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CHAMPAGNER Einen obendrauf

Die Westdeutschen konsumieren dieses Jahr mehr Champagner als je zuvor. Dennoch haben die französischen Hersteller des Luxus-Getränks Schwierigkeiten, sich gegen die deutschen Sektkellereien zu profilieren.
• aus DER SPIEGEL 53/1977
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Die weißhaarige Dame im braunen Nerz hatte sich die Ausgabe zwei Tage überlegt, aber da war es zu spat.

»Wo ist der Pommery, das Sonderangebot zu 19,50«, herrschte sie am Montag nach dem zweiten Advent den Verkaufslehrling in der Lebensmittelabteilung des Karstadt-Warenhauses an der Hamburger Mönckebergstraße an, »vorgestern war doch noch der ganze Tisch hier voll?«

Der Champagner aber war ausverkauft. Die Laufkundschaft vom langen Samstag hatte nicht gezögert.

So schäumend wie in Hamburg war die Champagner-Nachfrage überall. Dieses Jahr, da sind sich sämtliche Importeure des französischen Spitzenschaumweins einig, köpften die Westdeutschen mehr Schampus-Flaschen als je zuvor: 3,5 Millionen Stück.

Henri Francois-Poncet, deutscher Repräsentant der größten Champagner-Kellerei, Moet & Chandon, strahlt: »Der Champagner-Groschen ist endlich gefallen.«

Rund 80 Millionen Franc werden die meist von Grafen und Prinzen geführten Champagner-Häuser in Reims und Epernay dieses Jahr für ihre Deutschland-Exporte einstreichen.

Doch das ist den Edelmanagern noch lange nicht genug. Nach Italienern, Belgiern, Briten und US-Bürgern liegen die Westdeutschen nämlich erst auf Platz fünf der Champagner-Exportstatistik. Der »wirtschaftlich so solide« Nachbar, schätzt zum Beispiel Alain Fion vom deutschen Informationsbüro des Champagner-Verbandes, könnte auf die Dauer doppelt soviel von dem perlenden Wein vertragen: sechs bis sieben Millionen Flaschen.

Gegenüber deutschem Schaumwein allerdings wäre auch das noch nicht berauschend. Denn auf dem deutschen Markt bremst die Franzosen eine »réalité brutale« (Champagner-Verband): Wenn die Deutschen in prickelnder Stimmung sind, greifen sie vorwiegend zu ihrem nationalen Schaumerzeugnis, dem Sekt. 277 Millionen Flaschen gewöhnlichen Schaumweins wurden 1976 in der Bundesrepublik konsumiert, pro Kopf gerechnet (3,4 Liter) mehr als in jedem anderen Land.

Schlimmer noch: »Kaum einer von zehn Deutschen«, konstatierte der Champagner-Verband betrübt nach einer Marktuntersuchung, »hat eine gewisse Ahnung von unserem Produkt und dem, was seinen originalen Charakter ausmacht.« Kennerschaft aber ist vonnöten, um die hohe Preisdifferenz zwischen Sekt und Champagner zu verstehen. Die französischen Marken kosten zwei- bis dreimal soviel wie selbst hochwertiger heimischer Sekt. »Unser Wein ist teuer«, räumt Champagner-Promoter Fion ein, »aber das kann man erklären.«

Allerdings. Der Champagner gehört, neben dem Cognac, zu den am besten kartellierten Branchen im kartellfreudigen Frankreich. Weinbauern und Händler der Champagne sind in dem Zwangsverband »Comité Interprofessionnel du Vin de Champagne« zusammengeschlossen, einer gern übernommenen Hinterlassenschaft des faschistischen Vichy-Regimes aus dem Jahr 1941. Dieses Komitee dekretiert jährlich die Preise der Champagner-Trauben, und da kommen 1977 nun einmal 7,98 Franc pro Kilo heraus, das Zehnfache dessen, was Trauben an der Rhone kosten.

Auch die Menge wird streng unter Kontrolle gehalten. Pro Hektar Anbaufläche darf nur eine begrenzte Menge Trauben für Champagner gepreßt werden, dieses Jahr bescheidene 8500 Kilo. Zusätzlich ist auch die Anbaufläche limitiert. Im Tal der Marne und auf den Hügeln von Reims, dem Anbaugebiet des Champagners, dürfen laut Gesetz nicht mehr als 34 000 Hektar Weingärten angelegt werden. Tatsächlich genutzt sind aber nur 23 000 Hektar.

In den über 200 Kilometer langen Keller-Gängen im Kreidefelsen unter seinen Schlössern pflegt der Champagner-Adel noch immer dieselben aufwendigen Produktionstechniken wie schon die Witwen Pommery und Clicquot selig vor 150 Jahren. Die zweite Gärung etwa, die aus dem moussierenden Wein einen Schaumwein von fünf Atü macht, findet wie eh in der Flasche, nicht in Riesentanks statt.

Über Monate eilt ein unterirdisches Heer von Facharbeitern durch die Keller und dreht Tag für Tag per Hand jede einzelne Flasche um ein Achtel, damit der Hefesatz langsam durch den Wein wandert und sich schließlich am Hals der Flasche absetzt. Bis zu 70 000 Flaschen läßt ein »remueur« täglich -- zweihändig -- rotieren.

Von diesen Feinheiten wahrlich ahnen die deutschen Champagner-Trinker nichts. »Champagner wird im allgemeinen wegen dem getrunken, was er repräsentiert«, folgert der französische Verband aus der Motivforschung in der Bundesrepublik, »und nicht wegen dem, was er ist.« Repräsentativ eben muß er sein, so der Direktor der deutschen Chandon Handelsgesellschaft. Günter Schöneis, »auf Flaschen abgefülltes Prestige«.

Nach diesem Motto auch haben die Champagner-Verkäufer jahrelang in der Bundesrepublik geworben. Pommery etwa, mit 23,8 Prozent Marktanteil »in Deutschland Nummer eins«, knotete seiner Bouteille für die Anzeigen eine weiße Serviette um und schrieb dazu: »Der einzige Champagner mit der Auszeichnung »Prestige de la France« -- mehr wäre dazu nicht zu sagen.«

* Cartier-Geschätsführerin Nathalie Hocq in München.

Weniger diskret, aber nach demselben Prinzip verfuhr die Nummer zwei (16,3 Prozent Marktanteil), Moet & Chandon. Ihre Münchner Vertretung steckt den Werbeetat von einer Million Mark jährlich kaum in Anzeigen, sondern in »Gesellschafts-PR« (Chandon-Direktor Schöneis).

Angeführt von ihrem Ober-Gesellschafter Henri Francois-Poncet. Sohn des früheren französischen Botschafters bei Hitler und Adenauer, hat sich die Chandon GmbH »an alle Anlässe angehängt. wo die für Champagner zu erweckenden Zielgruppen präsent sind« (Schöneis). Wenn zum Beispiel Nathalie Hocq aus Paris der Münchner Schickeria »Petite Joaillerie« von Cartier für 10000 bis 100 000 Mark präsentiert, sind die als Kellermeister verkleideten Promoter von Chandon mit ihren Flaschen dabei.

Fehlt gerade mal -- selten genug -- der Anlaß, dann lädt HFP (sprich: Asch-Eff-Peh) auch höchstpersönlich zur Champagner-Probe. Zutritt haben nur jene 150 bis 600 Auserwählten, die der »Champagner-Botschafter« ("Abendzeitung« München) in jeder deutschen Großstadt in seine »VIP-Kartei« aufgenommen hat. »Das ist wie ein Cocktail«, erklärt Direktor Schöneis die VIP-Mischung, »zuviel Industrie, dann wird es traurig -- da nehmen wir dann noch ein paar Farbkleckser aus dem Künstlerbereich.«

Seit HFP derart für Chandon wirkt, stieg der Absatz der Marke von 35 000 Flaschen (1966) auf über eine halbe Million. Marktführer Pommery allerdings blickt noch immer mit Verachtung auf den Parvenu. »Champagner-Schlachten«, distanziert sich Rolf Rädler, Direktor beim Pommery-Importeur Deinhard, »machen wie keine.«

Die Experten vom Champagner-Verband fürchten allerdings, daß weder mit Pommery- noch mit Chandon-Methoden das deutsche Marktpotential voll ausgeschöpft werden kann. »Das Champagner-Image«, so ihre Studie, sei »mit einem gewissen snobistischen, neureichen Touch« behaftet. Bei potentiellen Verbrauchern lasse dies »den Champagner als unerreichbar, nur für andere erscheinen«. Um dem »Konsum eine Rationalisierungsbasis zu geben«, schlugen sie den deutschen Importeuren eine informative Gemeinschaftswerbung vor. Doch die waren, so Champagner-Werber Fion, »nicht unter einen Hut zu bringen«.

Besonders problematisch war das Verhältnis des Pommery-Importeurs Deinhard zum Champagner. Die Sektkellerei sah sich vor der Entscheidung, den Champagner zu loben, ohne den eigenen Sekt abzuwerten »Bei deren Sektwerbung«, erklärte Chandon-Direktor Schöneis das Dilemma. »ist es schwer, noch einen obendrauf zu machen.«

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