen Projekte, die Sie mit Gasprom vereinbart haben, dürfte das aber nicht reichen. Immerhin beteiligen Sie sich auch an dem Bau der Ostsee-Pipeline. Allein die soll sechs Milliarden Euro kosten.

Bernotat: Dieser Preis mag für die Verbindung von Sibirien bis Großbritannien zutreffen. Der Abschnitt durch die Ostsee, den wir neben anderen Projekten mitfinanzieren, kostet gut 2,4 Milliarden Euro. Aber wir haben weitere Werte, die wir in die Partnerschaft mit Gasprom einbringen können, und natürlich ist auch ein Barausgleich geplant, falls es nicht reichen sollte.

SPIEGEL: Was bedeutet Ihr Einstieg in die Gasproduktion für die Energiewirtschaft in Deutschland?

Bernotat: Unser Engagement in Russland ist auch ein wichtiger Beitrag für den Standort. Denn tendenziell gehen die Gasreserven in Ländern wie Holland oder Großbritannien zurück. Russland wird mit seinen riesigen Vorkommen somit ein immer wichtigerer Lieferant für Europa werden. Insofern tragen unsere Projekte mit Gasprom mittelfristig auch erheblich zur Versorgungssicherheit in Deutschland bei.

INTERVIEW: FRANK DOHMEN

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 113