Einzelhandel: Trauer um die Wühltisch-Wochen - DER SPIEGEL
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Einzelhandel Trauer um die Wühltisch-Wochen

Am Montag startet der letzte Winterschlussverkauf, danach kennt der Handel keine Rabattgrenzen mehr und darf reduzieren, wann er will. Die große Freiheit weckt bei Mittelständlern die Angst vor dem Ruin.
Von Julia Maria Bönisch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - "Die Abschaffung des Schlussverkaufs ist eine Reform an der verkehrten Stelle", schimpft Herwig Rollmann. "Das wird zehntausende Arbeitsplätze vernichten, und auch wir werden richtig Probleme kriegen." Rollmann-Fashion in der Hamburger Innenstadt konnte sich bisher auf die vier Schlussverkaufswochen im Jahr verlassen: viel Laufkundschaft ohne große Werbung.

Doch im Frühjahr tritt die Novelle zum Gesetz gegen den Unlauteren Wettbewerb in Kraft. Sie entbindet die Händler von den festen Terminen. Wühltischwochen und Alles-muss-raus-Zeiten kann dann jedes Geschäft in Eigenregie veranstalten. Rollmann fürchtet die Konsequenzen: "Der Medienrummel fällt weg, weil es kein gemeinsames, bundesweites Event mehr gibt. Allein können wir solche Publicity gar nicht herstellen."

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels HDE rechnet in der Folge mit einem Verlust von rund 20.000 Arbeitsplätzen und 4500 Firmeninsolvenzen. Vor allem die Kleinen werde es treffen, so HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr, denn bei ihnen reiche das Geld einfach nicht für aufwendige "Geiz-ist-Geil"-Kampagnen.

"Das ist versuchte Täuschung"

Noch nicht mal die Verbraucher werden von den unbegrenzten Schnäppchenwochen profitieren, glaubt Pellengahr. "Die Kunden verstehen unter Schlussverkauf höchstmöglichen Preisnachlass. Wenn Angebote jetzt immer und überall Schlussverkäufe heißen, ist das versuchte Täuschung." Außerdem gehe den Käufern jegliche Übersicht verloren. "Man weiß gar nicht mehr, wann was wo billig zu haben ist. Eigentlich muss man jetzt jeden Tag losziehen und die Angebote vergleichen."

Die Verbraucherzentralen sehen in der Novelle dagegen keinen Nachteil für die Kunden. "Das ist ein Schritt in Richtung mündiger Verbraucher", sagt der Sprecher ihres Bundesverbandes, Roland Stuhr. "Der Schlussverkauf ist nicht mehr als ein Marketinginstrument, auf das man gut verzichten kann." Denn auch der Fall des Rabattgesetzes im Sommer 2001 hätte prinzipiell schon Sonderaktionen ermöglicht. "Ohne das Gesetz sind seitdem auch Rabatte von mehr als drei Prozent möglich. Nur den Begriff Schlussverkauf durften die Geschäfte dabei eben nicht verwenden", erklärt Stuhr. Seitdem habe auch der Verdrängungswettbewerb schon längst an Schärfe gewonnen.

Die Beschwerden der Geschäftsleute kann Stuhr nicht nachvollziehen. "Die Händler haben die Verbraucher durch die ständigen Sonderangebote selbst zum Sparen erzogen. Jetzt wirkt das freie Spiel der Kräfte auf dem Markt."

Orientierungshilfen im Rabattdschungel hat aber auch Stuhr nicht parat. "Die Kunden müssen aus dem Bauch heraus entscheiden, ob ein Kauf günstig ist oder nicht." Preisvergleiche lohnten sich nur bei teuren Produkten wie Fernseher oder Computer.

Einzelhändler Rollmann muss sich nach dem jetzt stattfindenden letzten Winterschlussverkauf neue Strategien für sein Modehaus überlegen. Bei einer ständigen Preisschlacht kann sein Geschäft einfach nicht mithalten. "Wenn die Rabatte echt sind, sind sie für die Geschäfte ruinös und deshalb tödlich." Er rechnet daher damit, dass viele Produkte zunächst zu völlig überhöhten Preisen angeboten würden. "Wenn man dann reduziert, erzielt man beim Käufer das gute Gefühl, er hätte etwas gespart. Umsatzeinbußen hat man trotzdem nicht."

Für Rollmann ist das jedoch keine Alternative. Erst hatte er an einen lokalen Werbeverbund mit anderen Mittelständlern gedacht, doch damit würde er gegen das Kartellrecht verstoßen. Jetzt will er seine Kunden stattdessen mit gutem Service und persönlichem Kontakt an sich binden.

Am liebsten wäre ihm jedoch, wenn eine Initiative des HDE Erfolg hätte. Der Verband will den Begriff Schlussverkauf gesetzlich schützen lassen, seine Verwendung wäre somit begrenzt. Aber, so HDE-Sprecher Pellengahr, "bisher ist leider nicht erkennbar, dass der Gesetzgeber unseren Vorschlag aufnimmt."