»Eins + eins = fünf« - DER SPIEGEL
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»Eins + eins = fünf«

Sumner Redstone, 76, Chef des Unterhaltungsimperiums Viacom, über das weltweite Fusionsfieber der Medienbranche, das riskante Hollywood-Geschäft und die Probleme eines Multi-Milliardärs, der sich gerade scheiden lässt
Von Thomas Tuma und Hans-Jürgen Jakobs
• aus DER SPIEGEL 6/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mr. Redstone, worüber wollen Sie zuerst reden: Hochzeiten oder Scheidungen?

Redstone: Sie spielen auf die Trennung von meiner Frau an. Deshalb vielleicht zunächst die Hochzeiten.

SPIEGEL: Die rund 37 Milliarden Dollar teure Verbindung Ihres Unterhaltungsimperiums Viacom mit dem US-TV-Network CBS galt nur drei Monate als größte Fusion der Mediengeschichte. Wie fühlten Sie sich, als mit Time Warner und dem Online-Riesen AOL eine noch größere Partnerschaft entstand?

Redstone: Danke, dass Sie deren Fusion »größer« nennen, nicht »besser«. Ich wollte in so einer Ehe nicht enden.

SPIEGEL: Was stört Sie?

Redstone: Natürlich ist mir klar, dass AOL an der Börse eine Menge Geld wert ist. Aber wofür? Für seinen Ruf, ein Internet-Unternehmen mit Zukunft zu sein. Time Warner dagegen ist ein gewachsener Medienkonzern mit starken Marken. Das ist etwas völlig anderes. Rein rational kann ich diese Fusion nicht nachvollziehen.

SPIEGEL: Sie wollten mit Viacom immer Nummer eins sein. Den Riesen AOL/Time Warner werden Sie so schnell nicht einholen.

Redstone: Ich will vor allem die Nummer eins in Sachen Qualität sein. Und das sind wir. Die schiere Größe muss ich momentan anderen überlassen - leider.

SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, dass morgen ein anderes Internet-Unternehmen bei Ihnen anklopft und sich Viacom unter den Nagel reißt? Yahoo ist an der Wall Street doppelt so viel wert wie Ihr Unternehmen.

Redstone: Weil wir die Inhalte haben und damit echtes Geld verdienen, sind viele an uns interessiert. Aber das beruht selten auf Gegenseitigkeit. Wir wollen uns nicht mit Internet-Firmen zusammentun, deren Börsenwert aufgebläht ist und deren Aktienkurs nach einer Fusion sofort verfällt. Da sind mir reale Unternehmen mit realen Gewinnen lieber.

SPIEGEL: Beweist AOL nicht, dass die neuen Medienmacher aus dem Cyberspace kommen und die alte Garde aus dem Spiel drängen?

Redstone: Aus welchem Spiel bitte?

SPIEGEL: Dem mit der Zukunft.

Redstone: Wir machen unsere eigene Zukunft: in TV- , Film- und Hörfunkstudios sowie mit unseren Internet-Tochterfirmen. Wo wollen diese Online-Leute werben, wenn nicht bei uns? Seien Sie sicher: Die werden uns aus nichts rausdrängen.

SPIEGEL: Wer oder was heizt das momentane Fusionsfieber an? Die Gier der Börsianer? Der Größenwahn in den Vorstandsetagen? Oder die Angst der Manager, irgendetwas zu verpassen?

Redstone: Wenn Gier oder Größe der Antrieb sind, läuft etwas völlig falsch. Die Angst, die Sie erwähnen, ist aber noch gefährlicher. Und glauben Sie mir: Ich habe in den vergangenen Monaten viel von dieser Angst gehört, wenn auch nicht von meinen Managern.

SPIEGEL: Machen solche Mega-Fusionen überhaupt Sinn? Als Disney das TV-Network ABC kaufte, galt der Konzern zunächst als Börsenliebling. Nun ist das Management zerstritten, die Quoten gehen in den Keller und reißen die Umsätze mit.

Redstone: Die Disney-Hochzeit startete mit einer Menge Schulden. Und was bekamen die dafür? Eine Fernsehfirma. Das ist bei unserer Fusion mit CBS ganz anders. Wir achteten darauf, was die Braut mitbringt. Nun sind wir in den USA Spitzenreiter bei der boomenden Plakatwerbung und im Hörfunk, wir bekamen zwei Kabelkanäle und das Network CBS obendrauf. Allein mit Werbung verdienen wir heute jährlich elf Milliarden Dollar. Deshalb gilt, zumindest für uns: eins + eins = fünf.

SPIEGEL: Damit haben Sie in der Werbewirtschaft Angst geweckt: Sie könnten die Preise diktieren und den Kunden in Koppelgeschäften all Ihre Medien aufdrängen.

Redstone: Das haben wir nie getan und haben wir auch nicht vor. Viacom arbeitete jahrelang erfolgreich mit der Werbeindustrie zusammen. Da werden wir sie jetzt zu nichts zwingen.

SPIEGEL: Sie haben die Zuschauer von jungen Jahren an in Ihren Fängen.

Redstone: Was ist daran schlimm? US-Kids fangen heute mit unserem Kinderkanal Nickelodeon an, schalten später zu MTV um, landen dann bei VH-1 und enden irgendwann mit CBS. Nebenbei schauen sie sich im Kino unsere Paramount-Filme an. So sieht ein moderner Medienkonzern aus.

SPIEGEL: Die US-Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission (FCC) ist weniger euphorisch. Offenbar soll Viacom auf Grund der beherrschenden Position

wenigstens den 50-Prozent-Anteil an seinem zweiten Network UPN abgeben.

Redstone: Mit der FCC bin ich in Kontakt. An so eine Forderung glaube ich nicht.

SPIEGEL: Sie kontrollieren die öffentliche Meinung wie kaum ein anderer. Viele Medienkritiker sprechen bereits von einer Gefahr für die Demokratie.

Redstone: Zu Unrecht. Mit der CBS-Fusion krempeln wir doch nicht eine ganze Branche um. Da gibt es ja noch ein paar andere. Im Übrigen: Ich habe mein ganzes Leben lang gegen Monopole gekämpft, etwa in der Kabelindustrie. Deshalb werden wir uns nie wie ein Monopolist aufführen. Vor Viacom muss niemand Angst haben.

SPIEGEL: In China sagten Sie kürzlich, Journalisten sollten in den Ländern, aus denen sie berichten, nicht »unnötig Anstoß erregen«. Damit bekamen Sie beim dortigen Regime sicher mehr Beifall als bei den Korrespondenten von CBS.

Redstone: Wir sind bei der chinesischen Regierung beliebt, weil wir zugesichert haben, dass wir die dortigen Musiker fördern. Aber das Zitat ist ohnehin aus dem Zusammenhang gerissen. Ich sagte auch, dass das vorherrschende Prinzip immer die journalistische Integrität sein muss. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich den CBS-Leuten irgendetwas vorschreiben würde. Absurd!

SPIEGEL: Ihr Konkurrent Rupert Murdoch gilt als weniger zurückhaltend.

Redstone: Wir unterscheiden uns in vielerlei Hinsicht. Ich würde nicht mal einen meiner vielen Musikkanäle anrufen, um einen bestimmten Song einzufordern.

SPIEGEL: Das US-Justizministerium vermutet, Ihr Konzern habe viel Macht und missbrauche sie gelegentlich. Ihrem Clip-Kanal MTV werfen Ermittler vor, mit Plattenfirmen windige Exklusiv-Geschäfte eingefädelt zu haben, die Konkurrenten benachteiligen.

Redstone: Das ist wirklich übertrieben. Wir haben zwar Exklusivität für ein paar wenige Video-Clips vereinbart, aber das ist absolut normal mit Blick auf unsere führende Position.

SPIEGEL: MTV bringt die meisten Gewinne in die Konzernkasse. Derzeit versucht der Sender sich an der Expansion im Internet. Wann soll das Online-Angebot MTVi an die Börse gehen?

Redstone: Im April. Und da verkaufen wir ja nicht gerade Cookies, sondern eine weltbekannte Marke. Auch mit dem Online-Angebot von Nickelodeon planen wir einen Börsengang. Das ist unsere Art, das Internet zu erobern.

SPIEGEL: Wie viel Geld erwarten Sie sich?

Redstone: Wir werden höchstens zehn Prozent verkaufen. MTVi wird ein Multi-Milliarden-Dollar-Wert werden. So viel ist klar.

SPIEGEL: Noch immer macht Viacom nur magere 20 Prozent seines Umsatzes außerhalb der USA - nicht gerade global.

Redstone: Warum stellen Sie nur immer so bösartige Fragen? Sie haben ja Recht: 96 Prozent aller Augen schauen außerhalb der USA fern - und deshalb wachsen unsere Umsätze international ja auch astronomisch. Im vergangenen Jahr haben wir allein zwölf neue Nickelodeon-Kanäle gestartet: von Bangladesch bis Japan.

SPIEGEL: Ausgerechnet in Deutschland musste Ihr Kinder-TV nach drei Jahren geschlossen werden. Warum wankt Viacom hier von einem Debakel zum nächsten?

Redstone: Diesmal ist ja schon die Frage falsch. Nickelodeon hatte es gegen den politisch gewollten Kinderkanal von ARD und ZDF schwer, auch wenn Fehler in unserem Management dazukamen. MTV Deutschland erreicht heute 29 Millionen Haushalte, die Werbeumsätze gehen jedes Jahr um 60 Prozent hoch ...

SPIEGEL: ... während VH-1 kaum noch wahrgenommen wird. Ihre Videoladen-Kette Blockbuster verschwand, bevor sie richtig eröffnet hatte.

Redstone: Das ist Vergangenheit. Deutschland bringt uns heute eine Menge Umsatz, deshalb werden wir das Geschäft hier weiter ausbauen, unter anderem mit neuen Digital-TV-Kanälen rund um Musik und Kinderprogramme. Wir arbeiten daran, dass Nickelodeon wieder auf die deutschen Bildschirme zurückkehrt. Es soll hier ein ähnlich geläufiger Name werden wie im Rest der Welt. Als Partner für unsere Pläne steht auch Leo Kirch bereit.

SPIEGEL: Mit dem Münchner Medienmacher haben Sie vor Jahren eine Allianz angekündigt, von der man bislang wenig sieht.

Redstone: Im Mediengeschäft sind Beziehungen das Bedeutendste. Da geht es nicht jeden Tag ums Geld. Wir mögen einander. Kirch ist wichtig für uns.

SPIEGEL: Wollen Sie bei ihm einsteigen?

Redstone: Selbst wenn, würde ich das vorher sicher nicht mit Ihnen diskutieren. Ich bin jedenfalls mit ihm und seinem italienischen Partner Silvio Berlusconi in engem, persönlichem Kontakt.

SPIEGEL: Kirch und Berlusconi basteln an einem europäischen Fernseh- und Filmkonzern - ein Partner für Sie?

Redstone: Viacom hat fast alles, was es wollte. Aber wenn wir hier Unternehmen finden, die zu uns passen, denken wir darüber nach. Im Prinzip sind wir bereit, in Europa zu investieren.

SPIEGEL: Noch vor drei Jahren hatte Viacom riesige Schulden. War es nicht pures Glück, dass der von Ihnen mitproduzierte Film »Titanic« zum erfolgreichsten Kinohit aller Zeiten wurde?

Redstone: Was Sie »pures Glück« nennen, ist konsequente Arbeit. Seit es das Drehbuch zu »Titanic« gab, haben wir im Gegensatz zu vielen anderen Studios voll darauf gesetzt. Drehbücher sind das Allerwichtigste. Aus einem schlechten Skript können Sie nie einen wirklich erfolgreichen Film machen.

SPIEGEL: Bill Mechanic, Chef des Studios 20th Century Fox und Ihr »Titanic«-Partner, warnt, Hollywood drehe sich in einem Teufelskreis: zu hohe Star-Gagen, zu fette Etats, zu wenig Kreativität.

Redstone: Das mag für seine Firma und deren Chef Murdoch gelten, nicht für uns. Wir disziplinieren uns im Umgang mit Stars. Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte: Tom Cruise bekam von uns für seinen Einsatz in »Mission: Impossible« 70 Millionen Dollar Gage und Gewinnbeteiligung ...

SPIEGEL: Wie viel?

Redstone: Sie hören richtig. Viacom hat natürlich dennoch ein bisschen was an dem Film verdient, doch für »Mission: Impossible 2« wollten wir andere Konditionen. Lange Zeit kam mit Cruise kein Vertrag zu Stande.

SPIEGEL: Weil er noch mehr wollte?

Redstone: Es war einfach schwierig. Wir sagten - wie er: Nein, nein, nochmals nein. Am Ende machten wir den Film doch mit ihm - zu günstigeren Konditionen. Unser oberstes Prinzip ist Disziplin.

SPIEGEL: Sie und die neue Nummer zwei im Viacom-Konzern, der CBS-Chef Mel Karmazin, gelten als sparsame, egozentrische Arbeitstiere. Wie sehen Sie sich selbst?

Redstone: Arbeitstiere? Ja. Egozentrisch? Ich bin mir nicht sicher. Sparsam? Wir werfen jedenfalls beide nicht mit Geld um uns.

SPIEGEL: Wer liegt beim Geiz vorn?

Redstone: Bei unseren Terminplänen können wir beide nicht mehr mit dem Bus fahren. Da ist ein eigenes Flugzeug kein Luxus, sondern nackte Notwendigkeit.

SPIEGEL: Karmazin soll eine Pizza noch immer einem teuren Menü vorziehen.

Redstone: Mag sein, dass wir uns da etwas unterscheiden. Aber sonst sind wir uns sehr ähnlich.

SPIEGEL: Wird er irgendwann Ihr Nachfolger werden?

Redstone: In unserem Fusionsvertrag steht nichts von einem Nachfolger. Aber Karmazin könnte einer sein. Natürlich.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 76 Jahre alt. Ihr Umfeld glaubt, dass Sie sich Ihren Ausstieg nur in einem Eichensarg vorstellen können.

Redstone: Das Geschäft macht mir noch viel zu viel Spaß, um einfach zu gehen. Und ich will sicherstellen, dass es so ein wunderbar familiärer Betrieb bleibt.

SPIEGEL: Das dürfte nicht schwer sein: Die Familie Redstone kontrolliert die Mehrheit der stimmberechtigten Viacom-Aktien.

Redstone: Dabei soll es auch bleiben. Das meine ich aber nicht mit »familiär«. Was zählt, ist: Bei Viacom sind alle Freunde.

SPIEGEL: Außer Ihrer Gattin Phyllis, die nach der Fusionsankündigung die Scheidung und drei Milliarden Dollar fordert.

Redstone: Jetzt sind wir doch noch beim Thema Scheidungen gelandet. Diese Geschichte wird jedenfalls nie das Viacom-Geschäft beeinflussen ...

SPIEGEL: ... was Analysten bezweifeln.

Redstone: Die können beruhigt sein, obwohl es schön war, nicht nur an der Wall Street so viel Anteilnahme zu erleben.

SPIEGEL: Scheidungsklagen scheinen bei Ihnen zur Tradition zu werden. Das letzte Mal wollte Ihre Frau sich trennen, als Sie Paramount kauften.

Redstone: Stimmt. Phyllis ist eine wirklich liebe Frau. Aber es ist keine gute Ehe gewesen. Wahrscheinlich hätten wir uns früher voneinander verabschieden sollen.

SPIEGEL: Sie könnten Murdoch um Rat fragen, der sich auch von seiner Frau trennte.

Redstone: Da muss ich mal laut lachen. Sein Boulevardblatt »New York Post« widmete meiner Scheidung die Titelseite. Von seiner eigenen Trennung jedoch war da kaum die Rede. Aber so ist das Leben.

SPIEGEL: Mr. Redstone, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Pop-Star Britney Spears.* Mit den Redakteuren Thomas Tuma und Hans-Jürgen Jakobs inMünchen.

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