Daimler-Benz Einsatz der Ellenbogen
Um einen Spruch ist Jürgen Schrempp selten verlegen. »Wenn man morgens unter der Dusche steht«, sagt der Daimler-Benz-Chef, »muß man wissen: Es kann heute zu Ende gehen.«
Soweit wird es vorerst nicht kommen. Doch das Aufsichtsratspräsidium hat den Draufgängertyp in seinem Machtkampf mit dem Mercedes-Benz-Vorsitzenden Helmut Werner fürs erste gestoppt. Über die neue Konzernstruktur, mit der Schrempp seinem Kontrahenten die Führung der Autofirma entreißen wollte, wird vorerst nicht entschieden. Die Autofirma als eigenständige Aktiengesellschaft wird erst im nächsten Jahr aufgelöst, wenn überhaupt. Eine Schlappe für Schrempp, eine Atempause für Werner.
Der Konzernoberste erlitt in der Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums am vergangenen Dienstag gleich mehrere Niederlagen. Schrempp hatte zuvor im Vorstand und gegenüber Aufsichtsräten mehrfach gesagt, wenn die von ihm geplante neue Führungsstruktur nicht genehmigt werde, »dann gehe ich«. Teilweise drohte der Daimler-Chef gar, wenn die Neuordnung nicht auf der Aufsichtsratssitzung am 6. November beschlossen werde, »bin ich nicht mehr dabei«.
Das Aufsichtsratspräsidium mit Hilmar Kopper von der Deutschen Bank an der Spitze ließ sich davon nicht beeindrucken. Das vierköpfige Gremium, dem neben Kopper der Jurist Johannes Semmler, Betriebsratsvorsitzender Karl Feuerstein und IG-Metall-Funktionär Bernhard Wurl angehören, beschloß: Entschieden wird frühestens auf einer Sondersitzung im Januar nächsten Jahres. Und das Präsidium forderte Schrempp zu einer gravierenden Änderung auf: Er soll die in der neuen Führungsstruktur für Werner vorgesehene Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden zusätzlich mit einer Funktion ausfüllen. Schrempp könne Werner nicht nur die Position eines Frühstücksdirektors ohne Verantwortung anbieten, die dieser dann ablehnen müsse. Kopper: »Es ist unser ausdrücklicher Wille, beide an Bord zu halten.«
Die Auseinandersetzung zwischen Schrempp und Werner ist der Kampf zweier Manager, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Schrempp, der die AEG auflöste, Fokker verkaufte und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall reduzieren wollte, bekam von der IG Metall den Beinamen »Rambo der Nation«. Er selbst beschreibt sich so: »Ich bin nicht auf den Stuhl gesetzt worden, weil ich ein feiner Pinkel bin.«
Werner, der Mercedes-Benz mit neuen Modellen und neuen Fabriken wieder auf Erfolgskurs brachte, strahlt Seriosität und Solidität aus. Der Weltmann wirkt wie die Personifizierung der Marke Mercedes-Benz.
Der Konflikt zwischen den beiden begann vor fast zehn Jahren, als Werner bei Mercedes anfing. Er war nicht beim Daimler aufgewachsen wie Werner Niefer, Schrempp und andere Spitzenmanager. Der damalige Aufsichtsratschef Alfred Herrhausen hatte Werner vom Reifenproduzenten Conti nach Stuttgart geholt.
So etwas sahen die traditionsbewußten Schwaben gar nicht gern. Mißtrauisch beäugten sie den Neuen, von dem es zudem noch hieß, er sei bereits für die Nachfolge des Vorstandschefs Edzard Reuter auserkoren. Alles fiel auf: Werners grüner Anzug in der Riege der damals stets dunkelblau gekleideten Mercedes-Manager, seine Weigerung, bei Verbrüderungsaktionen mit Mercedes-Chef Niefer mitzumachen.
Schrempp dagegen, der mit einer Lehre bei Mercedes angefangen hatte, kannte die Machtstrukturen. Und wenn nachts in der Hotelbar in Niefer der kleine Junge durchbrach, spielte Schrempp eben mit. Er verzog keine Miene, als Niefer zwei rohe Eier bestellte und eins davon in den Mund steckte. Schrempp schluckte das zweite Ei. Werner sah schweigend zu.
Zudem knüpfte der aufstrebende Schrempp in seiner Zeit als Dasa-Chef ein Beziehungsgeflecht, das seinen weiteren Aufstieg erst ermöglichte. Die drei entscheidenden Männer nahm er für sich ein: Gegenüber Reuter präsentierte sich Schrempp als Manager, der dessen Idee vom Technologiekonzern weiterverfolgen werde. Dem damals neuen Aufsichtsratschef Kopper versprach er, den in Teilen uneffektiven Reuter-Konzern wieder zu zerschlagen. Und dem Betriebsratsvorsitzenden Feuerstein stellte er sich als Manager mit Gespür für die Belange der Belegschaft vor.
Werner erfuhr am 19. März 1994 auf dem Weg in den Skiurlaub durch eine Vorabmeldung im Radio, daß Konkurrent Schrempp Nachfolger von Reuter werden sollte. Der begeisterte Skifahrer, Schwimmer und Jogger mußte erst lernen, daß im Job Fairness nicht immer belohnt wird. Gerade bei Daimler kommt es von jeher auf eines an - den richtigen Einsatz der Ellenbogen.
Schrempp beherrscht diese Übung nahezu perfekt. Er maß sich mit Werner im offenen Wettkampf. Die beiden begeisterten Lkw-Lenker fuhren mit schweren Lastwagen auf dem Nürburgring schon mal Privatrennen. Doch zugleich bereitete Schrempp heimlich Werners Sturz vom Chefposten bei Mercedes vor.
Als Werner im März dieses Jahres durch den SPIEGEL (8/1996) von seiner geplanten Entmachtung erfuhr, glaubte er zunächst den Dementis: »Absoluter Unsinn«, hatte ein Konzernsprecher erklärt. Der Mercedes-Vorsitzende fühlte sich sicher. Schließlich fuhr er Milliardengewinne ein, derweil Schrempp durch die Fokker-Pleite 2,3 Milliarden Mark versenkt hatte.
Aber Schrempp trieb die Debatte um eine Strukturreform im Konzern voran. Er reklamiert die Logik für sich: Ein übergeordneter Holdingvorstand und darunter nochmals getrennte Vorstände bei den Töchtern Mercedes, Dasa und Debis seien zuviel. Die Führungsgremien der Töchter müßten aufgelöst werden. Die Mehrheit des Daimler-Vorstands sieht das ebenso.
Logisch wäre aber auch der umgekehrte Weg: Die Holding, verantwortlich für die schlimmsten Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre, entfällt. Übrig bleiben eine starke Autofirma Mercedes- Benz und einige Tochterunternehmen.
Doch es geht nicht um Logik oder schlanke Führungsstrukturen allein. Schrempp geht es vor allem um die Macht. Den Rivalen beruhigte er erst vor wenigen Wochen mit einem spöttischen Verweis auf die Zeitungen: »Helmut, hier steht, du bist der beste Manager im Konzern, was willst du mehr?«
Tatsächlich traf es Schrempp an einer empfindlichen Stelle, daß Werner als »Mr. Mercedes« gefeiert wurde. Uneitel ist der Daimler-Führer nicht gerade. Und so trieb er die Demontage des ihm formal unterstellten Mercedes-Chefs zielstrebig voran.
Jetzt ist der offene Krach da, und das ärgert den Oberkontrolleur Kopper. So etwas ist er von seiner Deutschen Bank nicht gewohnt. Dort entscheidet der Vorstand einstimmig. Selten dringt etwas durch die gepolsterten Türen nach außen.
Heftig gestritten wurde im Aufsichtsratspräsidium darüber, wer für die Negativpresse verantwortlich ist. Das Treiben auf der Chefetage, so die Wirtschaftswoche, unterscheide sich kaum vom Vorstand eines Kleintierzüchtervereins. Schrempp gab seinem Konkurrenten Werner die Schuld an dem Presserummel. Der habe vor 300 Mercedes-Führungskräften über die neue Konzernstruktur gesprochen, um Stimmung für sich zu machen. Dadurch seien Details bekannt geworden.
Betriebsrat Feuerstein warf Schrempp vor, dessen Truppen hätten die Presse munitioniert. Kopper forderte, dies müsse ein Ende haben: Der öffentliche Machtkampf sei »unerträglich«.
Die Ermahnung durch den Aufsichtsratsvorsitzenden ist gut gemeint, nutzen wird sie kaum etwas. Daimler-Manager sind sicher: Der Zoff wird jetzt erst richtig losgehen.