Aktienfonds Eleganter Swinger
Dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd - so sieht die Uniform eines Mannes aus, der über 20 Jahre bei der Deutschen Bank gedient hat. Wenn da nicht die kanariengelbe Krawatte wäre, auf der blaue Dinosaurier ihre Hälse recken.
»Wir müssen mit der Zeit gehen«, sagt Christian Strenger, 50, und verweist auf das monumentale Stilleben des Düsseldorfer Kunstprofessors Markus Lüpertz, das die Eingangshalle der DWS Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen beherrscht.
Die DWS-Zentrale entpuppt sich als eines jener stattlichen Frankfurter Bürgerhäuser, von denen die expansive Bankenwelt nur die Fassade und den Dekor übriggelassen hat. Das Büro Strengers ist im modischen Schwarz gestylt.
Von hier aus verwaltet der DWS-Chef 75 Milliarden Mark. Seit Strenger vor knapp zwei Jahren den Job übernahm, stieg das Vermögen in den mittlerweile mehr als 80 Fonds um 60 Prozent.
Strenger gelang es, mit neuen Ideen und modernem Marketing die dominierende Position der Deutsche-Bank-Tochter DWS trotz zunehmender Konkurrenz zu halten. »Mit 26 Prozent Marktanteil übertreffen wir den der Deutschen Bank bei weitem«, sagt Strenger. Daraus bezieht er sein Selbstvertrauen im Umgang mit der Muttergesellschaft, deren Konzernzentrale mit ihren mächtigen Türmen nicht sehr weit von der DWS entfernt liegt.
Mit einem neuen Aktienfonds, dem DWS Deutschland, ist der schlaksige Junggeselle seiner Konkurrenz jetzt wieder einen kleinen Schritt voraus. Seit vergangener Woche wirbt die deutsche Flagge in ganzseitigen Zeitungsanzeigen für den Fonds.
Fünf Milliarden Mark sollen, so eine interne Vorgabe der Deutschen Bank, bis nächstes Jahr zusammenkommen. Das ist mehr, als jemals ein deutscher Aktienfonds einsammeln konnte. An der Börse sorgte allein die Ankündigung für Aufregung und trieb die Kurse nach oben.
Schon bevor die erste Mark für den Fonds eingesammelt war, erhielt die Fondsmanagerin Elisabeth Weisenhorn Angebote von Börsenhändlern, die ihr ganze Aktienpakete verkaufen wollten.
Christian Strenger hat schon vor einem Jahr, als die Börsenkurse noch darniederlagen, für die »Aktienfonds als langfristig rentierlichste Form der Vermögensanlage« geworben. Aber vor allem hat er einem Germany Fund, den er 1986 als frisch ernannter Chef der Deutsche Bank Capital Corporation in New York auflegte, ein gut Teil seiner Karriere zu verdanken.
Als 1989 in Berlin die Mauer fiel, kauften die Amerikaner diesen geschlossenen deutschen Aktienfonds wie verrückt. Daraufhin legte Strenger einen New Germany Fund, auf dem Prospekt das Brandenburger Tor, mit einem Volumen von 400 Millionen Dollar nach.
Noch heute zeigt er gern die unter Plexiglas gerahmte Tickermeldung der New Yorker Börse: 4,582 Millionen Stück wurden am ersten Tag zum Kurs von 21,875 Dollar gehandelt, bei einem Emissionskurs des Papiers von 15 Dollar.
Mit diesem spektakulären Erfolg hatte Strenger, der sich als Gentleman und nicht als aggressiver Karrierist gibt, bewiesen, daß er auch hart verkaufen kann. Wer sich auf dem schwierigen Markt in New York durchsetzt, gilt etwas in der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank.
Strengers Image tat es auch keinen Abbruch, als bald darauf die Kurse der Deutschland-Fonds fürchterlich abstürzten. Noch heute dümpelt der New Germany Fund unter seinem Einstiegskurs.
Am Anfang seiner Karriere hatte sich Strenger vor allem als hervorragender Golfspieler profiliert. Zwischen 1966 und 1976 machte er 39 Länderspiele für Deutschland. Gerd A. Bolze, dienstältester deutscher Golfjournalist, hat ihn in seiner Glanzzeit als »eleganten Swinger«, »kein Kumpeltyp, eher der große Einzelgänger« erlebt.
Heute schwingt der oberste Fondsmanager der Deutschen Bank seinen Schläger auf der Golfanlage im Taunus-Städtchen Kronberg, wie der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl und all die anderen wichtigen Frankfurter Banker.
Auf dem Golfplatz lernte Strenger frühzeitig die richtigen Leute kennen. Mittlerweile ist er Vizepräsident des feinen Deutschen Golf-Verbandes, doch das verschweigt er diskret.
»Strenger hat nie bewiesen, daß er Geld verwalten kann«, moniert Heiko Thieme, der mit ihm Ende der achtziger Jahre in New York arbeitete. Nicht nur er wurde von Strengers Aufstieg überrascht.
Auch in der Investmentbranche war vor zwei Jahren erwartet worden, daß der Fondsprofi Udo Behrenwaldt, als Geschäftsführer zuständig für die Aktienfonds der DWS, zum Sprecher der Firma aufrücken würde. Er hatte das Luxemburg-Geschäft frühzeitig und erfolgreich aufgebaut.
Aber der Deutsche-Bank-Vorstand wollte keinen Fonds-, sondern einen Marketingprofi für die erfolgreiche Anlagetochter, der ein jährliches Wachstum von 20 Prozent zugetraut wird.
»Wir brauchen eine neue Sprache«, doziert der Betriebswirt Strenger, während er die Entwürfe einer Werbeagentur für eine neue Anzeigenkampagne mit einem gequälten Lächeln zurückweist. Das Wort Fonds sei leider emotional kaum vermittelbar, ein neues Image ähnlich dem Motto »Quadratisch. Praktisch. Gut« müsse her.
Dabei wähnt er sich auf dem richtigen Weg. Seine eigene Marketingabteilung arbeite schneller als die der Deutschen Bank, sagt er stolz. Auch sonst betont Strenger die Distanz zur Muttergesellschaft. Noch nicht ein einziges Mal habe der Aufsichtsrat einzelne Anlageentscheidungen angeregt.
Trotzdem ist die Abhängigkeit von der Bank unverkennbar. Zweimal im Monat zitiert der Aufsichtsratsvorsitzende Carl L. von Boehm-Bezing Strenger zum Rapport. Im Produktausschuß der DWS sind die Manager aus den großen Hauptfilialen der Bank vertreten. Dort fällt die Entscheidung, welche Fonds aufgelegt werden.
Die Hälfte der zehn Leute im Anlageausschuß sind von der Deutschen Bank. Die DWS, die im vergangenen Geschäftsjahr rund 60 Millionen Mark Gewinn an die Bank überwiesen hat, ist mittlerweile zu wichtig geworden.
Strenger ist klug genug, diese Interessen nicht zu ignorieren. Wenn der Kölner, der jeden Freitagabend aus der Bankenmetropole Frankfurt in seine Villa im Rheinischen flüchtet, keine gravierenden Fehler macht, erreicht er wie sein Vorgänger als DWS-Chef die Pensionsgrenze. Eine Vorstellung, die den passionierten Kunstsammler nicht schreckt.
Allerdings wird ihm sein alter Golfpartner Barthold von Ribbentrop, ehemaliger Juniorennationalspieler, als warnendes Beispiel dienen. Der Generalbevollmächtigte für das gesamte Börsengeschäft, der bis vor kurzem im Anlageausschuß der DWS saß, stolperte über den Frankfurter Insiderskandal. Diesen Sommer verließ er nach 22 Jahren die Deutsche Bank. Y
Die Abhängigkeit von der Deutschen Bank ist unverkennbar
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_132_ Durchschnittliches Fondsvermögen pro Kopf 1992 weltweit
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