MITTELSTAND Ende einer tollen Idee
Wenn Albert de Boer, Malermeister aus dem ostfriesischen Krummhörn, an den Bundeskanzler im fernen Berlin denkt, dann verliert er augenblicklich die ortsübliche Bedächtigkeit. »Stinksauer bin ich auf Gerhard Schröder.«
Tief sitzt die Enttäuschung über den Mann, der vor vier Jahren angetreten war, nicht alles anders, vieles aber besser zu machen. »Nichts ist besser geworden, im Gegenteil«, wettert de Boer in seinem Geschäft an der Krummhörner Burgstraße.
In der Empörung schwingt Ärger über das eigene Zutun mit. Denn de Boer, bis dahin keineswegs traditioneller SPD-Anhänger, hat tatkräftig mitgeholfen, dass 1998 zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder ein Sozialdemokrat ins Kanzleramt einzog. »Es musste sich doch endlich wieder etwas bewegen in diesem Land«, erinnert er sich. Und Schröder, damals schon Träger des Ehrenrings des Niedersächsischen Handwerks, schien ihm der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt zu sein. Mittlerweile fühlt sich der Malermeister getäuscht. Den meisten seiner Mitstreiter, mit denen er sich damals für Schröder stark gemacht hat, geht es nicht anders. »Die wollen daran gar nicht mehr erinnert werden.«
Angefangen hatte alles mit einer parteiunabhängigen Wahlkampfinitiative, mit der de Boer und einige andere Mittelständler Schröders Sieg bei der Landtagswahl im Frühjahr 1998 fördern wollten - und damit auch die Kanzlerkandidatur ihres Favoriten.
Der Einsatz lohnte sich. Schröder legte zu und setzte sich gegen seinen parteiinternen Konkurrenten Oskar Lafontaine durch. Persönlich bedankte sich der Sieger bei de Boer. »Eine tolle Idee« sei das gewesen. Ob er nicht Lust habe, auch bundesweit für den Kandidaten Schröder zu werben, fragte der Kandidat Schröder.
De Boer zögerte nicht lange und legte los. Schon bald hatten sich Dutzende Mittelständler aus der ganzen Republik seiner Initiative »Handwerk und Mittelstand für Gerhard Schröder« angeschlossen, vom Architekten aus Kassel bis hin zum Osnabrücker Zahntechnikermeister.
Zahlreiche Veranstaltungen organisierte Schröders Hilfstruppe im ganzen Land, um bei Selbständigen und Kleinunternehmern, der traditionellen Stammklientel von FDP und Unionsparteien, für den Spitzen-Sozi zu werben. Hunderte kamen und sahen den Stargast in der ersten Reihe: der künftige Kanzler, neben ihm der Malermeister.
Kurz vor der Bundestagswahl sorgte die Initiative mit einer Anzeige in überregionalen Tageszeitungen für Aufsehen. »Gerhard Schröder hat in Niedersachsen bewiesen, dass sein besonderes Augenmerk dem Mittelstand, dem Handwerk und Handel gilt und dass er stets ein offenes Ohr für die Belange der kleineren Unternehmen hat«, stand da zu lesen. 52 Mittelständler unterschrieben den Aufruf.
Irgendwann auf dem Weg ins Kanzleramt muss Schröder das Faible für die Kleinen abhanden gekommen sein, vermuten de Boer und seine damaligen Mitstreiter. Sie fühlen sich wie Leute, die sich auf die Formel-1-Übertragung vom Nürburgring gefreut haben, stattdessen aber ein Cart-Rennen aus Kerpen zu sehen bekamen.
»Ich hatte gehofft, Schröder würde richtig Gas geben«, grämt sich Christian Knappe, Unternehmensberater aus Bad Mergentheim. Geschehen sei aber nicht viel, und wenn doch, dann falsches. Von der Steuerreform profitierten überwiegend die Großkonzerne. Die Neuregelung der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse, des Betriebsverfassungsgesetzes oder der gesetzliche Anspruch auf Teilzeitarbeit - alles Regelungen, die den Mittelstand weiter belasteten. »Schröder hat zu viel Rücksicht genommen auf die Linken in der SPD und den Koalitionspartner«, findet Knappe.
Bettina Raddatz, damals Schröders Mittelstandsbeauftrage in der Staatskanzlei und Kontaktfrau zu de Boers Truppe, versteht die Enttäuschung gut. Die rot-grüne Regierungspolitik mache Mittelständlern systematisch das Leben schwer. »Hätte Schröder die Mittelstandspolitik wie in Niedersachsen zur Chefsache gemacht, stünde er heute besser da«, ist Raddatz überzeugt.
Eine Neuauflage der Initiative wird es in diesem Wahlkampf nicht mehr geben, zu groß waren auch die menschlichen Enttäuschungen. Nach gewonnener Wahl habe sich niemand mehr aus der SPD-Führung gemeldet, klagt Knappe. Kein Dankeschön, keine Feier des gemeinsamen Erfolgs. »Dabei habe ich engen Kontakt zu Franz Müntefering gehabt, um mit ihm unsere Aktionen abzusprechen.«
Selbst der Kanzler hatte Erinnerungslücken. Als de Boer ihn bei einem Besuch in Ostfriesland vor einiger Zeit mit örtlichen Bundestagsabgeordneten vom Flughafen abholte, mochte sich der Amtsinhaber nicht mehr an ihn erinnern. »Der hat so getan, als ob er mich nicht kennt.«
Eine Initiative »Unternehmer für Gerhard Schröder« wirbt dennoch auch in diesem Jahr für den SPD-Kandidaten, doch es ist eine Gründung von oben. In enger Abstimmung mit der Wahlkampfzentrale Kampa 02 gaben selbständige Genossen den Anstoß dazu. Albert de Boer drängt aber nichts mehr danach, sich noch einmal für Schröder zu engagieren. »Mit dem Mann bin ich fertig.« CHRISTIAN REIERMANN