PATENTE Ein Krampf
Sie kamen aus den USA, aus Westeuropa und Japan, Leichtgewichte von 39 Kilo waren dabei und schwere Brocken von zwei Zentnern. Dreizehnjährige Knaben und weißbärtige Pensionäre. Und alle standen auf den gleichen Brettern, als sie am CableBeach (Bahamas) vorbeirauschten, um Meister der Windsurfer zu werden.
Den Pokal hatte der niederländische Konzern Koninklijke Textielfabriken Nijverdal Ten Cate gestiftet -- eine Firma, die den westeuropäischen Markt weitgehend beherrscht und -- dank eines Patents -- voll unter Kontrolle bekommen möchte.
Das Geschäft ist interessant genug: Allein in Westeuropa segelten 1976 rund 25 000 Fans im Stehen. Dieses Jahr werden nach Expertenschätzung vermutlich doppelt so viele windsurfen. Da lassen sich bald 100 Millionen Mark Umsatz machen.
Am schnellsten breitet sich die neue Sportart in der Bundesrepublik aus. Gut 20 000 Bretter mit Mast und Segel wurden hier bereits verkauft. Dreiviertel davon lieferte Ten Cate, den Rest teilt sich eine wachsende Zahl kleinerer deutscher Hersteller -- zu viele jedenfalls nach Ansicht der Holländer.
Ende Oktober ging der Textilkonzern, dessen Bilanz von den Surfbrettern aufpoliert wird, in die Offensive. Ten-Cate-Anwälte schickten den bekannteren deutschen Segelbrett-Herstellern einen Drohbrief: Sie dürften die Geräte in Zukunft weder produzieren noch verkaufen. In einer Unterwerfungs-Erklärung sollten die Deutschen eine Vertragsstrafe von 1000 Mark pro Brett akzeptieren.
Denn Ten Cate allein, meinen die Holländer, sei befugt, die heute üblichen Surfbretter zu bauen. Nur sie hätten die Lizenz des Erfinders Hoyle Schweitzer, der auch in der Bundesrepublik Patentschutz beantragt habe.
Allzuviel Patentwürdiges ist allerdings bei den Segelbrettern, jedenfalls für Laien, kaum auszumachen. Das Gerät besteht aus einem dreieinhalb Meter langen Brett aus Holz oder Kunststoff, einem Mast und einem dreieckigen Segel.
Der auf dem Brett stehende Surfer, der bei gutem Wind über 30 Stundenkilometer machen kann, lenkt sein Gefährt mit dem Körper, wobei er das Segel über waagerechte, gekrümmte Stangen (Großbäume) dirigiert, die am Mast befestigt sind.
Der Mast muß also frei beweglich, gleichzeitig aber fest mit dem Brett verbunden sein. Das schafft ein simples Gelenk: nach Ansicht der Ten-Cate-Hersteller der Clou des Ganzen.
Auch die Segelbretter aus der Bundesrepublik sind ausnahmslos mit diesen Gelenken ausgestattet. Und trotz der holländischen Drohung produzieren die Deutschen wacker weiter.
Begreiflich, denn die Wasserrutscher haben es in sich. Ein Windsurfer aus Kunststoff kostet den Sportsfreund derzeit etwa 1600 Mark. Herstellungskosten des Gerätes: 400 bis maximal 600 Mark.
Bei solchen Spannen wäre für die meisten auch der Lizenzbau noch interessant. Aber eine Lizenz (Gebühr: zehn Prozent) hat Ten Cate bisher nur dem größten deutschen Konkurrenten, der Püttlinger Windglider-Ostermann GmbH, erteilt. Die anderen gehen auf Kollisionskurs.
»Das ist eine Unverschämtheit von den Holländern«, schimpft Ten-Cate-Konkurrent Florian Windischbauer, Der gelernte Flugzeug-Konstrukteur, der am Bodensee nebenberuflich Bausätze für einen »Jet-Surfer« (Preis: 765 Mark) ausgetüftelt hat, hält die Ten-Cate-Bretter für technisch unvollkommen.
»Das Mastgelenk ist doch ein Krampf«, findet Windischbauer, »Da gibt"s schönere Sachen.« Die Entwicklung der schöneren Sachen jedoch, fürchtet er, könnte durch das Patentverfahren gestoppt werden.
Erst 1987, ahnt auch das Fachblatt »Windsurfing«, könnte sich der neue Modesport -- mit dem Auslaufen des Hoyle-Schweitzer-Patents -- »bei uns weiterentwickeln«.
Doch nach eiligen Recherchen in den USA meinen die deutschen Bretthersteller einen Dreh gefunden zu haben, mit dessen Hilfe sie die niederländischen Wettbewerbs-Bremser abhängen könnten. Sie haben dem Patentamt in München amerikanische Fachartikel aus dem Jahre 1965 eingereicht, in denen ihrer Ansicht nach ein der umstrittenen Konstruktion ganz ähnliches Segelbrett beschrieben wird.
Wenn das Patentamt diesen Standpunkt teilt, können Erfinder Schweitzer und Lizenznehmer Ten Cate ihre Siegeschancen in den Wind schreiben. Denn ihre Konstruktion wurde erst 1968 zum Patent angemeldet.