KREUZFAHRTEN Einer bluffte
Von der »Maxim Gorki« war Johannes Zurnieden sofort hingerissen. »Junge, da mußt du ran«, sagte sich der Inhaber der Firma Phoenix Flugreisen, als er das russische Kreuzfahrt-Schiff Anfang Juni im Bremerhavener Dock besichtigte.
Dabei schätzte Zurnieden selbst seine Chance, mit der sowjetischen Reederei Sovcomflot ins Geschäft zu kommen, gering ein. Für das Vermarkten von Schiffen fehlt es ihm an Erfahrung, der Bonner Reiseveranstalter hat sich bislang mit der Organisation von Städtetouren beschäftigt.
Überdies waren die russischen Schiffsmanager gerade dabei, ihre Musikdampfer vom deutschen Markt zurückzuziehen. Die Sowjets, so hatte Zurnieden erfahren, wollten angeblich die Schiffe wieder nutzen, um ihre eigenen Leute mit Kreuzfahrten in der Ostsee und im Schwarzen Meer bei Laune zu halten.
Zurnieden ließ sich jedoch nicht entmutigen und sondierte in Moskau seine Chancen für einen Chartervertrag. Die Russen waren gar nicht so abgeneigt.
Die Total-Renovierung ihres Renommierschiffes »Maxim Gorki« auf der Lloyd Werft in Bremerhaven war teuer
geworden. Fast 20 Millionen Mark hatten die Sowjets dafür ausgeben müssen. Mit russischen Touristen lassen sich diese Millionen nicht wieder hereinfahren.
So flog Zurnieden nach Moskau, um mit den Sowjetmanagern zu verhandeln. Schon bald wurde ihm klar, daß da noch einer mitbot: die Karstadt-Reisetochter NUR, für die »Maxim Gorki« 13 Jahre lang gefahren war.
Zurnieden sah seine Aussichten wieder schwinden. Mit seinen 23 Mitarbeitern und 40 Millionen Mark Umsatz jährlich glaubte er nicht, ein ernsthafter Konkurrent für einen der größten deutschen Reiseveranstalter zu sein. Auch die Sowjets gaben offen zu erkennen, daß sie große Hoffnungen hatten, ihre »Maxim Gorki« wieder im NUR-Programm unterzubringen. »Hans, we must make money«, erklärte ihm Sovcomflot-Manager Wladimir Nicolajewitsch Wassiljew.
Um das Schiff begann ein hartes Pokern. NUR-Seereisen-Leiter Erhard Schwemmer und Zurnieden versuchten einander auszutricksen, zum Vergnügen Wassiljews. Erst spät merkte der Russe, daß einer nur bluffte.
NUR hatte für die »Maxim Gorki« längst Ersatz gefunden. Die neugebaute »Vasco da Gama« soll am 17. September für NUR in See stechen, deshalb sollte verhindert werden, daß die alte »Maxim Gorki« auf dem deutschen Seereisen-Markt wieder angeboten wird.
Das Schiff hat in Deutschland viele treue Anhänger, einige seit 1969, als die »Maxim Gorki« unter dem Namen »Hamburg« für die Deutsche Atlantik Linie fuhr. So mancher deutscher Kreuzfahrer, so fürchteten die NUR-Manager, würde rasch wieder von der »Vasco da Gama« auf das Russen-Schiff umsteigen.
Als die Sowjets merkten, daß Schwemmer nur auf Zeit spielte, fiel die Entscheidung schnell. Zurnieden erhielt einen Drei-Jahres-Vertrag.
Damit brach Aufregung bei Phoenix-Reisen aus. Noch nie hat ein so kleiner Reiseveranstalter ein so großes Schiff vermarktet. Auf dem 25 000-Tonner ist Platz für 600 Passagiere.
Der Wettbewerb unter den Veranstaltern von Kreuzfahrten ist hart, die Nachfrage stagniert bei rund 160 000 Passagieren im Jahr. Mit neuen Schiffen versuchen die Reiseveranstalter sich deshalb die Kreuzfahrer abzujagen.
Auch die Ausstattung wird immer aufwendiger. Auf der neuen »Vasco da Gama« bietet NUR neben Shuffle Board, Tischtennis und Tontauben-Schießen auch Tennis- und Golfsimulatoren an.
Da kann die »Maxim Gorki« auch nach ihrem Umbau in Bremerhaven nicht mithalten. Phoenix-Chef Zurnieden jedoch hat sich Helfer gesichert. Als er den Chartervertrag in der Tasche hatte, liefen auch gleich zwei NUR-Kreuzfahrt-Manager zu ihm über. Eine erfahrene Crew, das weiß Zurnieden, ist »die Seele vom Geschäft«.
Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Vor zwei Wochen hat Phoenix sein »Maxim Gorki«-Programm an 7821 Reisebüros verschickt. Seitdem ist im Bonner Phoenix-Büro, so Zurnieden, »die Hölle los«.
Jeden Tag gehen 60 bis 80 Buchungen ein. Wenn die Begeisterung anhält, ist die »Maxim Gorki« schon vor ihrem ersten Törn im Dezember für die ganze nächste Saison ausverkauft.