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UHRENINDUSTRIE Endlich ein Profi

»Omega« und »Tissot«, die Traditionsmarken der Schweizer Uhrenindustrie, können nur noch mit deftigen Kapitalspritzen der Banken überleben.
• aus DER SPIEGEL 22/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn sich amerikanische Astronauten ins All katapultieren lassen, tragen sie ein Schweizer Chronometer der Marke »Omega« am Handgelenk.

Wenn waghalsige Formel-1-Piloten in ihren »Lotus«-Autos um die Wette rasen, nutzt sie die Schweizer Uhrenmarke »Tissot« als Werbeträger.

Weltweit sind die beiden Markenprodukte des zweitgrößten Schweizer Uhrenkonzerns »Societe Suisse pour l'Industrie horlogere« (SSIH) Symbole solider Schweizer Wertarbeit und Präzision. Doch die Zukunft der beiden Renommiermarken -- die für die Schweizer so viel bedeuten wie für die Bundesdeutschen VW oder Siemens -ist überaus ungewiß.

Am vergangenen Mittwoch bestätigten die Manager der seit Jahren kränkelnden SSIH, daß ihr Unternehmen konkursreif ist. Der Verlust für das Geschäftsjahr 1980 beträgt 161,6 Millionen Franken (Vorjahr 4,2 Millionen Gewinn), das Aktienkapital von 69 Millionen kann abgeschrieben werden.

»Nach den Spielregeln des Marktes«, stellte die »Neue Zürcher Zeitung« fest, »wäre die Fertiguhren-Holding SSIH dem Tod geweiht.«

Jahrzehntelang hatten die selbstgefälligen Schweizer vom guten Ruf ihrer Uhrenindustrie gelebt. Auf einmal war damit kein Auskommen mehr: Mit neuen Elektronik-Techniken und mit aggressivem Marketing rollten die Japaner weltweit den Uhrenmarkt auf. Nicht nur die deutschen Uhrmacher, auch die Schweizer hatten den Anschluß verpaßt.

Mit immer neuen Managern versuchten die Familieneigner der 1930 gegründeten SSIH-Holding, gegen die Konkurrenz anzukommen. Doch eine personelle Fehlentscheidung folgte auf die andere.

Den SSIH-General Pierre Waltz zum Beispiel, einen promovierten Biochemiker, engagierte »Tissot«-Chef Luc Tissot ("Die SSIH braucht endlich einen Profi") 1969 bei einer Zusammenkunft von Jung-Unternehmern.

Waltz, damals erst 37, ehrgeizig und machthungrig, reorganisierte das von den zerstrittenen Familien-Verwaltungsräten eifersüchtig verteidigte Firmen-Konglomerat ohne erkennbare Konzeption. Hauptsache war nur, daß er selbst die Fäden in die Hand bekam. Als Waltz versuchte, die Inhaber-Familien ganz von den Schalthebeln zu verdrängen, wurde er selbst vertrieben.

Zum nächsten SSIH-Sanierer berief der Verwaltungsrat den Manager Giuseppe Bertola, bis dahin beim Elektrokonzern Brown Boveri angestellt. Der alternde Schöngeist, bei seiner Wahl schon 65, überließ das Entscheiden vier neuen Direktoren, von denen nur einer etwas vom Uhrengeschäft verstand.

Unfähig, die Talfahrt des Konzerns zu bremsen, verlegte sich Bertola auf das Suchen von Sündenböcken, entließ Manager und stellte neue ein, die auch keine Wunder vollbrachten. 1977 verweigerten S.136 die Banken weitere Kredite. Der SSIH-Präsident mußte andere Geldgeber suchen.

Der Retter hieß Ralph H. Gautier, Mitbesitzer des großen Zürcher Handelshauses »Silber-Hegner« sowie Alleinvertreter für »Omega«-Uhren in Japan. Für 25 Millionen Franken erwarb Gautier 36,2 Prozent am SSIH-Grundkapital, zugleich übernahm er auch die Führung des maroden Unternehmens.

Doch auch Gautier, dem zunächst wahre Wunderdinge nachgerühmt wurden, konnte die SSIH nicht auf Erfolgskurs zurücksteuern. Die Firma produzierte weiter auf Lager -- und am Markt vorbei: Statt es der japanischen Konkurrenz nachzutun und flache Uhren zu lancieren, fabrizierte sie unmoderne, klobige Modelle.

Als Gautier im vergangenen Sommer plötzlich starb, vier der fünf Generaldirektoren kraft eigener Einsicht ausschieden und für die ersten sieben Monate 1980 ein Defizit von 42 Millionen Franken ausgewiesen wurde, hatten die Banken genug vom Zuschauen: Nachdem sie unter der Führung der »Schweizerischen Bankgesellschaft« (SBG) 30 Millionen Franken als Soforthilfe bereitgestellt hatten, machten sie sich an die Durchforstung der Bücher.

Das Resultat schockte sogar abgebrühte Sanierungs-Experten: Die Prüfer stießen auf unverkaufte Lagerbestände im Wert von 300 Millionen Franken. 66 Millionen davon werden nun abgeschrieben.

Der rigorose Sanierungsplan der Banken, über den die Aktionäre am 16. Juni abzustimmen haben, sieht vor, daß

* die bisherigen Aktionäre (Silber-Hegner, SBG sowie viele Kleinaktionäre) ihre Aktien auf fünf Prozent des Nominalwerts abschreiben;

* das Aktienkapital durch die sechs Haupt-Banken auf 100 Millionen Franken erhöht wird, indem sie Forderungen in Kapitaleinlagen umwandeln;

* die Haupt-Banken neue Kredite in Höhe von 100 Millionen Franken zur Verfügung stellen;

* sämtliche Gläubigerbanken weitere Kredite von 100 Millionen Franken abschreiben.

Ob der Sanierungsplan tatsächlich gelingt, hängt von der Bereitschaft aller Gläubigerbanken ab, auf ihren Anteil an den 100 Millionen Schulden zu verzichten.

Sicher ist das nicht: Den sechs Haupt-Banken schuldet die Uhrenfirma bloß 86 Millionen. Die restlichen 14 Millionen verteilen sich auf 12 weitere Banken, von denen vier -- eine schweizerische Bank und drei ausländische Banken -- noch auf ihren Ansprüchen bestehen.

Ziehen diese Banken nicht mit, dann wäre die Omega-Tissot-Gruppe tatsächlich am Ende.

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