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Banken Eins plus eins

Im Norden entsteht ein neuer Gigant: Nord/LB und Berliner Bankgesellschaft wollen zusammengehen.
• aus DER SPIEGEL 46/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Pläne für den neuen Bankenpalast sind gigantisch. 400 Millionen Mark hat die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) für den Neubau der Konzernzentrale in Hannover reserviert. Die Grundstücke sind bereits gekauft, 1500 Mitarbeiter sollen hier arbeiten.

Nicht nur die Baupläne in der niedersächsischen Hauptstadt sind ambitioniert. Ministerpräsident Gerhard Schröder will seine Landesbank zum Hauptkonkurrenten der Frankfurter Großbanken und der Westdeutschen Landesbank aufbauen. Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, soll sich die Nord/LB mit der Bankgesellschaft Berlin zusammenschließen.

Wenn Schröders Pläne Wirklichkeit werden, entsteht ein mächtiger öffentlich-rechtlicher Bankkoloß, der mit einer Bilanzsumme von über 500 Milliarden Mark nur noch von der Deutschen Bank übertroffen wird. Die norddeutsche Liaison zwischen Hannover und Berlin würde plötzlich zu den weltweit größten Kreditinstituten gehören.

Seit drei Jahren verhandeln die Bankvorstände mit politischer Rückendeckung von Schröder und Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen, dessen Land 56,8 Prozent der Kapitalanteile der Bankgesellschaft hält. »Der politische Gestaltungswille ist außerordentlich groß«, sagt Wolfgang Steinriede, Vorstandssprecher der Bankgesellschaft Berlin.

Die Berliner wollen die Nord/LB, mit einer Bilanzsumme von knapp 220 Milliarden Mark die kleinere der beiden Banken, am liebsten schlucken. Künftig werde »etwa 70 Prozent des Geschehens in Berlin stattfinden«, sagt einer ihrer Vorstände. Die Landesbank solle deshalb in die Holding der Bankgesellschaft integriert werden, unter deren Dach 1994 die öffentlich-rechtliche Landesbank Berlin, die Berliner Hypothekenbank und die Berliner Bank als Aktiengesellschaft zusammengefaßt wurden.

Doch so einfach wird das nicht gehen. »Ich werde keine Geschichte ohne absolute Parität akzeptieren«, sagt Schröder. Sitz der Holding müsse Berlin und Hannover sein, die Kapitalanteile müßten überdies zu gleichen Teilen auf die jeweiligen Hauptaktionäre, die Länder Niedersachsen und Berlin, verteilt werden.

Als Name für den neuen Staatskonzern schwebt dem Sozialdemokraten »Bankgesellschaft Berlin-Hannover AG« vor. Auch mit einer »Norddeutschen Bankgesellschaft« könnte Schröder sich wohl anfreunden.

Hauptsache, es entsteht eine mächtige Landesbank, die der WestLB Paroli bieten könnte. Schon lange schaut Schröder neidisch nach Düsseldorf, wo Parteifreund Johannes Rau seit Jahrzehnten bei seinen strukturpolitischen Anliegen auf die geräuschlos effiziente Mithilfe der Genossen aus der WestLB bauen kann.

Die Macht der WestLB, die mit ihrer gewaltigen Finanzkraft mittlerweile die Commerzbank überholt hat, ist auch ein wichtiger Beweggrund für die Berliner. Die Düsseldorfer Landesbank hat sich gefährlich nah an die Hauptstadt herangepirscht, für die brandenburgischen Sparkassen ist sie die Girozentrale. Zusätzlich will WestLB-Chef Friedel Neuber die dortige Investitionsbank zu einer Landesbank Brandenburg hochrüsten.

Bei den Kooperationsverhandlungen mit den Berlinern hat die Nord/LB einige Trümpfe in der Hand. »Schließlich sind wir mit 19,6 Prozent an der Bankgesellschaft beteiligt - nicht umgekehrt«, sagt Manfred Bodin selbstbewußt. Der Vorstandsvorsitzende der Nord/LB kommt zusammen mit seinem strategischen Partner, der Gothaer Versicherungsgruppe, sogar auf über 25 Prozent der Aktien und kann so jede unerwünschte Entwicklung in Berlin blockieren.

Außerdem hat die Bankgesellschaft mit großen Verlusten im Kreditgeschäft zu kämpfen. Alle ostdeutschen Filialen seien »in tiefroten Zahlen«, mußte Vorstandssprecher Hubertus Moser vergangene Woche bei der Vorlage neuer Bilanzzahlen eingestehen. Die Rückstellungen für Kreditrisiken wurden in den ersten neun Monaten des Jahres um 819 Millionen Mark aufgestockt.

Der eigentliche Offenbarungseid aber steht noch bevor. Der Vorstand kündigte eine Radikalkur an, um die Risiken dauerhaft in den Griff zu bekommen, die durch die Pleitewelle in Ostdeutschland offenbar geworden sind. Zur Zeit wird nach Bilanztricks gesucht, um die Dividende möglichst unangetastet zu lassen, auf die der Mehrheitseigentümer Berlin dringend angewiesen ist.

Selbst beim Finanzergebnis, das dank der hohen Kursgewinne bei Aktien bei anderen Banken hohe Gewinne abwirft, mußten die Berliner ein dickes Minus melden. Es half nichts, daß für die Renten- und Aktienhändler am Berliner Alexanderplatz 1995 ein ultramoderner Handelsraum eingerichtet wurde. In den ersten neun Monaten wurden 56 Millionen Mark verloren.

Um die Schwächen im Investmentbanking auszugleichen, sucht die Bankgesellschaft seit Jahren nach einem internationalen Partner. Bisher zeigte kein Finanzinstitut wirkliches Interesse.

Nun soll es also die Nord/LB richten. »Eins plus eins muß drei ergeben«, sagt Jürgen Kösters, Vorstandsmitglied der Nord/LB. Da sind nicht nur Zweifel an der mathematischen Richtigkeit dieser Gleichung angebracht.

Doch auch die Landesbank steht unter Druck. Die Haftung des Staates für die Verbindlichkeiten der öffentlichrechtlichen Banken - ein wichtiger Wettbewerbsvorteil - ist zunehmend umstritten. Der Bundesverband deutscher Banken, dem auch die Bankgesellschaft Berlin angehört, hat sich in Brüssel bei EU-Kommissar Karel van Miert über die Privilegierung der Staatsbanken beschwert. Insbesondere die Eingliederung staatlicher Wohnungsbauvermögen, die den Landesbanken elf Milliarden Mark zusätzlichen Eigenkapitals gebracht hat, prangern die privaten Banken an.

Vergangenen Freitag scheiterte ein weiterer Vermittlungsversuch von drei Bonner Staatssekretären im Bundeswirtschaftsministerium. Zwar gaben sich WestLB-Chef Neuber und Sparkassenpräsident Horst Köhler als Sprecher der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute konziliant und versprachen, in Zukunft dem Staat eine zusätzliche Beteiligung am Wertzuwachs zukommen zu lassen: Doch die Privatbanken wiesen das Kompromißangebot als »substanzlos« und als »Luftnummer« zurück.

Die Staatsbanken müssen sich auf schwierigere Zeiten einstellen. Auch deshalb sind Nord/LB und Bankgesellschaft Berlin entschlossen, sich zu einer größeren Einheit zusammenzuschließen. Auf Geheiß der Länderchefs Schröder und Diepgen suchen derzeit die Vorstände nach einem Konzept über die künftige Verteilung der Kompetenzen auf Berlin und Hannover.

Sicher macht es Sinn, die Aktivitäten beispielsweise im Investmentbanking zu bündeln. Wenn der Euro kommt, wird ein wichtiger Teil des Geschäfts der Nord/LB wegfallen, die bisher zu den führenden Emissionshäusern für deutsche Rentenpapiere zählt. Aber wie in Berlin wird auch in Hannover in den nächsten Wochen ein neuer Handelsraum eröffnet. Der politische Wille wird schnell erlahmen, wenn es darum geht, Arbeitsplätze abzubauen.

Das Urteil der Börse für die Pläne ist jedenfalls eindeutig. Seit das Zusammengehen von Bankgesellschaft und Nord/LB immer wahrscheinlicher wird, ist der Aktienkurs der Berliner um mehr als 30 Prozent abgesackt. »Es ist schwierig, aus einer Behörde und einer Halbbehörde ein marktwirtschaftlich schlagfertiges Unternehmen zu machen«, sagt ein Bankanalyst. Das trauen die Börsianer weder Schröder noch Diepgen zu.

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Die geplante Bankgesellschaft im Vergleich

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