Einfach eine Schande - DER SPIEGEL
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WEIN Einfach eine Schande

Die deutschen Winzer wissen nicht, wohin mit ihren Rekordernten. *
• aus DER SPIEGEL 47/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor der Weinlese, in Erwartung einer nur mäßigen Erntemenge, klang alles noch ganz anders. Da sollten die Preise »stabil« bleiben oder »nicht wesentlich« steigen. Jetzt fallen sie.

Deutscher Wein ist so billig wie seit zehn Jahren nicht. 1982er Westhofener Bergkloster Spätlese zum Beispiel gab es in Flensburger »Spar«-Geschäften bereits für 2,99 Mark, beim Göttinger Primus-Markt war Bechtheimer Pilgerpfad auf 1,89 Mark heruntergekommen, und im Sechser-Karton wurde Mainzer Domherr im Euromarkt Berlin für 10 Mark verschleudert, die Flasche zu 1,66 Mark.

Angeregt durch niedrige Preise, soll der Bundesbürger mehr Wein trinken. Denn der Verbrauch bleibt immer weiter hinter der Produktion zurück (siehe Graphik). An Mosel und Rhein sind die Fässer und Tanks so voll wie nie.

Nach der Weinschwemme des Vorjahres schwappte jetzt schon wieder eine Rekordernte von 13,5 Millionen Hektolitern in die Gärbehälter. Dabei waren die Lager zu mehr als der Hälfte noch von unverkauften Altweinbeständen blockiert.

Die Preise rutschten gleich zu Beginn der Lese in den Keller. Selbst für 50 Pfennig pro Liter war der Neue an der Mosel und in der Pfalz kaum gefragt. Für Morio-Muskat, eine plumpe Sorte mit aufdringlichem Bukett, gab es in Rheinhessen gar nur 30 Pfennig.

Solche Preise, fand Werner Becker, der Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbandes, seien »einfach eine Schande«. Der Verein »Winzer-Selbsthilfe Rheinland-Pfalz« gab Alarm: »Wir treiben in eine Katastrophe.«

Das Unglück ist selbstverschuldet. Über Jahre hinweg haben die Weinbauern ihre Anbauflächen erweitert und fast jeden Kraut- oder Rübenacker mit Rebstöcken bepflanzt. Die Qualität dieser Weine ist mäßig, die Erntemengen sind um so größer. Überdies trimmten viele Winzer ihre Reben beim Frühjahrsschnitt derart auf Massenertrag, daß sie zum Teil über 30 000 Liter je Hektar ernten konnten, »was geradezu unwahrscheinlich anmutet« (so das Fachblatt »Rebe und Wein").

Bis kurz vor Beginn der diesjährigen Weinlese hatte es wegen des trockenen Sommers zunächst freilich eher nach einer kleinen Ernte ausgesehen. Darum spekulierten die Winzer lange auf höhere Preise und wollten gar keinen Wein mehr an den Handel abgeben.

In Rheinhessen hatten die Erzeuger, meldete die Zeitschrift »Weinwirtschaft«, ihre Forderungen »durchweg deutlich erhöht«. Auch in der Pfalz gab es Wein »meist nur, wenn man einen Zuschlag bezahlt«. An der Mosel war selbst zum Aufpreis von 25 Prozent »kaum etwas zu finden«.

Doch dann liefen jäh die Fässer über. Denn die Winzer begannen, alle zugleich, so rasch und soviel wie möglich zu ernten. Sie befürchteten, daß es im Verlauf der Lese wie 1982 Preisrückschläge geben würde.

Die riesigen Massen Lesegut, zum Teil mit Erntemaschinen hereingeholt, konnten die Kellereien so schnell gar nicht abnehmen. Trauben aber sind leicht verderblich. Stehen sie erst einmal in den Bütten herum, muß der Winzer zufrieden sein, wenn er sie überhaupt noch los wird, um buchstäblich jeden Preis.

Das gilt vor allem für die Weinwirtschaft in Rheinland-Pfalz. Anders als im genossenschaftlich gut organisierten Baden, wo es Überlaufprobleme nicht gibt, gehören an der Mosel und in Rheinhessen 60 Prozent der Winzer, meist Klein- und Kleinstbetriebe, keiner Genossenschaft an.

Sie machten in Zeiten geringer Ernten mit den Händlern gute Geschäfte. Weil aber die Preise nicht immer stimmten, verlegten sich viele auf die Massenproduktion.

Nun können die Winzer froh sein, wenn ihnen die Weinbrenner, von der EG in Brüssel subventioniert, die Fässer leeren. Bis Mitte 1984 sollen, um den Markt zu entlasten, voraussichtlich 120 Millionen Liter Wein in Industriesprit verwandelt werden. Die Winzer können dabei mit Liter-Erlösen um eine Mark rechnen, die Steuerzahler aber mit einem dreistelligen Millionenbetrag.

Damit ist allerdings noch kein einziges Problem der Branche gelöst. Wieder einmal fordert daher Generalsekretär Becker: »Es muß ein Ende haben mit dem Drauflosproduzieren.«

Das EG-»Aktionsprogramm« gegen die Tafelwein-Schwemme sieht nun eine rigorose »Bereinigung der Rebflächen« vor. In den Ebenen, wo der Anbau leichter, die Erträge höher und die Qualitäten schlechter sind, werden die Reben gerodet - auf EG-Kosten natürlich. Statt Wein soll dort künftig Obst und Gemüse wachsen.

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DIE FÄSSER LAUFEN ÜBER Entwicklung der westdeutschen Weinernten in Millionen Hektoliter Pro-Kopf-Verbrauch von Wein in der Bundesrepublik (Liter) (geschätzt) deutscher Wein ausländischer Wein

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