Einkommen de Luxe - DER SPIEGEL
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ZENTRALBANK Einkommen de Luxe

Die obersten Währungshüter entscheiden über ihre Gehälter selbst. Wer wieviel verdient, ist bei der Europäischen Zentralbank ein ebenso gehütetes Geheimnis wie bei der Bundesbank.
• aus DER SPIEGEL 34/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als sachkundiger Währungsexperte an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) weiß Wim Duisenberg bestens Bescheid, wenn es um Geld geht. Bei der Frage nach dem eigenen Gehalt überfällt den obersten Euro-Hüter allerdings eine ungewohnte Erinnerungsschwäche.

So genau wisse er das nicht, wich Duisenberg aus, als er jüngst im Europaparlament Auskunft über sein Einkommen geben sollte. Dann murmelte er etwas von »40 Prozent mehr als ein Generaldirektor der Europäischen Kommission«.

Mit seiner unbestimmten Auskunft versuchte Duisenberg, sich an eine von ihm selbst verhängte Nachrichtensperre zu halten. Schon beim Einstellungsgespräch werden Bewerber im Frankfurter Eurotower mit einer ungeschriebenen Regel der Europäischen Zentralbank bekannt gemacht: Über Gehälter wird öffentlich nicht geredet. »Da ist nichts zu erfahren«, weiß Karl-Heinz Schmidt, Vorsitzender des Verbandes der Bundesbankbeamten, »selbst von Kollegen nicht, die sich dort bewerben.«

Wie so vieles hat die EZB auch die Geheimniskrämerei ums eigene Geld von der Deutschen Bundesbank übernommen. Was der Präsident, sein Vize sowie die anderen Mitglieder des Direktoriums und die Präsidenten der Landeszentralbanken (LZB) verdienen, wird nach dem Bundesbankgesetz in geheimen Verträgen mit dem Zentralbankrat geregelt. Und der besteht aus ihnen selbst.

Der Geheimbund ist möglich, weil die Ausgaben für die Spitze des deutschen Zentralbanksystems in keinem öffentlichen, vom Parlament kontrollierten Haushalt auftauchen. Die öffentliche Institution Bundesbank zahlt ihre Gehälter selbst - aus Gewinnen, die sie mit dem Drucken und dem Management der Mark erzielt.

Die Geheimnistuerei mache schon einen Sinn, verteidigt ein Bundesbanker das In-sich-Geschäft in Frankfurt. Auf der einen Seite müsse die Bank etwas bieten, um qualifizierte Leute zu interessieren. Auf der anderen Seite sei der »Neidhammelkomplex« gerade bei den Deutschen besonders ausgeprägt.

Tatsächlich läßt die Versorgung der Spitzen des deutschen Zentralbanksystems Politiker und hohe Beamte in Bonn erblassen.

So streicht jeder der neun LZB-Präsidenten und sechs Direktoriumsmitglieder pro Jahr 400 000 Mark ein, davon sind stattliche 310 000 »ruhegehaltsfähig": Auf ihrer Basis wird die Pension errechnet. In dieser Größenordnung liegt in Bonn nur Spitzenverdiener Bundeskanzler Helmut Kohl.

Mit seinen 545 000 Mark (davon 465 000 ruhegehaltsfähig) hat der Bundesbankvize die Niederungen des Öffentlichen Dienstes weit hinter sich gelassen. Er wird nur noch übertroffen von seinem Chef. Hans Tietmeyer trägt 710 000 Mark im Jahr nach Hause. Seine Rente wird später von 620 000 Mark Grundgehalt berechnet.

Die Kollegen in den Privatbanken verdienten ganz andere Sümmchen, argumentieren die Bundesbanker und nennen gleich ein aktuelles Beispiel: Hermann Remsperger etwa, der den zur EZB gewechselten Otmar Issing als Chefvolkswirt der Bundesbank ersetzt, habe bei seinem vorigen Arbeitgeber, der BHF-Bank, an die 100 000 Mark im Jahr mehr verdient.

Doch der Verzicht läßt sich leicht verschmerzen, wenn die Pensionsansprüche in den geheimen Verträgen dazugerechnet werden.

Die Bundesbanker werden nach dem System des Beamtenrechts altersversorgt. Zeiten, die sie vorher im Öffentlichen Dienst verbracht haben, werden angerechnet. Nach 40 Dienstjahren sind 75 Prozent der ruhegehaltsfähigen Bezüge erreichbar.

Eine schöne Regelung, weil der Großteil der Spitzenverdiener im Bundesbanksystem aus dem Beamtenapparat und aus verbeamteten Hochschulposten kommt.

Hans Tietmeyer etwa, der 1962 zu Ludwig Erhard ins Bonner Wirtschaftsministerium kam, erreicht die Maximalversorgung leicht. Er kann, wenn er Ende nächsten Jahres die Bundesbank verläßt, mit einer monatlichen Pension von 38 750 Mark rechnen; der normale LZB-Präsident immerhin mit maximal rund 20 000 Mark.

Wilhelm Nölling etwa, pensionierter Hamburger LZB-Chef und einer der vier Professoren, die den Euro vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall bringen wollten, kassiert im Ruhestand fast soviel wie Bonner Staatssekretäre im Dienst.

Kein Wunder, daß für Bonner Spitzenbeamte der Wechsel nach Frankfurt immer schon begehrt war. Ex-Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, Hans Tietmeyer, der verstorbene hessische LZB-Chef Horst Schulmann, Finanzstaatssekretär Jürgen Stark - sie alle fanden und finden ihr Glück in der Zentralbank.

Das kostet. Allein für ihre Direktoren und LZB-Präsidenten im Ruhestand zahlt die Bundesbank 13,8 Millionen Mark im Jahr.

Die vom übrigen Öffentlichen Dienst abgekoppelte Versorgung der Frankfurter Zentralbanker und ihrer Kollegen in den Ländern hat historische Wurzeln. Nach dem Krieg entstanden zunächst in den neu formierten Bundesländern die Landeszentralbanken. Die Bank deutscher Länder - Vorgängerin der Bundesbank - war eine unselbständige Tochter der Landesbehörden, jeder LZB-Präsident war bedeutender Chef einer kleinen Zentralbank.

Mit dem Bundesbankgesetz wurden 1957 zwar die Landeszentralbanken zu abhängigen Hauptverwaltungen der neuen Zentrale in Frankfurt degradiert. Ihre Chefs aber retteten eine Besonderheit: Sie blieben Mitglieder des Zentralbankrates und bestimmten so über die deutsche Geldpolitik mit.

Wenn Duisenberg am 1. Januar 1999 die Geldpolitik übernimmt, wird den Landeszentralbankern auch noch dieses Privileg genommen. Das ganze System rutscht eins nach oben: Bundesbankpräsident Tietmeyer wird als einziger Mitglied im neuen geldpolitischen Entscheidungsgremium, dem Europäischen Zentralbankrat - und sinkt damit auf die bisherige Stufe seiner Kollegen aus den Bundesländern ab.

Für die Landeszentralbanken bleiben schlichte geldtechnische Aufgaben im Europäischen Währungssystem. Ihre Bedeutung sackt auf das Niveau nachgeordneter Bundesbehörden, etwa der Oberfinanzdirektionen des Bonner Finanzministers.

Der Präsident einer Oberfinanzdirektion aber wird nach Besoldungsstufe B 7 bezahlt. Er kassiert mit 170 000 Mark im Jahr noch nicht einmal halb soviel wie LZB-Chefs und Direktoren der Bundesbank, die ebenfalls ihre Bedeutung als Mitglieder des Zentralbankrates verlieren.

Noch wird in Bonn angesichts bevorstehender Wahl und Einführung des Euro nur hinter verschlossenen Türen über die zunehmende Lücke zwischen Bedeutung und Bezahlung bei der Bundesbank diskutiert. Aber immerhin fragt sich Finanzminister Theo Waigel schon, ob es nötig ist, daß LZB-Präsident Reimut Jochimsen in seiner Düsseldorfer Bundesbankfiliale mehr Personal und Volkswirte beschäftigt als die Zentrale in Frankfurt. Und als die Bundesländer, auf deren Vorschlag die LZB-Präsidenten bestellt werden, nach der deutschen Vereinigung das bis dato geltende Prinzip »ein Land - eine Landeszentralbank« auch im Osten durchsetzen wollten, erreichten die Bonner Neider eine Begrenzung auf neun Zentralbanken für 16 Länder.

In der nächsten Legislaturperiode allerdings droht Gefahr. Das sehen selbst amtierende LZB-Präsidenten, wenn sie über ihre herausgehobene Stellung nachdenken.

Auf Dauer lasse sich das deutsche Zentralbanksystem wohl nicht verteidigen, so ein Betroffener. Aber bis zur endgültigen Einführung der Euro-Scheine im Jahre 2002 werde es wohl noch halten. »Und dann«, so der LZB-Chef, »bin ich im Ruhestand - nach altem Recht.«

Was am Ende vom deutschen Bundesbanksystem übrigbleiben wird, ist noch offen. Am besten hat es deshalb, wer zur europäischen Zentrale wechseln konnte. Dort wird nicht nur die Spitze ähnlich üppig bezahlt wie beim deutschen Vorbild. Das gesamte Personal genießt darüber hinaus Vorteile gegenüber dem gemeinen deutschen Beamtenvolk in der Bundesbank.

Die Gehälter und Zulagen für das Personal einschließlich der Bezüge der Führung orientieren sich »im wesentlichen am Gehaltsschema« der EU, heißt es im Geschäftsbericht des Europäischen Währungsinstituts EWI, das zur EZB mutierte. Das aber bedeutet ein eindeutig höheres Gehaltsniveau als bei der Bundesbank, Auslandszulagen, Hilfen für Kind und Kegel - und vor allem ein eigenes Steuersystem. Da verwundert es nicht, daß Beamtenvertreter Schmidt von seinen Kollegen, die zur EZB wechseln, keine Auskünfte bekommt. Sie verdienen dort für vergleichbare Tätigkeiten in derselben Stadt rund 80 Prozent netto mehr als im alten Job.

Auch Issing, mit 400 000 Mark bei der Bundesbank gut bezahlt, hat sich als Chefvolkswirt der EZB netto noch einmal deutlich verbessert. Nur etwa ein Drittel seines Gehalts wird ihm im Frankfurter Eurotower für Steuern und Sozialabgaben abgezogen. Ein Bundesbanker neidisch: »Davon können wir nur träumen.«

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Jahresgehälter von Spitzenverdienern im Öffentlichen Dienst

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Jahresgehälter von Spitzenverdienern im Öffentlichen Dienst

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