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AUTOINDUSTRIE Einiges bewegen

VW und Toyota rücken zusammen. Entsteht eine deutsch-japanische Auto-Achse? *
• aus DER SPIEGEL 25/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gerhard Mogwitz hat eine unruhige Woche hinter sich. Wo immer der Betriebsratschef im VW-Werk Hannover-Stöcken auftauchte, wurde er sofort von Beschäftigten umringt. Da gab es Proteste: »Warum sollen wir ausgerechnet denen noch Tür und Tor öffnen?« Und da gab es Zustimmung: »Arbeit ist Arbeit, wir können froh sein, wenn die kommen. »

Für Diskussionen am Fließband und in der Kantine sorgte eine Meldung aus Tokio: Toyota, Japans größter Automobilhersteller, will mit VW, dem größten

deutschen Autobauer, zusammenarbeiten. Und beginnen soll die Kooperation der beiden Riesen in Hannover-Stöcken.

19000 Beschäftigte stellen dort Busse, Leichttransporter, Motoren und andere Pkw-Teile für Volkswagen her. Ausgelastet ist das Werk bei weitem nicht.

Mogwitz schätzt, daß die Kapazitäten nur zu 65 bis 70 Prozent genutzt werden. Um die Beschäftigung zu sichern, drängt der Betriebsratschef die Wolfsburger Konzernleitung darum schon seit langem, sich was Neues für Hannover einfallen zu lassen. Mogwitz: »Wir brauchen ein zweites Standbein.«

Das sollen dem Werk nun ausgerechnet die aggressiven Herausforderer aus Fernost verschaffen. Von 1989 an werden bei VW 15000 Toyota-Transporter von den Bändern laufen. Motoren, Getriebe und Karosserieteile kommen aus Japan, montiert und lackiert werden die Wagen in Hannover.

Zusätzliche Leute werden deshalb bei VW kaum eingestellt. Aber die Toyota-Aufträge sichern rund 300 Arbeitsplätze, die sonst bedroht wären.

Das erscheint wenig und nimmt sich auf den ersten Blick allenfalls für Hannover, wie die dort erscheinende »Neue Presse« meldet, wie »die Wirtschaftsnachricht des Jahres« aus. Tatsächlich aber ist die neue deutsch-japanische Verbindung geeignet, in der Automobilwelt einiges zu bewegen.

Mit VW-Hannover gebietet Toyota zukünftig über eine Produktionsbasis in Europa. Die werden die Japaner wohl ausbauen, um künftig auch Personenautos auf dem Kontinent herstellen zu können. Neben Nissan und Honda, die bereits in Großbritannien produzieren, wäre Toyota damit der dritte Japaner, dessen Ausdehnungsdrang in Europa nicht mehr durch Einfuhrschranken begrenzt werden könnte.

Die deutsch-japanische Liaison bestätigt einen Trend, der sich im globalen Monopoly der Autogiganten seit Jahren abzeichnet: Aus starken Konkurrenten werden mächtige Verbündete. Kaum einer der großen Konzerne stellt sich dem Konkurrenzkampf noch alleine.

In den USA arbeiten General Motors und Toyota zusammen, ebenso Ford und Mazda. In Lateinamerika haben sich VW und Ford zusammengeschlossen. In Europa könnte nun mit VW und Toyota eine neue Paarung entstehen.

Die VW-Manager, im Moment ohnedies gedanklich mehr bei der Hauptversammlung am 2. Juli und der Devisen-Affäre, halten sich mit solchen Zukunfts-Entwürfen zurück. Sie sind noch bei der Kleinarbeit. Erst wenn die Transporter-Produktion erfolgreich läuft, sollen weiterreichende Kooperationen geprüft werden.

Die Hannoveraner VW-Werker werden als erstes den Toyota »Pick up« Hi Lux montieren. Das ist ein limousinenähnlicher Zweisitzer mit offener Ladefläche über der Hinterachse. Dieses Modell, das vor allem für Handwerker, Gärtnereien und Bauunternehmen interessant ist, verkauft Toyota bislang nur in den USA, in Australien und in Asien.

VW hat einen ähnlichen Wagen in seiner Modellpalette, den Golf Caddy, von dem in der Bundesrepublik im vergangenen Jahr knapp 4000 verkauft wurden. Der künftig von VW-Bändern laufende Toyota ist kein direkter Konkurrent des Caddy, eher eine Ergänzung.

Der Hi Lux hat eine Nutzlast von einer Tonne, das ist fast doppelt soviel, wie der Caddy trägt. Und sollte der Toyota dem Caddy dennoch Kunden abspenstig machen, ist das für VW auch nicht schlimm: Die Japaner Made in Germany werden in Europa teilweise unter dem Namen Toyota und teils unter dem von Volkswagen vertrieben.

Die Initiative zu dieser Zusammenarbeit ging von VW aus. Die Wolfsburger wurden dabei von der Sorge getrieben, irgendwann das Werk Hannover nicht mehr auslasten zu können.

Bis 1970 montierte VW in der Landeshauptstadt, neben Transportern, die Motoren für alle Personenwagen des Konzerns. Später verlegte Wolfsburg die Motorenfertigung ins neue Werk Salzgitter. Den Hannoveranern blieb vor allem die Montage der Busse und Transporter.

Von 1980 bis 1984 war Kurzarbeit angesagt. Die Nachfrage nach leichten Nutzfahrzeugen sank ständig. Derzeit werden täglich 520 kleine Transporter hergestellt, 700 wären möglich.

Bei der Suche nach einer neuen Produktionslinie für das Werk Hannover trafen die Wolfsburger auf einen äußerst interessierten Partner. Toyota hält seit zwei Jahren Ausschau nach Fertigungsmöglichkeiten in Europa.

Die Manager aus Japan haben inzwischen mit fast allen europäischen Herstellern verhandelt. Und dabei ging es stets auch um die Herstellung von Personenwagen. Wenn VW-Chef Carl H. Hahn und Toyota-Chef Shoichiro Toyoda sich nun einig sind, gemeinsam Kleintransporter zu produzieren, ist damit auch eine Vorentscheidung gefallen, mit wem der größte japanische Autobauer in Europa bei der Pkw-Produktion eng zusammenarbeiten wird.

Konturen dieser Kooperation zeichnen sich bereits ab. Toyota könnte vor allem seine Sportwagen, die keine direkte Konkurrenz zu den Modellen von Audi, Seat und VW darstellen, gemeinsam mit den Wolfsburgern herstellen. Im Gegenzug könnte VW in Japan seine Autos über eine der Vertriebsketten von Toyota verkaufen.

Der Wolfsburger Vorstand will von einer gemeinsamen Pkw-Zukunft derzeit noch nichts wissen. Daß Carl H. Hahn und seine Kollegen so zurückhaltend sind, liegt wohl auch an der leidvollen Erfahrung, die sie bereits bei der Zusammenarbeit mit einem anderen japanischen Hersteller sammeln mußten.

Mit Nissan zog VW vor dreieinhalb Jahren in Japan gemeinsam die Produktion

des Mittelklassemodells Santana auf. Der damals stellvertretende Nissan-Chef Yoshitada Uchiyama frohlockte, dies sei »nur der erste Schritt einer historischen Zusammenarbeit.

Er war nicht mal das. VW ist mit dem Santana-Projekt kläglich gescheitert. Statt 50000 Wagen, wie einst geplant, konnten im vergangenen Jahr nicht mal 7000 verkauft werden.

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