UNTERNEHMEN Ende eines Manövers
Ralph Smallwood, Sprecher des englischen Maschinenbau-Multis Guest, Keen & Nettlefolds (GKN), versteckte seine Enttäuschung hinter britischer Gelassenheit: Es entspreche nicht der Geschäftspolitik des Hauses, Minderheitsbeteiligungen an anderen Konzernen als Dauerbesitz zu behalten. »Wir haben«, sprach Smallwood, »eine bessere Verwendung für das Geld.«
Die Millionen, die der Brite im Sinn hatte, sollen ihm nach einem Vertrag vom 18. Oktober demnächst überwiesen werden. Für mehr als 120 Millionen Mark holte die Commerzbank die 24,9 prozentige Beteiligung am Schweinfurter Kupplungs- und Stoßdämpferkonzern Fichtel & Sachs zurück nach Deutschland.
Damit endete eines der umstrittensten ausländischen Aufkauf-Manöver. Nach Vermittlung des damaligen Vorstandssprechers der Commerzbank, Paul Lichtenberg, wollten vor fast drei Jahren die beiden Schweizer Steuer-Emigranten Ernst Wilhelm und Gunter Sachs knapp 75 Prozent ihres Unternehmens für rund 330 Millionen Mark an die Briten verkaufen.
Doch das Geschäft hatten sie ohne die Fusionskontrolleure im Berliner Kartellamt gemacht. Mit dem Argument. durch den GKN-Einstieg werde die ohnehin drückende Marktstellung der Schweinfurter, vor allem im Kupplungsgeschäft (Marktanteil: rund 70 Prozent), noch verstärkt, untersagten sie den Mehrheitserwerb. Nur einen mageren Minderheitsanteil von 24,9 Prozent mochten die Wettbewerbshüter den Engländern zugestehen.
Doch die Briten gaben sich nicht schon nach der ersten Schlappe verloren. In Berlin legten sie beim Kammergericht Beschwerde gegen das Behörden-Verdikt ein, in Bonn mobilisierten säe ihren Botschafter zu einer Demarche bei Außenminister Hans-Dietrich Genscher.
Als die Briten vor dem Kammergericht erfolgreich waren, ging das Berliner Kartellamt vor den Bundesgerichtshof. Dort unterlagen die Engländer, die es schließlich bei Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff versuchten. Ihre Hoffnung auf eine Ministererlaubnis mußten die GKN-Manager jedoch aufgeben; sie zogen ihren offiziell im Wirtschaftsministerium eingereichten Antrag wieder zurück,
Je mehr die Deutsche Mark in den herbstlichen Währungsturbulenzen an Wert gewann und die Sachs-Fabriken im andauernden Autoboom immer höhere Gewinne machten, desto eher waren die GKN-Manager geneigt, ihren im Wert gestiegenen deutschen Besitz zu verkaufen -- mehr als 30 Millionen Mark über dem Einstandspreis, davon fast 20 Millionen aus Währungsgewinnen.
Interessenten fanden sich um. so leichter, als die Briten mit den Sachs-Brüdern eine wichtige Vereinbarung getroffen hatten: Falls das Minderheitspaket weiterverkauft werde, wird es aus dem Sachs-Besitz auf eine Schachtel von 25,1 Prozent aufgestockt.
Der Frankfurter Hausbankier de! Briten, Commerzbank-Vorstandssprecher Robert Dhom, will das teure Industrie-lnvestment jedoch nicht lange in den Büchern seiner Bank haben. Dhom: »Es ist nicht unsere Absicht, die Beteiligung auf Dauer zu halten.«
Schwierigkeiten, die Schachtel weiterzugeben, wird Dhom kaum erwarten. Er kann sie nur nicht in einem Stuck verkaufen, denn inzwischen ist Wahlschweizer Gunter Sachs nicht mehr wie vor drei Jahren bereit, sich von der Mehrheitsbeteiligung an seiner florierenden Firma zu trennen. Er habe sich, ließ Sachs alle Anfragen beantworten, mit der Familie seines bei einem Lawinenunglück umgekommenen Bruders schriftlich darauf festgelegt, auch künftig in Schweinfurt mit mindestens 51 Prozent den Ton anzugeben.
Erste Interessenten aus der deutschen Industrie winkten deshalb rasch ah. Sie waren nur an einer Mehrheit bei Fichtel & Sachs interessiert.
So verfielen die Commerzbankiers auf einen naheliegenden Weg, die neu erstandene Industrie-Beteiligung wieder abzugeben. So wie die Deutsche Bank vor drei Jahren das von den Flicks erworbene Daimler-Paket in 1.6 Teile gesplittet bei befreundeten Konzernen und über die Börse plazierte, so will Dhom im nächsten Frühjahr auch seine Fichtel & Sachs-Papiere dem breiten Publikum zum Kauf anbieten. Fünf bis zehn Prozent will die Bank im eigenen Portefeuille halten.
Der Wertpapier-Coup ist spektakulär, aber eine angemessene Darstellung in der Öffentlichkeit ist den Bankiers nicht geglückt. Trotz sorgfältiger Tarnung wußte zum Entsetzen der Frankfurter Bankiers am vergangenen Freitagmorgen die Londoner »Times« vom erfolgreichen GKN-Coup zu berichten. Die aufgescheuchten Geld-Manager traten daraufhin die Flucht nach vorn an.
In einer hastig vorbereiteten Aufsichtsratssitzung autorisierte der Makler des Geschäfts, Commerzbank-Aufsichtsratsvorsitzender Lichtenberg, seinen Nachfolger auf dem Chefsessel zur vorzeitigen Preisgabe des Börsenknüllers.