Eingespielte Seilschaft - DER SPIEGEL
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Gewerkschaften Eingespielte Seilschaft

Die IG Metall zieht Konsequenzen aus der Immobilien-Affäre: Eine Untersuchungskommission soll die Vorwürfe prüfen.
• aus DER SPIEGEL 45/1995
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Brutaler hätten die Delegierten Werner Schreiber kaum behandeln können. Der Kassierer der IG Metall wurde auf dem Gewerkschaftstag von vielen Kollegen behandelt wie ein Geächteter.

Als er die Hand ausstreckte, um Klaus Zwickel nach dessen Wiederwahl zum 1. Vorsitzenden zu gratulieren, drehte der sich zur Seite und griff sich einen Blumenstrauß. Schreiber blieb verdattert stehen.

Mit dem Zwei-Meter-Mann, dem sie bislang ihren 800-Millionen-Etat anvertrauten, wollen viele Gewerkschafter nichts mehr zu tun haben. Nachdem der SPIEGEL (44/1995) über die merkwürdigen Immobilien-Geschäfte der IG Metall berichtet hatte, putzte Gewerkschaftschef Zwickel seinen Kassierer herunter: »Dieser Vorgang ist kein Gesellen- und schon gar kein Meisterstück.«

Die IG-Metall-Führung hat ihren Sündenbock. Ihm wird die Verantwortung dafür zugeschoben, daß die Gewerkschaft Immobilien überteuert kaufte, überhöhte Provisionen bezahlte und für nie bezogene Büroräume mehr als 20 Millionen Mark überwies.

Über die schlimmen Versäumnisse von Zwickel und dessen Vorgänger Franz Steinkühler wurde geschwiegen. Die Gewerkschaftsspitze weiß bereits seit 1987, wie leicht es für einen Kassierer der IG Metall ist, selbst krumme Geschäfte abzuwickeln.

Beim Umbau der Bildungsstätte in Lohr für mehr als 50 Millionen Mark hatten sich der damalige Kassierer Norbert Fischer und der Bauleiter Eugen B. ein nettes Nebeneinkommen gesichert: Sie ließen sich eine Provision von einer Million Mark auf Privatkonten überweisen. Als der Deal aufzufliegen drohte, nahm sich Fischer das Leben.

Die IG Metall zog keine Konsequenzen. Das Milliarden-Vermögen der Gewerkschaft wurde weiterhin verwaltet wie eine Portokasse. Jetzt erst, nachdem Immobiliengeschäfte erneut für viel Ärger und einen ordentlichen Imageverlust sorgten, reagiert die IG Metall. Sie setzt, zum erstenmal in ihrer Geschichte, eine Untersuchungskommission ein.

Auf die Kontrolleure wartet eine schwere Aufgabe. Sie haben es nicht nur mit kaum durchschaubaren Transaktionen einer gut eingespielten Seilschaft zu tun. Die Prüfer müssen auch genau abwägen, wie weit sie mit ihren Nachforschungen gehen können, ohne der IG Metall schweren Schaden zuzufügen.

Inzwischen zeigt sich, daß die Gewerkschaft die Beiträge ihrer Mitglieder für gewagte Grundstücks- und Immobilien-Spekulationen einsetzte. Und sie zählte dabei oft zu den Verlierern.

Ein klarer Fall von Spekulation ist der Umgang mit dem Grundstück Theodor-Heuss-Allee 100. Im Mai 1979 hatte die IG Metall das Areal in der Nähe der Frankfurter Messe von der städtischen Katharinen- und Weißfrauenstiftung erworben.

Ursprünglich sollte dort die neue Hauptverwaltung der Gewerkschaft entstehen. Seit die IG Metall die Genehmigung erhalten hat, die Zentrale an dem alten Standort Wilhelm-Leuschner-Straße auszubauen, dient das Grundstück an der Messe nur noch zur Spekulation. Und dabei hatten die Gewerkschafter kein glückliches Händchen.

Bereits 1990 hätten sie das Grundstück Theodor-Heuss-Allee 100 für rund 250 Millionen Mark an eine Münchner Bauträgergesellschaft verkaufen können. Den Gewerkschaftsfunktionären reichte das nicht. Sie setzten auf weiter steigende Preise und lagen böse daneben. Inzwischen ist das Grundstück nach Einschätzung von Immobilien-Experten allenfalls noch 120 Millionen Mark Wert.

Auch bei dem geplanten Umzug der gewerkschaftseigenen Union-Druckerei von Frankfurt nach Dietzenbach ist offenbar Spekulation im Spiel. Die Belegschaft und etliche Frankfurter Gewerkschaftsfunktionäre halten die 200 Millionen Mark teure Investition für überflüssig. Die Kritiker hegen den Verdacht, daß hier eine alte Seilschaft einen Bedarf ausgemacht hat, den es gar nicht gibt. Aufsichtsratschef der Druckerei ist Schreiber, der Architekt Hans Georg Kind bekam den Auftrag für die Bauplanung, Anwalt Albrecht Scharmann schloß die Verträge ab.

Kind und Scharmann waren jahrelang bei Immobilien-Geschäften der IG Metall dabei, sie kassierten stets mit. Und oft fiel auch für Scharmanns Bruder Marc einiges ab.

Marc Scharmann, inzwischen Internist am Kreiskrankenhaus Schotten bei Gießen, kassierte noch als Student bei drei Geschäften mit der Gewerkschaft mehr als fünf Millionen Mark an Provisionen. Als Makler in Erscheinung getreten ist Scharmann allerdings nur einmal.

Bei der Maklerfirma Zadelhoff, die das 15geschossige Gebäude an der Lyoner Straße 19 zuvor bereits der IG Metall angeboten hatte, stellte er sich telefonisch als »Immobilien-Makler« vor. Er sei, sagte er, von der IG Metall beauftragt, den Komplex zu kaufen.

Die anschließenden Verhandlungen führten jedoch Kind und Anwalt Scharmann. Dessen Bruder Marc kam erst beim Kassieren wieder ins Spiel. Die IG Metall kaufte das Gebäude für 40,3 Millionen Mark und zahlte an Zadelhoff eine Provision von fünf Prozent. Die Hälfte davon, genau 1,0075 Millionen Mark, ließ sich der Student auf sein Konto bei der BfG in Frankfurt überweisen. Zadelhoff konnte sich die Provisionsteilung leisten: Fünf Prozent Courtage, wie von der Gewerkschaft, bekommen Makler sonst kaum.

Die interne Untersuchungskommission der IG Metall muß nun prüfen, ob Marc Scharmann nur ein Strohmann war und einen Teil des Geldes an Gewerkschafter weiterreichte. Die Karriere des Kassierers Schreiber, der für die dubiosen Geschäfte verantwortlich ist, dürfte auf jeden Fall zu Ende sein.

Inzwischen prüft auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft, ob sie ein Ermittlungsverfahren einleitet. Sie war vor Jahren schon einmal mit einem Immobilien-Geschäft der IG Metall befaßt. Damals mußte sie das Verfahren wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs mangels handfester Belege einstellen. Oberstaatsanwalt Job Tilmann: »Das sieht jetzt anders aus.«

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