BUNDESUNTERNEHMEN Elend schwer
Wenn Heinz Boldt, seit gut einem Jahr Chef (ler Deutsche Industrieanlagen GmbH (Diag), so richtig in Fahrt kommt, dann klingt das oft so, als wäre das angeschlagene Bundesunternehmen ein Juwel des deutschen Maschinenbaus.
Pur Politiker in Bonn und Berlin, für Manager und Gewerkschafter, die sieh um Arbeitsplätze sorgten, hatte Boldt stets gute Nachrichten parat. Von einer Teile-Produktion für den Airbus wußte er zu berichten, von Riesengeschäften mit dem Ostblock und von mehr als 200 Boldt-Patenten, die dem maroden Berliner Maschinenbau zu neuem Glanz verhelfen sollen.
Aber die schlechten Nachrichten hielten sieh hartnäckig. Nach einem Rekordverlust von 43() Millionen Mark im Geschäftsjahr 1977 machte der Konzern, der fast vollständig zum ERP-Sondervermögen gehört, im folgenden Jahr ein Minus von weiteren rund 100 Millionen Mark. Auch im laufenden Jahr muß der Bund wieder 180 Millionen zuschießen.
Insgesamt, klagt der FDP-Abgeordnete Joachim Angermeyer, der im Wirtschaftsausschuß über die Diag-Zuschüsse mitzuentscheiden hat, seien »1,3 Milliarden Mark an die Diag verballert« worden. Eine Trendwende sieht Angermeyer nicht: »Das Ergebnis wird im Minus bleiben.«
Die Sanierung des Konzerns, das weiß auch Aufsichtsratschef Hanns Amt Vogels, »bleibt eine elend schwere Arbeit«. Flick-Manager Vogels hatte mit der Plackerei vor zwei Jahren begonnen, als ihn Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff zum Chef-Sanierer bestellte.
Mit seinem ersten Versuch ist Vogels gescheitert. Gewinne der Diag-Werke in Geisenheim hatten den notleidenden Berliner Werken -- Ludw. Loewe und Fritz Werner -- wieder auf die Beine helfen sollen. Aber die Gewinne sollten hauptsächlich die Umsätze im Iran bringen, und damit scheint es vorerst zumindest vorbei.
Die bundeseigene Diag hatte für die Aufrüstung des Schah viel getan. Im persischen Parchim entstand unter Regie der Fritz Werner GmbH, Geisenheim, eine stattliche Rüstungsindustrie. Mit deutschen Patenten und Diag-Werkzeugmaschinen wurden dort Maschinen- und Schnellfeuergewehre, Munition aller Kaliber und Raketenwaffen in ansehnlichen Stückzahlen produziert.
Die Ajatollahs stoppten den Rüstungsboom abrupt. Über Nacht verlor die Diag Aufträge im Wert von 700 Millionen und fest eingeplante Gewinne von etwa 300 Millionen Mark. In Geisenheim hatten 1400 Leute keine Beschäftigung mehr.
Durch den Ausfall im Iran rutschten die Geisenheimer nicht in die roten Zahlen, denn die Perser hatten hohe Vorauszahlungen geleistet. Aber diese Polster werden zur Rettung der Berliner Betriebe nicht reichen.
In Berlin wird weiter abgebaut. Vogels hat bereits das Industrie-Anlagen-Geschäft vom Stammsitz nach Geisenheim verlegt. Außer ein paar Dutzend Arbeitsplätzen verloren die Berliner damit einen zukunftsträchtigen Geschäftsbereich.
Denn die Belastungen, die sich die Diag vor allem im Algerien-Geschäft eingehandelt hatte, scheinen beseitigt. Nach hohen Verlusten und zähen Verhandlungen mit den Algeriern hat Diag-Manager Ulrich Schmidt den Konzern aus allen Verpflichtungen freigekauft. Schmidt verläßt im Herbst den Bundeskonzern und tritt in die Dienste des Hauses Flick.
Der in Berlin residierende Boldt wird in den kommenden Monaten noch häufiger von Mitarbeitern Abschied nehmen müssen. Nach Vogels? Plänen sollen die in Berlin ansässigen Diag-Hauptverwaltung sowie die beiden Töchter Ludw. Loewe und die Fritz Werner Werkzeugmaschinenfabrik um etliches schlanker werden.
Die 500 Beschäftigten von Ludw. Loewe (Produktion von Schrauben und Gußteilen) werden mitsamt der Firma an einen Konkurrenten, den Vergaser-Hersteller Solex, verkauft. Bei Fritz Werner (1200 Beschäftigte) und in der Hauptverwaltung (230) will der Sanierer die Belegschaft um weitere 500 Arbeitnehmer verringern.
»Es bedarf«, so Vogels, »keines so aufgeblähten Verwaltungsapparates in Berlin.« In der Tat: In Berlin wird ein Diag-Arbeiter bislang von zwei Angestellten verwaltet.
Wesentlich günstiger als um die Berliner Betriebe ist es um die beiden Werkzeugmaschinenfabriken im Westen bestellt. Die Firmen Honsberg (Remscheid) und Kolb (Köln) profitieren vom Investitionsboom in der Autobranche. Beide sollen in diesem Jahr, von Geisenheim aus gelenkt, ohne Verlust abschneiden.
Wenn Vogels? Pläne aufgehen, wird am Ende des Jahres nur noch Fritz Werner, Berlin, mit Verlust produzieren. Daß dieser Restbetrieb (Jahresumsatz: 90 Millionen Mark) den Berlinern noch lange erhalten bleibt, ist kaum zu erwarten.
Vogels bestreitet noch, daß der Konzern seine Zukunft nur im Westen sucht. »Von einem Rückzug aus Berlin«, beteuert der Sanierer, »kann nicht die Rede sein.
Aber der Berliner Senat sorgt sich, daß hier ein Bundesunternehmen ein böses Beispiel von Berlin-Flucht gebe. Bei einem Besuch in Bonn beschwor Berlins Wirtschaftssenator Wolfgang Lüder seinen Parteifreund Graf Lambsdorff, er möge sich doch für Berlin verwenden: Wenn die Diag liquidiert werde, sollte ein anderes Bundesunternehmen in der Stadt investieren.