Einzelhandel: Kunden, die unbekannten Wesen - DER SPIEGEL
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Einzelhandel Kunden, die unbekannten Wesen

Der deutsche Einzelhandel steckt in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Die Deutschen wollen nicht mehr kaufen - und weigern sich damit, dem Konsumrausch der anderen EU-Bürger zu folgen.
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Luxemburg - Spanien wächst im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat mit 8,1 Prozent. England legt um 5,3 Prozent zu. Italien wächst, Irland wächst, Schweden kauft kräftig ein - die Umsatzkurven des europäischen Einzelhandels zeigen nach oben. Wie das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg am Dienstag mitteilte, verzeichneten die europäischen Einzelhändler im Juli ein Plus von 2,3 Prozent. Ein gutes Ergebnis, trotz der Deutschen: Deren Umsätze gingen im August um drei Prozent zurück.

Insgesamt habe die Branche in Deutschland in den ersten acht Monaten etwa zehn Milliarden Euro weniger erwirtschaftet als vor einem Jahr, erklärte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) am Dienstag in Berlin. Bereits im Juni gab es ein Minus von 4,8 Prozent, im Juli gingen die Umsätze um 1,9 Prozent zurück. Der Einzelhandel befindet sich in die schwerste Krise der Nachkriegszeit.

Es ist der neunte Monat hintereinander, an dem der Umsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat drastisch einbricht. "Das gab es noch nie", sagt Olaf Roik vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) gegenüber SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich sei die Lage sogar noch schlimmer. Weil es dem Lebensmittelhandel seit Jahresbeginn außerordentlich gut geht, zögen dessen positive Zahlen das Gesamtergebnis für den Einzelhandel nach oben. "Rechnet man den Lebensmittelhandel raus, sinken die Umsatzzahlen um zwei weitere Prozent", sagt Roik.

Schuld sei neben der Konjunkturflaute auch die zurückhaltende Einstellung der Konsumenten, findet der HDE. Der deutsche Verbraucher an sich sei sehr vorsichtig, sagt Roik. Sind die Deutschen durch die Teuro-Debatte verunsichert, fürchten sie wegen der schlechten Wirtschaftslage um ihren Arbeitsplatz, haben sie Angst vor dem bevorstehenden Krieg gegen den Irak, dann bleiben sie zuhause und kaufen nur das Nötigste. Deshalb habe die Binnennachfrage auch nie die heimische Wirtschaft gestützt - anders als etwa in den USA.

Es sind vor allem der "persönliche Bedarf" und der "Heimbedarf", die sich nicht verkaufen: Porzellan, Möbel, Lampen, Schuhe, Uhren, Schmuck. Nur Lebensmittel, die täglich gebraucht werden und sogenannte "Freizeitgüter" konnten ihre Umsätze aus dem Vorjahr trotz Arbeitsplatz- und Kriegsangst halten: CDs, Bücher, Sportartikel und Spielzeug. Solche Genussgüter seien die einzigen, die sich der Deutsche nicht nehmen lasse, mutmaßt Roik.

Trösten kann diese positive Ausnahme die Einzelhändler nicht. Die Branche ist deprimiert, auf einen Stimmungsumschwung will sie nicht hoffen. Auch für den September sei keine "Wende zum Besseren" in Sicht. Selbst das Branchensprachrohr HDE kann sich nicht mal mehr auf das stets lukrative Weihnachtsgeschäft freuen. "Selbst wenn die Konsumfreude der Verbraucher bis dahin zurückkehren sollte, können die Umsatzverluste der Vormonate nicht mehr aufgeholt werden."