Ende einer Ehe - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 44 / 137

TV-KONZERNE Ende einer Ehe

Spektakuläre Scheidung im deutschen Fernsehen: Leo Kirch setzt mit neuen Partnern auf Pay-TV, der bisherige Verbündete Bertelsmann dagegen auf werbefinanziertes Fernsehen.
Von Hans-Jürgen Jakobs
• aus DER SPIEGEL 12/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In diesen Tagen sitzen die wichtigsten Manager des deutschen Privatfernsehens noch öfter als gewohnt im Flugzeug. Für Gespräche mit Geschäftspartnern, Anwälten und Kartellwächtern jetten sie durch die Gegend.

Am vergangenen Mittwoch zum Beispiel waren Emissäre des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann und des Münchner Filmkaufmanns Leo Kirch beim Bundeskartellamt in Berlin. Sie informierten die 6. Beschlußabteilung über ihre Pläne.

Freitags düsten die Kirch-Leute allein nach Mailand zu ihrem Freund Silvio Berlusconi, dem Herrscher über Italiens Privatfernsehen. Diese Woche, beim Notartermin im schweizerischen Basel, sind die Bertelsmänner dann wieder dabei.

Das Ergebnis der Vielfliegerei ist eine grundlegende Neuordnung der deutschen TV-Landschaft. 15 Jahre nach Start des Kommerzfernsehens haben sich endgültig zwei riesige Blöcke formiert, die den Markt dominieren.

Bertelsmann setzt mit seinem Luxemburger 50-Prozent-Ableger CLT-Ufa ganz auf das herkömmliche werbefinanzierte Fernsehen ("Free-TV"). Es soll zum profitabelsten Geschäftsfeld im Konzern ausgebaut werden, mit einer neuen Senderfamilie rund um RTL in Köln. Geplant ist die Mehrheitsübernahme bei Super RTL und RTL 2. Kirch hingegen sieht das Abonnentenfernsehen als neues Schwergewicht: mit rund vier Millionen Kunden in fünf Jahren, die für exklusive Programme wie etwa Tennisspiele aus Wimbledon oder Vorabpremieren von Kinohits extra Geld bezahlen.

Schon am Freitag der vorvergangenen Woche wurden die entscheidenden Signale für den Weg in die deutsche TV-Zukunft gesetzt. Da besiegelte Bertelsmann - per Unterschrift unter ein »shortform agreement« - den Ausstieg aus dem Pay-TV, das Fernsehvorstand Michael Dornemann noch 1998 als wichtigen Wachstumsmarkt ansah. Nun übernimmt Kirch beim bislang gemeinsam gehaltenen Abo-Kanal Premiere (1,7 Millionen Abonnenten) die Mehrheit, die CLT-Ufa begnügt sich mit fünf Prozent. Und auch darauf handelte sie eine Verkaufsoption aus.

Prompt machte Kirch, der Premiere aus Hamburg verlagern und mit seinem defizitären, viel kleineren Pay-Unternehmen DF 1 (320 000 Kunden) verzahnen will, neue Partnerschaften fest.

In sein Reich steigen Berlusconis Konzern Fininvest sowie der saudische Prinz Al-Walid ein, ein finanzstarker Investor, der unter anderem am Disneyland in Paris beteiligt ist. Sie übernehmen für zusammen 750 Millionen Mark 6,4 Prozent der Holding Kirch Media, in der Free-TV, Produktion und Filmhandel organisiert sind.

Knapp 400 Millionen investiert Berlusconis Fernsehtochter Mediaset in eine neue Gemeinschaftsfirma mit Kirch Media, die zum europäischen TV-Konzern reifen soll. Sie übernimmt beispielsweise 29 Prozent von Kirchs Sender Sat 1 sowie die Produktions- und Lizenzfirma Beta Film, eine Keimzelle des Kirch-Konzerns.

Alte Anlaufverluste von zwei Milliarden Mark beim deutschen Abonnentenfernsehen muß Kirch wohl abschreiben. Der schon so oft für fast pleite erklärte Medienunternehmer, der Banken rund drei Milliarden Mark schuldet, beginnt kurzerhand noch mal von vorn: mit zwei Millionen Abonnenten und neuem Kapital von Berlusconi & Co.

»Wir setzen weiter auf den zukunftsträchtigen Markt«, sagt Kirchs Vizechef Dieter Hahn. Es werde eine Verschiebung attraktiver Inhalte ins Pay-TV geben: »Die Vielfalt im werbefinanzierten Fernsehen geht zurück.« In Kirchs Imperium, zu dem etwa auch das Deutsche Sport-Fernsehen gehört, können Film- und Sportrechte nun wie Steine bei einem Mühlespiel hin und her geschoben werden. Und: Da sein Sohn Thomas weitere TV-Stationen wie Pro Sieben kontrolliert, kommt ein Hollywood-Studio beim Verkauf von Filmen kaum an Kirch vorbei.

Diese Einkaufsmacht ist das Hauptproblem für die Bertelsmänner. Da im Filmhandel die »All-rights-deals« zunehmen, bei denen die Gesamtrechte von Video über Pay-TV bis hin zum normalen Fernsehen auf einen Schlag verkauft werden, müssen sie Kirchs Kette fürchten.

Um von Hollywood nicht völlig abgeschnitten zu werden, handelte die Konzerntochter CLT-Ufa einen Zehn-Jahres-Vertrag für Lieferungen von Filmen und Fußballrechten an Kirchs Abonnentenfernsehen aus. So kann Vorstand Dornemann auch künftig bei den US-Filmriesen mit einer eigenen Pay-Verwertungsschiene aufwarten.

Doch an die ganz große Zukunft des Abonnentenfernsehens in Deutschland glauben die Bertelsmänner nicht mehr. »Es ist zu einem hochriskanten Glücksspiel geworden«, sagt CLT-Ufa-Vorstandschef Rolf Schmidt-Holtz. Erst in fünf, sechs Jahren mache Kirch im Pay-TV Gewinn.

Der Sender Premiere, der 1991 immerhin von Bertelsmann initiiert wurde, sei im Geschäftsfeld des Konzerns nur ein »kleiner Fliegendreck«, rutschte es Vorstandschef Thomas Middelhoff öffentlich heraus. Er hatte die ständige Kabale mit Kirch und den Ärger mit den Kartellbehörden satt und betrieb das Ende der zerrütteten Ehe. Die Zukunft liegt für ihn im Internet.

Die Übertragungstechnik soll in drei, vier Jahren so weit entwickelt sein, daß am Computer Bewegtbilder in guter Qualität zu empfangen sind - und die Kunden auf diesem Weg gegen Gebühr Spielfilme abrufen. Über AOL TV, einem geplanten Ableger im Online-Bereich von Bertelsmann, sollen Dutzende von Fernsehkanälen angeboten werden.

So beschloß Middelhoff den Ausstieg. Dem anderen Hauptgesellschafter von CLT-Ufa, dem belgischen Finanzier Albert Frère, waren die Lasten beim Aufbau des Pay-TV ohnehin viel zu hoch gewesen. Die CLT-Ufa kassiert von Kirch, zahlbar in zwei Raten bis Jahresende, rund 1,2 Milliarden Mark für 32,5 Prozent der Premiere-Anteile. Bei Anlaufverlusten der Bertelsmänner von 600 Millionen Mark im Pay-TV sei das eine »profitable Desinvestition«, sagt Dornemann. Im Klartext: Der Ausstieg zahlt sich aus.

Die vom teuren Bezahlfernsehen befreite CLT-Ufa will nun aus 40 Millionen Mark Gesamtverlust innerhalb von drei Jahren über eine halbe Milliarde Mark Gewinn machen - und künftig etablierte Firmen akquirieren, etwa Fußballclubs. »Die Trennung von Premiere macht unser Leben einfacher«, sagt CLT-Ufa-Chef Schmidt-Holtz: »Wir können verläßlicher planen.«

Vor allem bei ihrem Hauptsender RTL sehen die Bertelsmänner noch reichlich Spielraum. Die Berater von McKinsey haben für ein solches etabliertes Vollprogramm eine leicht mögliche Umsatzrendite von zehn bis zwölf Prozent errechnet.

Die verfehlte der Kanal früher. 1998 aber kam er mit 290 Millionen Mark Vor-Steuer-Gewinn bei einem Nettoumsatz von 2,34 Milliarden Mark in die Zielzone. Und für 1999 signalisierte RTL-Chef Gerhard Zeiler noch bessere Zahlen. Bei dem Boulevardsender, den Zeilers Vorgänger Helmut Thoma einst wie ein Fürst regiert hatte, gilt inzwischen eiserne Kostendisziplin.

Das Programm richtet Zeiler ganz auf die von der Werbewirtschaft hofierten 14- bis 49jährigen aus - selbst um den Preis, daß die 1998 an die ARD verlorengegangene Marktführerschaft bei allen Zuschauern wieder verfehlt wird.

Seiner Bilanz hilft auch die engere Anbindung an RTL 2 und Super RTL. Die nahmen RTL 1998 Programme im Wert von 120 Millionen Mark ab, etwa die »Dirk-Bach-Show« oder »Miami Vice«.

Künftig sollen die drei Sender in einer Familie eng kooperieren - bei der Planung von Programmen, dem Einkauf von Rechten und dem Verkauf von Spots an Werbekunden. Monatelange Gespräche der CLT-Ufa mit dem Disney-Konzern und dem Filmhändler Herbert Kloiber über den Erwerb von Anteilen an Super RTL und RTL 2 sollen bald zum Erfolg führen. Damit wäre die Bertelsmann-Mehrheit gewiß.

Der Konzern könnte zentral drei Sender lenken. Die so möglichen »hohen Verbundgewinne« sind von der Luxemburger CLT und der Bertelsmann-Firma Ufa bei ihrer Fusion vor fast drei Jahren unter dem Stichwort »Optimierung der Senderfamilie« ausführlich beschrieben worden. Nach dem Investitionsantrag des Bertelsmann-Vorstands vom Juli 1996 könne künftig »die Zielgruppenorientierung der Sender Super RTL, RTL 2 und auch Vox besser aufeinander abgestimmt werden«. Nun soll schon bald in Köln rund um RTL der neue Fernsehriese entstehen, ohne Vox, wo Bertelsmann nur Juniorpartner ist.

Für das Programm - Seifenopern, Rührserien, Kinofilme und Talkshows - wollen die Bertelsmänner selbst sorgen. Der weitaus größte Teil sei »homemade«, sagt CLT-Ufa-Vorstand Ewald Walgenbach: »Wir sind unabhängiger von Kaufprodukten geworden.« HANS-JÜRGEN JAKOBS

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 137