Emotionale Bindung - DER SPIEGEL
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MANAGER Emotionale Bindung

Ex-Mercedes-Chef Werner steigt ins Rennsport-Geschäft ein - und riskiert seinen Ruf.
Von Petra Weinzierl und Dietmar Hawranek
• aus DER SPIEGEL 22/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kein Pförtner öffnet die Tür. Besucher des Bürogebäudes in Stuttgart- Möhringen müssen klingeln. Kein Schild verrät, wer im dritten Stock arbeitet. Auf einem Zettel, mit Klebeband befestigt, steht: »Expo 2000, Helmut Werner«.

Hier sucht ein Mann, der nach eigener Einschätzung bis vor kurzem noch den »besten Job der Welt« hatte, nach neuen Aufgaben. Mit 60 Jahren fühlt sich der einstige Mercedes-Benz-Chef noch viel zu jung, um sich den Hobbys (Ski, Tennis, Schwimmen) zu widmen. Der Expo-Aufsichtsratsjob füllt die Zeit nicht aus. Die Vermittlertätigkeit zwischen den Stahlkolossen Thyssen und Krupp war erfolgreich, aber sie ist nun weitgehend beendet.

Einem Mann mit Werners Ruf, BUSINESS WEEK wählte ihn als einzigen Deutschen unter die besten Manager der Welt, muß um neue Angebote nicht bange sein. Aber mit dem Job, den Werner jetzt annimmt, löst er in der Branche mächtiges Erstaunen aus: Er wird Aufsichtsratschef einer Aktiengesellschaft, mit der Bernie Ecclestone das gesamte Formel-1-Geschäft mit Vermarktungs- und Fernsehrechten an die Börse bringen will.

Die beiden Männer, die den Börsengang für geschätzte drei Milliarden Mark bewerkstelligen wollen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite Werner, der wie die Personifizierung des seriösen Mannes von Welt wirkt. Auf der anderen Ecclestone, der trotz allen Erfolgs mit der Formel 1 jenes Image nie loswerden konnte, das einem ehemaligen Gebrauchtwagenhändler wie ihm eben anhaftet.

Ecclestone und Werner kennen sich seit 20 Jahren. Ein besonders enges Verhältnis hatten die beiden nie. Lange Zeit hatte der Engländer gegen die Mercedes-Motorsportpolitik gestichelt. Ihre kostspieligen Aktivitäten in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft verhöhnte er als eine »gute PR-Übung für Hersteller, die sich nicht in die Formel 1 trauen«.

Doch nun fanden die beiden zueinander. Werner sucht eine neue Herausforderung, die »auch eine emotionale Bindung zum Thema Auto hat«. Und Ecclestone will seine unternehmerischen Aktivitäten neu sortieren, was er ohne Hilfe kaum schafft.

Bislang hielt Ecclestone alle Fäden in der Hand. Das Grundgesetz der Formel 1 lautete: Alle Macht geht von Bernie aus. Kaum einer durchdrang das verschlungene Firmenimperium, keiner kontrollierte dessen Aktivitäten vom TV-Rechtehandel über die Streckenwerbung bis zum Transport des Formel-1-Trosses.

All diese Geschäftsbereiche, die dem »Paten der Formel 1« (FINANCIAL TIMES) geschätzte 80 Millionen Dollar jährlich einbrachten, sollen jetzt in eine »Formula One Holdings« übergehen. Ecclestone geht es diesmal nicht nur ums Geld. Er kann mit dem Börsengang zwar kräftig Kasse machen. Aber der 67jährige will sein Lebenswerk auch über den Tod hinaus sichern.

In der derzeitigen Struktur würde die Formel 1 ohne Ecclestone wohl ins Chaos rasen. Nur er schaffte es bisher, die oft zerstrittenen Teambesitzer, Sponsoren und Veranstalter zusammenzuhalten. In einer Aktiengesellschaft müßte das Geschäft durchschaubar geordnet werden.

Für seine Formula One Holdings aber braucht der umtriebige Bernie reputierliche Männer an seiner Seite - zum Beispiel Helmut Werner. Nur mit einem Mann seines Formats hat das Projekt bei den Banken überhaupt Chancen.

Unter Führung der Investmentbank Salomons ermittelt ein Banken-Konsortium derzeit die Konditionen des Börsengangs. Etwa die Hälfte des auf rund drei Milliarden Mark geschätzten Aktienpakets wollen Ecclestone, die Formel-1-Rennställe und der Automobilweltverband Fia behalten, der Rest soll an den Börsen verkauft werden.

Wenn es so weit überhaupt kommt. Der Weltverband und Ecclestone müssen sich gerade vor dem Landgericht Frankfurt gegen eine Kartellbeschwerde wehren, die den gesamten Deal möglicherweise platzen läßt. Auch die Brüsseler Kartellbehörde interessiert sich für den Fall.

Ein Heidelberger Fernsehproduzent wirft den beiden vor, beim Handel mit TV- und Werberechten an der Formel 1 den Wettbewerb auszuschließen. Sollte das Gericht der Klage folgen und feststellen, daß die Vermarktungsrechte gar nicht bei der Fia liegen, sondern bei den Veranstaltern der einzelnen Rennen, entfällt die Geschäftsgrundlage der Formula One Holdings. Einen Großteil ihres Werts bezieht die geplante AG aus der Vermarktung der Fernsehrechte in 130 Ländern.

Rennsport-Fan Werner läßt sich davon nicht irritieren. Auch daß sein Ruf durch die Liaison mit Ecclestone ramponiert werden könnte, scheint ihn nicht zu schrecken. »Ich werde nur dabeisein«, sagt Werner, »wenn dies ein absolut erstklassiger Börsengang wird.«

Das Gerücht, er sei für den Aufsichtsratsvorsitz mit einem Prozent der Aktien (möglicher Wert: 30 Millionen Mark) geködert worden, bestreitet Werner vehement. Die Entschädigung sei nicht höher als bei anderen Aufsichtsratsposten in der Industrie. »Aber die Idee mit dem einen Prozent ist gut«, sagt er lachend, »das sollte ich mal dem Bernie vorschlagen.«

* Mit seinen damaligen Mercedes-Kollegen Norbert Haug undJürgen Hubbert 1995 auf dem Nürburgring.

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