Ende des Abschwungs: Dax-Plus weckt verfrühte Hoffnungen - DER SPIEGEL
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Ende des Abschwungs Dax-Plus weckt verfrühte Hoffnungen

Düstere Konjunkturprognosen, Stillstand im Welthandel und einbrechende Exporte interessieren den Dax wenig. In der vergangenen Woche ist er fünf Prozent ins Plus gesprungen. Doch die Erholung bedeutet nicht, dass der Sturzflug zu Ende ist.
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Hamburg - Es sind endlich wieder ein paar gute Nachrichten: Der Rettungsplan der US-Regierung hat in der vergangenen Woche vor allem an der Wall Street ein Feuerwerk ausgelöst. Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann äußerte sich bei der Vorlage des Geschäftsberichts optimistisch.

Bauarbeiter in Berlin: Viele schlechte Unternehmens-Zahlen werden noch kommen

Bauarbeiter in Berlin: Viele schlechte Unternehmens-Zahlen werden noch kommen

Foto: DDP

Doch der Eindruck täuscht: Insgesamt standen erneut die Bad News zur Konjunktur im Vordergrund: Die Commerzbank prognostizierte am Wochenanfang, die deutsche Wirtschaftsleistung werde 2009 um bis zu sieben Prozent zurückgehen. Fast zeitgleich gab die Welthandelsorganisation (WTO) bekannt, sie erwarte für das laufende Jahr einen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr da gewesenen Einbruch des Welthandels um neun Prozent. Und die deutschen Exporte, so der Bundesverband Groß- und Außenhandel am Dienstag, könnten im laufenden Jahr um bis zu 15 Prozent zurückgehen. Dazu kommen immer neue Hiobsbotschaften aus aller Welt über Einbrüche in der Produktion, bei den Aufträgen oder zur Stimmung in der Wirtschaft generell.

Ende der Baisse?

Da verwundert es, dass der deutsche Leitindex Dax   zurzeit recht stabil da steht. Mehr noch: Seit Anfang der Woche hat der wichtigste Leitindex um etwa fünf Prozent zugelegt. Seit dem Tiefstand Anfang März beträgt das Plus sogar mehr als 16 Prozent.

Bedeutet das, dass die Baisse beendet, der Boden erreicht, die Zeit zum Einstieg wieder gekommen ist? Die letzte Talfahrt nach dem Platzen der Internet-Blase dauerte immerhin von März 2000 bis März 2003 - also drei Jahre. Die jüngste Baisse startet erst vor gut einem Jahr, noch Anfang 2008 notierte der Dax auf 8000er-Niveau.

Tatsächlich sind von Experten erstmals seit langem vorsichtig optimistische Töne zu hören. Auch die regelmäßige Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) unter rund 300 Fachleuten zu den Erwartungen an die Marktentwicklung zeigt: Die Stimmung bessert sich.

"Die Chancen auf eine Bodenbildung sind gestiegen", sagt etwa Henning Gebhardt, Fondsmanager von der DWS. "Die Maßnahmen von Notenbanken und Regierungen weltweit haben den Abwärtstrend vorläufig gestoppt." Als Beispiele nennt Gebhardt den jüngsten Bankenrettungsplan in den USA und die Ankündigung der dortigen Notenbank, massiv Staatsanleihen aufzukaufen. "Da wird schon eine Menge Pulver eingesetzt", sagt der Fondslenker. Das müsse früher oder später Wirkung zeigen.

Den Mutigen wird zum Wiedereinstieg geraten

"Beim Ifo-Index sind wir bereits weit unten angelangt", ergänzt Karl Huber, Fondsmanager bei Pioneer. "Wenn er sich eine Weile auf dem Niveau hält, ist er bereits ein stabilisierender Faktor. Zudem hat sich die Erwartungskomponente in den positiven Bereich gedreht."

Die Fachleute der Commerzbank beobachten die viel zitierte Bodenbildung sogar schon seit Oktober vergangenen Jahres. "Das entscheidende Signal war das entschiedene Handeln der Notenbanken", gibt Aktienstratege Andreas Hürkamp als Grund an. "Kräftige Zinssenkungen haben sich in der Vergangenheit regelmäßig als verlässlicher Frühindikator erwiesen."

Optimismus pur also, so scheint es. Den Mutigen raten die Fachleute sogar schon wieder zum Einstieg. Einige zyklische Werte wie BASF   oder Siemens   seien derzeit zum Buchwert zu bekommen. Eine Chance, die sich selten bietet. Oder E.on  : Der Versorger weist derzeit eine Dividendenrendite von etwa acht Prozent auf. "Die E.on-Anleihen rentieren ungefähr mit sechs Prozent", sagt DWS-Mann Gebhardt. "Die Aktie erscheint vor diesem Hintergrund zu günstig bewertet."

Aber Vorsicht: Trotz der Zuversicht spricht derzeit kaum jemand von einer generellen Entwarnung. Zu groß sind die Risiken bei Wirtschaft und Unternehmen, zu stark die Verunsicherung bei vielen Anlegern. Die Crux: Zwar herrscht Einigkeit darüber, dass die Maßnahmen von Politik und Zentralbanken gegen die Rezession früher oder später Erfolg haben werden. Allerdings kommt noch eine Menge negativer Nachrichten auf den Markt, bis es so weit ist.

Zum Beispiel zur konjunkturellen Entwicklung: Niemand weiß, wie weit sich die Vorhersagen in nächster Zeit noch verdüstern werden. Ebenso wenig ist absehbar, wie sehr einzelne Unternehmen tatsächlich unter der Krise zu leiden haben. "Für viele Firmen besteht im laufenden Jahr noch Anpassungsbedarf", erwartet etwa DWS-Manager Gebhardt.

Schlechte Geschäftszahlen werden erwartet

Die kommenden Quartalsberichte geben wahrscheinlich bereits einen Vorgeschmack darauf, was aus dieser Richtung noch zu erwarten ist. "Nach allem, was sich bereits andeutet, werden viele Unternehmen sehr schlechte Zahlen für die ersten Quartale veröffentlichen", prognostiziert Hürkamp. "Die Analysten werden dann gezwungen, ihre Gewinnerwartungen weiter zu senken." Nach Angaben des Experten haben bislang nur wenige Analysten für ein Dax-30-Unternehmen einen Verlust in 2009 auf der Rechnung. "Es ist aber gut möglich, dass sich das demnächst ändert", sagt er. "Es wird sehr spannend zu beobachten, wie die Anleger darauf reagieren."

Aber nicht nur die Aktionäre könnten durch schlechte Geschäftszahlen verschreckt werden. Auch den Banken droht neues Übel: Geraten im laufenden Jahr mehr Firmen als erwartet in Existenznot, droht den Geldinstituten die nächste Abschreibungswelle. "Da wird voreilig gejubelt", sagt NordLB-Bankenanalyst Michael Seufert daher mit Blick auf die aktuellen Kursanstiege. "Manches Kreditbuch wird noch massiv unter Druck geraten."

Die Folgen wären weiter steigende Kreditkosten für die Unternehmen durch hohe Risikoaufschläge. Das wiederum erschwert die Entwicklungsmöglichkeiten der Firmen und schmälert deren Gewinnaussichten. Außerdem schränken hohe Risikoaufschläge das von Banken gewährte Kreditvolumen deutlich ein, weil ein gesundes Verhältnis zum Eigenkapital gewahrt bleiben muss. Im Klartext: Unternehmen aus allen anderen Branchen wären wieder mitgefangen in der Bankenmisere.

Nie war eine Prognose so schwer wie heute

In früheren Rezessionen haben die großen Banken die Kreditausfälle ihrer Schuldner meist einigermaßen weggesteckt. "Einen solchen Abschwung wie den derzeitigen haben wir noch nicht gesehen", warnt jedoch Analyst Seufert. "Die Abschreibungen aufgrund von Kreditausfällen könnten deutlich massiver ausfallen als wir es bisher kannten."

Und der Bankenrettungsplan der USA? Zumindest um die faulen Papiere aus der Vergangenheit müsste er die Institute entlasten. Für Klaus Schrüfer, Chefvolkswirt der SEB, stellt das Vorhaben, das zuletzt für Euphorie auf dem Parkett gesorgt hatte und auf dem viele Hoffnungen auf ein Ende der Bankenkrise ruhen, jedoch eher einen Risikofaktor dar. Seine Sorge: Der Plan könnte möglicherweise nicht funktionieren. "Wer kauft den Banken die Papiere ab und zu welchem Preis?", fragt sich der Experte. "Das Ganze ist noch absolut unsicher."

Nicht zuletzt deshalb ist Schrüfer skeptisch, was die Aktienmärkte angeht: "Noch fehlt die Bestätigung der bisherigen Tiefststände", sagt er. "Rein technisch befinden wir uns nach wie vor in einem langfristigen Abwärtstrend."

Immer noch also gilt: Nie war eine Prognose so schwer wie heute. Denn einige der wichtigsten Informationen, die sonst zur Vorhersage herangezogen werden, fehlen den Experten zurzeit: Die Aussagen von Unternehmen zu ihren eigenen Geschäftsaussichten. Immer mehr Firmen verweigern den sonst selbstverständlichen Blick in die Zukunft, weil diese zu ungewiss ist. Analysten und anderen Berufspropheten macht das das Leben schwer.

"Wenn die Unternehmen nicht wissen, wie das Geschäft laufen wird, wie soll es dann der Markt wissen?" bringt Volker Sack, Leiter des Analystenteams der NordLB, das Problem auf den Punkt.

Auch das also ein Grund, zu sagen: Für Euphorie besteht noch kein Anlass.