Ende der Steinkohle: Der Ruhrpott erfindet sich neu - DER SPIEGEL
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Ende der Steinkohle Der Ruhrpott erfindet sich neu

2018 sollen im deutschen Bergbau endgültig die Lichter ausgehen. Betroffen sind davon auch Unternehmen, die den Bergbau beliefern. Um das Ende der Deutschen Steinkohle zu überleben, müssen sie in neuen Branchen Fuß fassen.
Von Silke Bigalke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bochum - Für Nico Scharmar sind es nur wenige Schritte durch die riesige Fertigungshalle der Bochumer Eisenhütte Heintzmann, von einer Maschine zur nächsten. Doch die Meter zwischen altem und neuem Arbeitsplatz bedeuten für den 26-jährigen Industriemechaniker den Unterschied zwischen banger Zukunft und echter Perspektive. Bis vor drei Monaten hat der junge Mann Stützprofile für den sterbenden Bergbau krumm gebogen. Heute biegt er Rohre gerade - für zukunftsträchtige Branchen wie die Ölindustrie.

Anfang der neunziger Jahre war die Eisenhütte Heintzmann noch zu 90 Prozent abhängig von der Deutschen Steinkohle AG. Das 150 Jahre alte Familienunternehmen Heintzmann stellt bis heute Stützprofile für den Untertagebau her. Doch mit dem Rückgang des Zechengeschäfts musste sich die Eisenhütte noch ein weiteres Standbein suchen. Seit 1997 veredelt sie durch eine spezielle Wärmebehandlung Metall für die Ölfeldindustrie, für den Kranbau oder für Rohr- und Schienenhersteller. Nur noch etwa die Hälfte der rund 80 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht das Unternehmen heute im deutschen Bergbau.

Und das ist gut so. Denn ab 2018 soll es keine staatliche Förderung mehr für die deutsche Steinkohle geben. "Für uns als Bergbauzulieferer werden die Lichter in Deutschland schon früher ausgehen", sagt der Prokurist der Bochumer Eisenhütte, Rudi Podjadtke. Dann wird sich das Unternehmen nur noch auf Export, auf Stahl- und Tunnelbau, und auf die neue Wärmebehandlung konzentrieren.

Von 659 auf 160 Mitarbeiter geschrumpft

Die neue Zeit gilt seit 1992. Damals beschloss der Großkunde Ruhrkohle Bergbau AG (RBAG), dem Unternehmen nur noch Stützmittel und keine sogenannte Strebtechnik mehr abzunehmen. "Wir Zulieferer sollten uns auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. So sollte der Rückgang der Nachfrage abgefedert werden", erklärt Prokurist Podjadtke. Bis 1996 schrumpfte das Unternehmen von 650 auf nur noch 160 Mitarbeiter. "Das war der Tiefpunkt", sagt Betriebsratsvorsitzender Benno Bargmann. "Das war auch die Stunde, in der wir erstmals daran gedacht haben, die Wärmebehandlung auszuweiten."

Wie viele Bergbauzulieferer insgesamt von den Zechenschließungen betroffen sind, kann niemand sagen. Die Deutsche Steinkohle AG als großer Abnehmer hat 2001 noch bergbauspezifische Lieferungen und Leistungen mit einem Gesamtvolumen von 1,74 Milliarden Euro nachgefragt. Für 2010 rechnet sie nur noch mit einem Bestellvolumen von 0,85 Milliarden Euro. Die Zahl der Zulieferer soll im Bereich Bergbau von 586 im Jahr 2001 auf 310 in 2010 sinken.

"Viele Bergbauzulieferer sind auf der Strecke geblieben, weil sie nicht früh genug erkannt haben, dass sie sich umstellen müssen", sagt Heinz-Jürgen Hacks, Leiter des Geschäftsbereichs Industrie, Raumordnung und Verkehr der IHK Essen. Hacks ist seit 30 Jahren mit der Branche befasst. Das Schrumpfen im deutschen Bergbau habe schon vor Jahrzehnten ganz sanft angefangen, sagt er. Nur Zulieferer, die rechtzeitig neue Branchen erschließen oder auf den Export setzen konnten, hatten laut Hacks eine Chance.

Neue Geschäftsfelder müssen her

20 Lkw-Ladungen Metall am Tag werden in der Bochumer Eisenhütte abgeladen. Ein Gebirge von Rohren und Stahlteilen liegt in der riesigen Fertigungshalle, die 18.000 Quadratmeter Produktionsfläche hergibt, fast zweieinhalb Fußballfelder. Die Metallberge warten hier auf ihre Vergütung durch Wärmebehandlung. Vergüten heißt erhitzen, denn dadurch wird der Stahl härter und widerstandsfähiger. Man kann auch sagen, der Stahl wird veredelt.

Die Öfen stehen in der hinteren Ecke der Halle. Einzeln und im Schritttempo fahren Rohre über einen schmalen Rollenteppich in die Glut des ersten, 36 Meter langen Härteofens. Hier wird der Stahl auf etwa 900 Grad erhitzt, damit er eine höhere Qualität bekommt. Weißgelb glühend fahren die Rohre am anderen Ende aus dem Ofen heraus und werden sofort mit kaltem Wasser abgeschreckt. Im Anlassofen werden sie ein zweites Mal erhitzt, für mehr Widerstandsfähigkeit.

Um in der neuen Zeit zu bestehen, hat die Eisenhütten in Bochum einen Arbeitskreis für neue Produkte und Innovation gegründet. Das Ziel: neue Geschäftsfelder finden und erschließen. Das Unternehmen versuchte sich im Hallenbau und in der Montage von Produktionsanlagen, hatte aber gegen die preiswertere Konkurrenz aus Osteuropa keine Chance. Bei allem Erfindergeist blieb der Mittelständler vorsichtig. Geschäftsführer Rüdiger Oostenryck sagt: "Wir mussten natürlich mit unseren Ressourcen wirtschaften und durften keine Bauchlandung riskieren."

Dabei war auch die Wärmebehandlung alles andere als leicht. Gemeinsam mit Kuno Guse, dem heutigen Leiter dieses Bereichs, stand Geschäftsführer Oostenryck in der Anfangszeit gespannt vor dem Ofen. "Die ersten Rohre kamen da raus wie Korkenzieher", erinnert sich Oostenryck. "Da reichten beim Abschrecken schon ein paar Tropfen Wasser zu viel auf der einen Seite."

"Über den Tellerrand schauen"

Heute weiß er, auf welche Weise er welchen Stahl wie bearbeiten muss. Je nach Kundenwunsch müssen die mechanischen Werte genau stimmen; sie sagen aus, wie stark der Stahl belastet oder geboten werden kann. Die Temperatur, die Dauer der Erhitzung und die Abschreckung werden dafür jedes Mal präzise neu eingestellt und überprüft.

Mit der Neuorientierung haben sich Mitarbeiter um- und weiterschulen lassen und sind an neue Arbeitsplätze gewechselt. "Um die Jobs zu erhalten, muss jeder bereit sein, über seinen Tellerrand zu schauen", sagt Betriebsratschef Bargmann. "Wichtig ist, dass bei den Mitarbeitern nicht das Gefühl aufkommt, dass etwas hinter ihrem Rücken passiert."

Weil der vergütete Stahl immer noch nicht ganz gerade aus dem Ofen kommt, steht Nico Scharmar seit drei Monaten an der Rollenrichtmaschine. Hier bügelt er die kleinen Krümmungen aus. Die Rollen der Maschine, durch die der Stahl dabei fährt, stellt er mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl ein. Seinen alten Arbeitsplatz vermisst er nicht.