»Ein Problemchen« - DER SPIEGEL
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»Ein Problemchen«

• aus DER SPIEGEL 38/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dem Mittelstürmer Jürgen »Kobra« Wegmann, einem Fußballer von beschränktem Tordrang und ebensolchem Ausdrucksvermögen, entfuhr es in einem melancholischen Moment: »Erst hat man kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu.«

Diese Dramaturgie des Schicksals bekam auch Klaus Müller-Gebel, Commerzbank-Vorstand und Aufsichtsrat des Bremer Vulkan Verbundes, zu spüren.

Erst mußte der Finanzmanager bestätigen, daß die größte deutsche Werft wieder einmal Verluste schreibt und die Bankschulden in diesem Jahr schon auf 780 Millionen Mark gestiegen sind. Und dann sollte Müller-Gebel auch noch erklären, warum die Entlassung dreier Werft-Vorstände sowie ein neuer 300-Millionen-Mark-Kredit nun wirklich kein Grund zur Aufregung sind: für ihn allenfalls, erklärte der Mann von der Commerzbank treuherzig, »ein Problemchen«.

In der gewöhnlich dem öffentlichen Einblick entzogenen Welt des Zinseszins, irgendwo zwischen Soll und Haben, gerät den Herren der Zahlen gelegentlich das treffende Wort abhanden.

Wenn Bankiers sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen - für den noblen Stand ohnehin schon eine Zumutung -, ist es zur Blamage nur ein kleiner Schritt. Sei es auf der Hauptversammlung, einem Branchentreffen oder einer Pressekonferenz - die höchste Gefahr beginnt, wenn das vorbereitete Redemanuskript endet.

Hilmar Kopper, dem Chef der Deutschen Bank, rollten die »Peanuts« aus dem Mund, nachdem ihn Journalisten drei Stunden lang mit Fragen drangsaliert hatten.

Die ausdauernde Vernehmung hatte ihn »gräßlich gelangweilt«, da sei es ihm halt passiert, erklärte Kopper später. Dabei wollte der Spitzenmanager doch nur die frohe Kunde verbreiten, daß die Bank die offenen Rechnungen des Immobilien-Bankrotteurs Jürgen Schneider generös begleichen wolle.

Normalerweise verwandelt sich im Munde eines Bankiers die katastrophale Geldnot mühelos zu einem Liquiditätsengpaß, mutieren Konkurse flugs zu Wertberichtigungen, werden Entlassungen zu Anpassungsmaßnahmen.

Auch im Dementieren von Hiobsbotschaften läßt sich auf sprachliche Routine und Erfahrung zurückgreifen: Klöckner-Humboldt-Deutz am Rand des Ruins? Entspricht nicht den Tatsachen. Die Interhotel-Kette mit mehreren Milliarden Mark Schulden ein zweiter Fall Schneider? So wahr wie die Berichte über »das Ungeheuer von Loch Ness« (Kopper).

Doch in einem Gewerbe, in dem die Nullen eine entscheidende Rolle spielen, verrutschen ebenso tückisch wie zwangsläufig die Relationen. Den Unterschied zwischen Problem und Problemchen bestimmt die Perspektive.

Der gemeine Kunde, der zwischen Topfpflanzen und Beratungsinseln einen Kleinkredit beantragt, fühlt sich an ein Verhör erinnert. Der Vorstand einer Großbank erblickt in den Geschäftsbüchern Bilanzwerte mit zwölf Ziffern, die Million wird in seinen Augen zur kleinsten Recheneinheit.

Auf dem Weg von der Schalterhalle in die Chefetage der Bank gerät vielen Managern erkennbar eines aus dem Auge - die Realität.

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