UNTERNEHMER Einfach geweigert
Sprüche klopft Willy Korf noch immer. »Nach der Behandlung unterm Sauerstoffzelt«, tönt der einstige Wunderknabe der Stahlbranche, befände er sich bereits »im Höhentraining«.
Elf Monate nach der Pleite seines Konzerns hetzt der 54jährige Industrielle aus dem Badischen schon wieder von Termin zu Termin. In Wien sondierte er in den letzten Wochen neue Partner, im kanadischen Toronto, im saudischen Riad und in den USA verhandelte er mit Geldgebern.
Während andere Symbolgestalten des deutschen Wirtschaftswunders wie Werftherr Willy Schlieker, Billigversender Josef Neckermann oder Wienerwald-Wirt Friedrich Jahn nach dem wirtschaftlichen Scheitern klanglos abtraten, will es der »kleine Korf« (Branchenjargon) allen noch einmal zeigen.
Leicht wird das nicht. Der einstige Herrscher über ein weltweit verstreutes Firmen-Imperium (Weltumsatz: 2,8 Milliarden Mark), der Mann, der die Titelseite des US-Wirtschaftsmagazins »Business Week« zierte, der mit dem Schah und mit Scheichen privatissime plauderte, der im Kreml oft zu Gast war - jener polyglotte Unternehmer muß wieder ganz klein anfangen.
Sein vor 27 Jahren aus dem Nichts gestampfter Konzern, der jahrzehntelang mit neuen Stahltechnologien und Weltlizenzen Furore machte, ist zerschlagen. Das Beste aus dem Korf-Nachlaß, die einträglichen Patente und die zukunftsträchtigen Versuchsanlagen, fiel in ausländische Hände.
Schon bald nach dem Vergleich holte sich der japanische Stahlkonzern Kobe Steel Korfs US-Tochter Midrex Corporation. Für den Kaufpreis von 75 Millionen Mark kamen die Japaner in den Besitz des sogenannten Midrex-Verfahrens, für das Korf die Weltlizenz besaß.
Mit dieser Methode hatte der Außenseiter seinen Aufstieg in das Stahl-Establishment gemacht. Midrex ermöglicht die Stahlschmelze ohne Hochöfen und damit den Bau kleinerer Stahl- und Walzwerke. Korf hatte Midrex-Fabriken in revierfremden Gegenden wie im badischen Kehl und in Hamburg gebaut und hatte den Etablierten die Preise verdorben. Die kleinen Korf-Hütten konnten vor allem geschmeidiger auf die Schwankungen des Marktes reagieren als die schwerfälligen Giganten an Rhein, Ruhr und Saar.
Die Korf Engineering GmbH vermarktete das Midrex-Verfahren im Ausland. Dieses Düsseldorfer Ingenieur-Unternehmen baute rund zwei Dutzend Mini-Stahlwerke, im Ostblock wie in Entwicklungsländern. Die Firma, die in zehn Jahren bei einem Umsatz von einer Milliarde Mark rund einhundert Millionen Mark Gewinn einfuhr, gehört
heute zum österreichischen Stahlkonzern Vöest.
An Vöest ging auch eine Versuchsanlage in Kehl, in der Stahl unter Einsatz von Kohle wesentlich umweltfreundlicher produziert werden kann als mit den herkömmlichen Methoden. Die Anlage war von den Bonnern mit zehn Millionen Mark gefördert worden.
Geradezu beispielhaft, meint Korf heute, verhielt sich bei dieser Transaktion die Wiener Regierung, die Vöest den Kauf der Korfschen Engineeringfirma finanzierte. Der Linzer Staatskonzern, der eine Milliarde Mark Verluste vor sich herschiebt, hätte den Kaufpreis ohne Subventionen nicht aufbringen können.
Schwere Vorwürfe hingegen macht der Manager der eigenen Regierung in Bonn. Daß ausländische Konkurrenten so leicht an seine Firmen mit ihrem Stahl-Know-how und ihren weltweiten Kontakten kamen, lastet Willy Korf der »Halsstarrigkeit« der Bonner an. Die haben sich einfach geweigert, ihm Geld zum Weitermachen zu geben.
Rund 80 Millionen Mark hätten Korf, der in den guten Stahljahren alles Verdiente schnell wieder in neue Projekte gesteckt hatte, zum Überleben gereicht. Die durch die Stahlkrise leergefegten Konten zwangen ihn, schnell zu handeln.
Korf setzte zunächst auf die Bonner. Und dazu hatte er guten Grund: Die Bundesregierung pumpt seit Jahren Steuergelder in die maroden Saarhütten - bis heute drei Milliarden Mark. Damit subventionierte Bonn die Dumping-Preise, mit denen Saarstahl jahrelang die Korf-Hütten unterbot.
Es war, glaubt Korf heute zu wissen, die Nachlässigkeit des Kanzleramts-Staatssekretärs Waldemar Schreckenberger, der er letztendlich zum Opfer fiel. Kanzler Helmut Kohl hätte ihm zwei Tage nach Weihnachten 1982 noch Hoffnungen gemacht. Die bundeseigene Deutsche Entwicklungsgesellschaft (DEG) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau, so sei abgesprochen gewesen, sollten als Pfand für eine Bonner Unterstützung Anteile an den Korf-Fabriken in Brasilien und Saudi-Arabien übernehmen.
Doch über Silvester und Neujahr habe Kohls Gehilfe versäumt, die DEG-Manager von diesen Plänen zu unterrichten. So hätten die sich geweigert, den Deal zu vollziehen. Korf blieb da gleich zu Jahresbeginn 1983 nur noch der Gang zum Konkursrichter.
»Ein Skandal«, schimpft Korf noch heute, »was die in Bonn mit mir gemacht haben.« Als »Paradepferd, um Aufträge aus dem Ausland reinzuholen«, sei er »gut gewesen«. Doch nachher habe keiner eine Hand für ihn gerührt.
Eine der Fabriken, die Willy Korf draußen in der Welt baute, ist das Anfang 1983 in Betrieb genommene Mini-Stahlwerk in Dschubeil am Persischen Golf. Wirtschaftsminister Otto Graf
Lambsdorff hat es im vorigen Sommer besichtigt. Dem Liberalen, einem der erbittersten Gegner von Steuerhilfen an Korf, hatten die Saudis bei seinem Besuch das Projekt als Beispiel der guten Zusammenarbeit mit den Deutschen vorgeführt. Vor Ort waren Korf-Ingenieure noch mit den letzten Feinarbeiten beschäftigt. Ihr Ex-Chef war da schon nicht mehr Miteigentümer: Korfs sechs Prozent hatten die Saudis aus der Vergleichsmasse übernommen.
Beste Kontakte hatte Willy Korf auch zu den Kuweitis. An seiner US-Stahlfabrik Georgetown Steel sind die Golf-Staatler seit Jahren mit 30 Prozent beteiligt. Nach Korfs Pleite stockten sie ihren Anteil auf 51 Prozent auf.
Für die Schwesterfirma Texas Steel mußte auch nicht lange nach Interessenten gesucht werden. Die schnappte sich das größte Getreidehandelsunternehmen der Welt, Cargill im US-Staat Minnesota, weg.
Geblieben ist Korf nur ein kleiner Besitz in Brasilien. Er ist an einer Stahlhütte in Divinopolis nordwestlich von Rio de Janeiro beteiligt. Und da ist er schon wieder sehr aktiv.
Seine einstigen Techniker haben vor Jahren schon einen »Energieoptimierungsofen« entwickelt, der in Brasilien gut funktioniert. Mit diesem Ofen können alte Siemens-Martin-Stahlwerke modernisiert werden. Der nimmermüde Korf ist fest entschlossen, mit dieser modernen Stahltechnologie sein Comeback zu starten.
Was macht es da schon, daß der Stahlunternehmer Korf seinen Privat-Jet an Philips verkaufen mußte und seine Baden-Badener Konzernzentrale an den Südwestfunk abtrat? Willy Korf gründete erst mal eine Kommanditgesellschaft. Ihr Sitz ist ein Einfamilienhaus in der Baden-Badener Winterhalterstraße.