EM.TV Naiv oder dreist?
In der grauen deutschen Unternehmerzunft wirkten Thomas Haffa und sein Bruder Florian wie Fremdkörper, hereingebeamt aus einer amerikanischen Seifenoper: stets lächelnd, mit jugendlicher Frische und einem scheinbar unerschöpflichen Optimismus. "Sehr gut", "super" oder gar "sehr, sehr gut, super": So pflegten die beiden, der eine Vorstandsvorsitzende, der andere Finanzvorstand des Börsenwunders EM.TV, Fragen nach den Geschäften zu beantworten. Nein, an den Prognosen gebe es nichts zu korrigieren, sagten sie noch im Oktober vergangenen Jahres.Die Prognosen stammten vom Frühsommer des Jahres, und sie waren schon da abenteuerlich hoch. Seither aber hatte sich ein Geschäft nach dem anderen zerschlagen, die Umsätze im eigentlichen Geschäft der Medienfirma lagen weit unter Plan. Der unaufhaltsame Niedergang der Firma hatte längst begonnen, doch die Haffas verbreiteten unverdrossen Zuversicht. Hochkarätige Zeugen vernommen War das Naivität, gepaart mit unternehmerischem Unvermögen? Oder der dreiste und kriminelle Versuch, den Aktienkurs des angeschlagenen Unternehmens wider besseres Wissen hochzureden? Letzteres glaubt die Münchner Staatsanwaltschaft beweisen zu können. Die Ermittler haben nicht nur die Akten der Firma geflöht, sie haben auch hochkarätige Zeugen wie Leo Kirch, dessen Vertrauten Dieter Hahn und ProSiebenSat.1-Chef Urs Rohner als Zeugen vernommen. Die Anklageschrift scheint zu belegen, was Branchenkenner schon lange vermutet hatten: In kaum einem anderen Unternehmen des Neuen Marktes wurde mit Zahlen, Fakten und Verträgen so abenteuerlich getrickst und jongliert wie bei dem Rechtehändler aus dem Münchner Vorort Unterföhring.In dem 122 Seiten starken Konvolut erheben die Ermittler schwere Vorwürfe gegen die Haffa-Brüder. Sie hätten am 24. August nicht nur falsche Halbjahreszahlen veröffentlicht, sondern diese auch noch unverdrossen präsentiert, nachdem das für Controlling zuständige Vorstandsmitglied ihnen per Hauspost seine erheblichen Zweifel an der Richtigkeit der Zahlen mitgeteilt hatte.Mit Zahlen und Bilanzen gingen die Aufsteiger des Neuen Marktes stets großzügig um. Das wollen die Ermittler zum Beispiel am Junior-Deal beweisen. Am 13. Juni vergangenen Jahres trafen sich der Medienunternehmer Kirch und sein Manager Hahn mit Thomas und Florian Haffa. Die beiden Unternehmen wollten einen Lizenzvertrag schließen. Die Haffas sollten einen Großteil ihrer Kinder- und Jugendfilmrechte in das Joint-Venture Junior.TV einbringen und dafür später einträgliche Gebühren kassieren. Bilanzspiele mit den Muppets Mehr als eine mündliche Vereinbarung war das nicht, gaben Kirch und Hahn den Staatsanwälten zu Protokoll. Die kurioserweise undatierten Verträge wurden erst Wochen später unterschrieben. Das hinderte die Haffas jedoch nicht, die erwarteten Umsätze in ihre Halbjahresbilanz einzustellen. Ähnlich gingen die Haffas bei der Jim Henson Company zu Werke. Die Firma, die unter anderem die Rechte an der"Muppets-Show" und "Sesamstraße" verwertet, hatten die Brüder im März 2000 gekauft und mit einem Umsatzanteil in Höhe von 31,6 Millionen Mark sowie einem Ergebnisbeitrag von 6,3 Millionen Mark "zu Unrecht", so die Staatsanwälte in die Halbjahresbilanz eingestellt. Dabei stand zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen bereits fest, dass die Neuerwerbung in den drei Monaten seit dem Kauf statt der ausgewiesenen gut 87 Millionen Mark Umsatz gerade mal knapp 56 Millionen Mark erwirtschaftet und fast zehn Millionen Verlust gemacht hatte. Die cleveren Haffas hatten geplante Produktionen einfach miteinkalkuliert. Äußerst kreativ, so die Ankläger, gingen die Brüder offenbar auch mit ihrem 50-prozentigen Formel-1-Anteil um, den sie im Mai vergangenen Jahres erworben hatten. Obwohl die Umsätze und Erträge nach Auffassung der Staatsanwaltschaft erst ab dem Kaufdatum am 12. Mai einbezogen werden durften, rechneten die Haffas ihren neuen Ableger schon mal mit ein. Einnahmen im Vorgriff gebucht Solche Praktiken, erwartete Einnahmen schon im Vorgriff zu verbuchen, wehren sich die Beschuldigten, seien in der Branche und bei EM.TV durchaus üblich gewesen. Ein Gutachten des renommierten Münchner Betriebswirtschaftsprofessors Wolfgang Lück bestätige die Zulässigkeit der Buchungen. Seine Äußerungen zur Lage des Unternehmens habe er "nach bestem Wissen und Gewissen" gemacht, erklärte Thomas Haffa den Ermittlern, und keineswegs zur Beeinflussung des Börsenkurses. Im Übrigen hätten bei seinen positiven Prognosen "aus damaliger Sicht kurz bevorstehende große Geschäftsabschlüsse eine Rolle gespielt". Kurz bevor stand angeblich ein Rahmenvertrag von Junior.TV mit ProSieben über die Ausstrahlung der "Simpsons". Pech nur, dass Partner Kirch diese Rechte erst in den USA besorgen musste und dass ProSiebenSat.1-Chef Rohner den Preis, den EM.TV forderte, viel zu hoch fand. Von ähnlicher Qualität waren auch die anderen Deals, von denen sich die Haffas die Wende erhofften. Der Rest ist bekannt: EM.TV musste einen Milliardenverlust ausweisen. Kirch stieg als Retter ein. Zuvor schon musste Florian Haffa die Konsequenzen ziehen, schließlich wurde auch Thomas Haffa aus dem Unternehmen gedrängt. Das Ende ist offen. Spätestens Anfang nächsten Jahres muss das Landgericht München entscheiden, ob es zur Hauptverhandlung kommt. Dann stünden die Haffa-Brüder endlich wieder dort, wo sie sich jahrelang am wohlsten fühlten im Rampenlicht der Öffentlichkeit.