Einkommen: Steinbrück verlangt Lohn-Schub – Industrie blockt ab - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Einkommen Steinbrück verlangt Lohn-Schub – Industrie blockt ab

Finanzminister Peer Steinbrück fordert einen Kurswechsel in der Lohnpolitik: Nach Jahren des Verzichts müssten die Arbeitnehmer endlich vernünftig am Aufschwung teilnehmen. Die Industrie will davon nichts wissen - und mancher Forscher rechnet gar mit fallenden Bruttolöhnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stuttgart – Wann ist ein Gehalt gerecht? Politiker und Volkswirte haben eine neue Debatte über die Löhne in Deutschland entfacht, und Peer Steinbrück streitet mit. Durch den Verzicht auf deutliche Gehaltssteigerungen hätten die Beschäftigten in den vergangenen Jahren erst die Voraussetzung für die wirtschaftliche Erholung geschaffen, sagte der SPD-Politiker in Stuttgart. Für den Aufholprozess der Wirtschaft sei das sehr wichtig gewesen: "Genauso wichtig ist es jetzt, dass möglichst alle über höhere Löhne am Aufschwung teilhaben", so der Finanzminister dem vorab verbreiteten Redetext zufolge.

Die Arbeitgeber warnen indes vor einer lohnpolitischen Wende. Die Debatte über sinkende Nettolöhne schaffe Verunsicherung ausgerechnet in einer Phase, in der die Industrie eine Menge leiste und geleistet habe, sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser dem "Handelsblatt".

Seit April 2006 seien in der Metall- und Elektroindustrie, dem wichtigsten deutschen Industriezweig, 103.000 Arbeitsplätze entstanden. Kannegiesser sagte, gerade die Arbeitnehmer in diesem Sektor seien "nicht schlecht gefahren". Ihre Einkommen seien nach Abzug der Preissteigerungsrate und nach Berücksichtigung der Steuern und Abgaben seit 1997 um elfeinhalb Prozent gestiegen. Die reinen Tarifentgelte hätten sich in der gleichen Zeit sogar um 34 Prozent erhöht.

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) warnte vor einem lohnpolitischen Kurswechsel. Die moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre habe einen wichtigen Beitrag zum Aufschwung geleistet. Entscheidend sei, dass die Regierung die Sozialabgaben reduziere.

Markt für Unqualifizierte: Bestenfalls Stagnation der Löhne

Nach Einschätzung von Wirtschaftsforschern ist nicht mit einer großen Verbesserung des Gehaltsniveaus zu rechnen. "Ich befürchte, dass die Löhne in Deutschland über viele Jahre weiter stagnieren werden", sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, der "Bild"-Zeitung. Dieser schmerzhafte Anpassungsprozess werde dadurch ausgelöst, "dass Millionen Hungerlöhner aus China, Indien und anderen Ländern auf den Welt-Arbeitsmarkt drängen".

Der Chef des Hamburger Welt-Wirtschafts-Instituts HWWI, Thomas Straubhaar, hält in Teilbereichen sogar sinkende Löhne für möglich: "Für die weniger Qualifizierten wie einfache Industriearbeiter werden die Bruttolöhne künftig bestenfalls stagnieren, wenn nicht sogar sinken. Grund ist der immense Wettbewerb durch die Globalisierung."

Der Chef des Tarifarchivs des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Reinhard Bispinck, kritisierte im Gegenzug die hohen Managergehälter in Deutschland: "Es ist überhaupt nicht mehr zu vermitteln, warum ein Spitzenmanager das Zwei- oder Dreihundertfache dessen verdienen soll, was ein qualifizierter Angestellter in derselben Branche verdient", sagte Bispinck der "Thüringer Allgemeinen".

Die Tarifpolitik der vergangenen Jahre habe zu finanziellen Engpässen bei Arbeitnehmern geführt. Insgesamt sollten die Gewerkschaften bei Tarifabschlüssen auf breiter Front "deutlich unbescheidener sein", um die Binnenwirtschaft zu stärken und die Konjunktur zu verstetigen, forderte Bispinck.

itz/Reuters/ddp/AP/dpa