Eindeutige Botschaft - DER SPIEGEL
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Arzneien Eindeutige Botschaft

Was die Pharma-Firmen durch die Bonner Gesundheitsreform verlieren, holen sie an anderer Stelle wieder herein.
• aus DER SPIEGEL 42/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Bonner Arbeitsminister war mit dem Ergebnis seiner Bemühungen zufrieden. »Bitte sehr«, ließ Norbert Blüm im Sommer ganzseitig in Anzeigen verkünden, »Arzneimittelhersteller senken die Preise.« Und den Grund teilte er auch gleich mit: »Dank der Gesundheitsreform« - seiner Reform.

Die Reaktion der Pharmaindustrie schien Blüms Stolz über ein gelungenes Werk zu rechtfertigen. Zum 1. September, so hatten Krankenkassen und Ärzte nach der Bonner Reformanstrengung ausgehandelt, sollen für zehn Wirkstoffe, die in verschiedenen Medikamenten mit höchst unterschiedlichen Preisen enthalten sind, nur noch Festbeträge von den Kassen erstattet werden. Patienten, die ein teureres Medikament haben wollen, müssen zuzahlen.

Das sah zunächst gut aus. Hersteller teurer Markenpräparate mußten ihre Preise rigoros auf das neue Festbetragsniveau senken. Die Bayer AG etwa ließ bei ihrem Renner, dem Herzmittel Adalat (Umsatz im Vorjahr: 262 Millionen Mark), gleich rund 30 Prozent nach. Das Diabetesmittel Euglucon N von Hoechst und Boehringer-Mannheim (Umsatz: 122 Millionen Mark) gab es plötzlich statt für 39,40 Mark schon für 27,65 Mark.

Die Branche sah mit einem Mal Umsatzeinbußen in Millionenhöhe vor sich. Bald sei kaum Geld mehr für Forschung und Entwicklung da, klagte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Japaner und Amerikaner würden den Deutschen die führende Rolle im Arzneien-Markt streitig machen.

Während die Verbände klagten, hatten viele der betroffenen Firmen längst Strategien ausgearbeitet, wie das Schlimmste zu verhüten sei. Wie das geht, das wurde Deutschlands über 17 000 Apotheken schon vor Inkrafttreten der geregelten Preise am 1. September mitgeteilt:

»Erzwungene Preissenkungen«, schrieb etwa die Billigfirma Ratiopharm, »müssen durch adäquate Preiserhöhungen anderer Präparate kompensiert werden.« Andere Anbieter klärten auf ähnliche Weise ihre Kundschaft auf. Schwarz Pharma aus Monheim verkündete per Rundbrief, daß eine »Neukalkulation des gesamten Sortiments« nötig sei.

Die Kampagne war erfolgreich. Vielen Pharmaanbietern, so fand das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (AOK) heraus, ist es schon in der ersten Phase der Einführung von Festbeträgen gelungen, die Einbußen zu begrenzen. Die Hoechst AG, die zusammen mit Boehringer den Marktrenner Euglucon vertreibt, mußte mit dem Preis für dieses Medikament auf Festbetragsniveau. Für Hoechst ist ein Rückgang des Apothekenumsatzes um rund 20 Millionen Mark anzunehmen.

Seit April, seit die Einbußen für Euglucon N feststanden, hat Hoechst auf dem Nicht-Festbetragsmarkt mit Preisanhebungen von insgesamt 16,4 Millionen Mark reagiert. Hinzu kommen 8,9 Millionen bei den Töchtern Albert-Roussel und Cassella-Riedel. Fazit der AOK-Institutsforscher: »Die Hoechst AG hat ihre Verluste aus den ersten Festbeträgen bereits jetzt vollständig kompensiert, ja sogar überkompensiert.«

Sicher ist es nicht allen Firmen auf Anhieb gelungen, aus dem bejammerten Aderlaß einen Gewinn zu machen. Vor allem kleinere Anbieter, die ihren Umsatz im wesentlichen auf wenige von Festbeträgen betroffene Medikamente stützen, haben nur geringe Möglichkeiten, mit Preiserhöhungen bei anderen Produkten den Verlust zu begrenzen.

Insgesamt aber wird deutlich, daß die Pharmaindustrie, die für rund 20 Milliarden Mark Medikamente pro Jahr über die gesetzliche Krankenversicherung abrechnet, Blüms Festbeträge leicht verkraftet. Für die ersten zehn Wirkstoffe mit Festbeträgen haben die Kassen für sich eine Ersparnis von netto 280 Millionen Mark angesetzt. Rund 185 Millionen, so errechneten die AOK-Experten, haben die Pharmafirmen durch Preisanhebungen schon wieder hereingeholt.

Der von Blüm gefeierte Sieg über die Pharmaindustrie, die seit Jahrzehnten mit Höchstpreisen die deutschen Krankenkassen ausnimmt, ist ohnehin von fragwürdigem Wert. Jahr für Jahr steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Arzneimittel um sieben bis acht Prozent. Eine Milliarde Mark zusätzlich pro Jahr mußten die Kassen für Pillen zahlen - eine Ersparnis von noch nicht einmal 100 Millionen Mark nimmt sich da bescheiden aus.

Blüm braucht einen Erfolg dringender denn je: Er will im nächsten Jahr als Spitzenkandidat der CDU zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen antreten. Doch sein Trick, mit bombastisch angekündigten Preissenkungen für einzelne Medikamente den Zorn der geschröpften Patienten zu mildern, droht aufzufliegen. Ein Pharmaexperte: »Es wird alles so weitergehen wie bisher.« f

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