EM.TV-Neustart Sanierung mit klassischen Rezepten
Hamburg/München - Nach dem überraschenden Führungswechsel bei EM.TV will der künftige Vorstandschef Werner E. Klatten die krisengeschüttelte Medienfirma rasch umbauen. Vorrangiges Ziel soll die Rückbesinnung auf die Kernkompetenzen des Münchener Unternehmens sein, sagte Klatten im Gespräch gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Als Kernkompetenzen nennt Klatten - derzeit noch Chef der Hamburger SPIEGELnet AG, zu der auch SPIEGEL ONLINE gehört - zwei Punkte: zum einen das klassische Merchandising-Geschäft, zum anderen die Vermarktung von TV-Programmen für Kinder und Jugendliche. "Diese Bereiche sollen künftig wieder im Mittelpunkt stehen, nachdem in der letzten Zeit eine relativ starke Akquisitionspolitik in verschiedene Richtungen betrieben wurde", erklärte Klatten.
Das Sanierungsprogramm des neuen Vorstandsvorsitzenden orientiert sich an einem Gutachten des Münchener Unternehmensberaters Roland Berger, der auf der EM.TV-Hauptversammlung am 1. August in den Aufsichtsrat des Unternehmens gewählt werden soll.
Thiemann bleibt Chef des Aufsichtsrats
Oberster Kontrolleur von EM.TV bleibt der ehemalige DG-Bank-Chef Bernd Thiemann; drittes Mitglied des Gremiums wird der Düsseldorfer Jurist Ralph Wollburg, Experte für Unternehmensfusionen und langjähriger Partner der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in Düsseldorf.
Das geplante Maßnahmenbündel auf Grundlage des Berger-Gutachtens beinhaltet nach Angaben Klattens im Wesentlichen vier Punkte: Internationalisierung durch Ausbau des Europageschäfts, Optimierung des Beteiligungsportfolios, klassische Rationalisierungsmaßnahmen innerhalb des Unternehmens und Zukäufe von lukrativen Unternehmen.
Insbesondere der letzte Punkt dürfte die Fachwelt aufhorchen lassen. EM.TV beabsichtigt trotz der eigenen Schieflage, die momentane Schwäche des Neuen Marktes für strategische Zukäufe zu nutzen. Klatten dazu: "Es gibt im Bereich der Medienunternehmen im Nemax All Share einige Firmen, die deutlich unterbewertet sind. Da ergeben sich sehr günstige Gelegenheiten, von denen wir sicher schon bald die eine oder andere wahrnehmen werden." Namen nennt der neue EM.TV-Chef allerdings nicht. Die Zahl der im Nemax All Share gelisteten Medienfirmen beläuft sich derzeit ohne EM.TV auf 40.
Weiterer Personalabbau geplant
Zur geplanten Restrukturierung machte Klatten klar, dass ein weiterer Personalabbau unumgänglich ist. Klatten: "Wenn wir uns auf unser Kerngeschäft zurückbesinnen, bleibt uns auch gar nichts anderes übrig. Wir werden den Verkauf - vor allem auf europäischer Ebene - deutlich stärken, in anderen Bereichen dagegen werden wir uns sehr genau ansehen, ob die Personalsituation noch in einem vernünftigen Verhältnis zu den zu bewältigenden Aufgaben steht."
Die Optimierung des Portfolios läuft offenbar vor allem auf eine Reduzierung der Beteiligungen hinaus. Klatten: "Es wurde in der Hochzeit des Neuen Marktes und der EM.TV-Aktie ein bunter Strauß von Beteiligungen zusammengekauft, den man nun sehr gründlich analysieren muss. Ich halte es für unbedingt erforderlich, dass wir uns künftig auf drei oder vier, maximal fünf Schwerpunkte konzentrieren."
Gefragt nach möglichen Verkaufskandidaten will sich der neue Vorstandschef noch nicht festlegen. Klatten: "Ganz klar, wir haben drei große Assets: die Formel 1, die Muppet-Firma Jim Henson und die Beteiligung an der Tele München Gruppe (TMG). Die ersten beiden passen eigentlich sehr gut in die neue Struktur, die wir der EM.TV geben wollen. Deswegen wäre ein Verkauf in beiden Fällen eigentlich nicht sinnvoll."
Hinsichtlich der TMG-Beteiligung gab es bislang nach Klattens Auskunft noch keine Gespräche mit dem früheren Eigentümer Herbert Kloiber, der immer noch Anteile an dem Unternehmen hält. Er hat ein Vetorecht bei möglichen Verkäufen und hatte durch die Ablehnung eines Einstiegs der KirchGruppe eine Lösung dieser offenen Frage bislang verhindert. Klatten dazu: "Denkbar ist für uns zweierlei: Entweder einigt man sich mit Kloiber auf einen geeigneten Käufer, oder wir prüfen, ob wir die restlichen Anteile auch noch übernehmen."
Kirch bleibt Minderheitsgesellschafter
Angesprochen auf die Beteiligung der KirchGruppe an EM.TV machte Klatten deutlich, dass es hier bereits klärende Gespräche mit dem Unternehmensgründer gab. "Ich habe", so Klatten, "bereits mit Leo Kirch über diesen Punkt gesprochen. Eine Beteiligung seines Unternehmens an EM.TV halten wir für sinnvoll, wobei auch eine Kapitalerhöhung in Frage kommt. Allerdings haben wir uns beide darauf geeinigt, dass die Beteiligung immer in einer Größenordnung bleiben soll, die keine kartellrechtlichen Probleme mit sich bringt." Kirchs Anteil sollte niedriger als bisher geplant sein.
Auch eine Beteiligung der KirchGruppe an der eigens von Klatten geschaffenen Beteiligungs-GmbH WKB, über die er das Paket von 25,1 Prozent der EM.TV-Aktien hält, schließt der neue Chef kategorisch aus: "Eine Übernahme von WKB-Anteilen durch Kirch wird es nicht geben." Anderen Investoren dagegen soll die WKB durchaus geöffnet werden. Laut Klatten ist geplant, hier über die Schaffung von Private-Equity-Beteiligungen nachzudenken.
Zum Kaufpreis seiner rund 36,1 Millionen Anteile verweigert Klatten weiterhin jeden Kommentar. Eine Beteiligung, Bürgschaft oder ähnliches seitens der Familie Quandt habe es nicht gegeben und sei auch nicht vorgesehen. Klattens Schwägerin ist eine geborene Quandt.
Den juristischen Verfahren gegen EM.TV wegen des Kursverfalls der Aktie sieht der Anwalt gelassen entgegen. Klatten: "Es gibt sowohl strafrechtliche Verfahren gegen den Gründer und früheren Vorstandschef Thomas Haffa als auch zivilrechtliche Verfahren gegen das Unternehmen. Zur rechtlichen Situation meines Vorgängers kann ich mich nicht äußern, aber was unsere Aktiengesellschaft angeht, sehe ich keine wirkliche Anspruchsgrundlage der Kläger. Es liegen Gutachten vor, die hier zu einem klaren Ergebnis zu Gunsten der EM.TV AG kommen."