Verbände Endlich in die Knie
Monatelang war der Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall auf verbindliche Töne gestimmt. Werner Stumpfe wollte den drohenden Streik um die 35-Stunden-Woche abwenden.
Doch seit einigen Wochen tritt Stumpfe auf, als interessiere ihn ein Kompromiß mit der mächtigen IG Metall nicht mehr. Über die 35-Stunden-Woche läßt * Endmontage im Audi-Werk Neckarsulm. Stumpfe nicht mehr mit sich reden. »Es gibt nicht einen vernünftigen Grund«, so der Sprecher der Arbeitgeber, »im Jahre 1990 über Arbeitszeitverkürzungen in der Metall- und Elektroindustrie zu verhandeln.«
Die Metaller sollen nun, wenn es nach den Arbeitgebern geht, wieder bis zu 10 Stunden täglich oder 40 Stunden in der Woche arbeiten. Auch samstags sollen sie künftig wieder in die Fabrik. Dabei hatte Stumpfe noch vor kurzem beteuert, die Unternehmer wollten den Samstag nur »in ganz kleinem Umfang« zur Produktion nutzen.
Der Kurswechsel des Arbeitgeberchefs zu Beginn der Tarifverhandlungen in der Metallindustrie kommt nicht von ungefähr. Stumpfe mußte abermals dem Druck derjenigen im eigenen Lager nachgeben, die für einen harten Kurs gegenüber den Forderungen der Gewerkschaft eintreten.
Die Scharfmacher hatten ihrem Vorsitzenden bereits im Sommer vergangenen Jahres eine empfindliche Niederlage beigebracht. Damals zwangen sie den Gesamtmetall-Chef, den Wunsch der Gewerkschaften nach vorgezogenen Tarifverhandlungen brüsk abzulehnen.
Jetzt argumentieren die Verfechter eines harten Kurses gegenüber den Gewerkschaften mit den Umwälzungen in der DDR. Durch den Zusammenbruch des ostdeutschen Wirtschaftssystems stünde die westdeutsche Volkswirtschaft vor so unkalkulierbaren Risiken, daß der Verteilungsspielraum denkbar gering sei.
Bei den laufenden Tarifverhandlungen wollen die Arbeitgeber - und unter ihnen vor allem die Eigentümer kleiner und mittlerer Betriebe - der klassenkämpferisch orientierten IG Metall daher möglichst wenig Zugeständnisse machen. »Die wittern ihre Chance«, sagt der Frankfurter IG-Metall-Funktionär Karlheinz Blessing, »uns endlich in die Knie zu zwingen.«
In ihrer unnachgiebigen Haltung sehen sich die Metallindustriellen durch prominente Wirtschaftsexperten bestätigt. Die Gewerkschaften - so mahnen außer Bundesbankern auch Finanzminister Theo Waigel und der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Hans Karl Schneider - sollten sich bei Lohnerhöhungen oder weiterer Kürzung der Arbeitszeit zurückhalten. Die Arbeitsbedingungen in beiden deutschen Staaten klafften ohnehin schon zu sehr auseinander. Selbst Großkonzerne scheuen sich nicht, Arbeitnehmer diesseits und jenseits der deutsch-deutschen Grenze gegeneinander auszuspielen.
Der Automobilhersteller Audi will zum Beispiel sein neues, anderthalb Milliarden Mark teures Motorenwerk nur dann in der Bundesrepublik bauen, wenn die Maschinen auch samstags rund um die Uhr laufen dürfen. Sonst, so droht der stellvertretende Audi-Chef Kurt Lauk, werde der Konzern in die DDR oder die Tschechoslowakei ausweichen.
Nicht nur die Aussicht auf billige DDR-Arbeitskräfte ermutigt viele Unternehmer, sich mit der IG Metall anzulegen. Sie wissen, daß die größte Einzelgewerkschaft der Welt neue Probleme hat.
IG-Metall-Chef Franz Steinkühler und seine Mitstreiter müssen in der DDR so schnell wie möglich starke Gewerkschaften aufbauen. »Wenn dort Sozialstandards heruntergefahren und Arbeitnehmerrechte beschnitten werden«, warnt der IG-Metall-Vorsitzende, »wird dies schwer zu korrigierende Auswirkungen auf die Situation in einem geeinten Deutschland haben.«
Doch die vor zwei Monaten begonnene Zusammenarbeit mit der östlichen Schwestergewerkschaft gestaltet sich schwieriger als erwartet. Viele Altfunktionäre weigern sich hartnäckig, ihren Sessel zu räumen, die IG Metall aber kann nur in begrenztem Umfang Entwicklungshelfer in die DDR schicken. Steinkühler braucht seine Spezialisten dringend für die schwierigen Tarifverhandlungen. Sorgen bereiten vielen Metallfunktionären darüber hinaus die Betriebsratswahlen, die von Anfang März bis Ende Mai stattfinden. Zwar dürfte die IG Metall in den neu zu wählenden Räten wie bisher die Mehrheit der Mandate erringen. Aber ein Streik würde die IG Metall zu dem Kraftakt zwingen, den Ausstand parallel zu den Betriebsratswahlen zu organisieren.
Zudem müßte die IG Metall den Arbeitskampf unter erschwerten Bedingungen führen. Nachdem die Bundesregierung den Paragraphen 116 des Arbeitsförderungsgesetzes geändert hat, erhalten Beschäftigte, die wegen fehlender Zulieferungen aus Streikbetrieben nicht weiterarbeiten können, kein Kurzarbeitergeld mehr.
Die IG Metall aber kann vorübergehend arbeitslos gewordene Arbeitnehmer, im Gewerkschaftsjargon »kalt Ausgesperrte«, nicht unterstützen. Ihr würde sonst innerhalb weniger Tage das Geld ausgehen.
Vielen Unternehmern ist auch nicht verborgen geblieben, daß es in der IG Metall Meinungsverschiedenheiten über den tarifpolitischen Kurs gibt. Um die schwierigen Verhandlungen nicht zu überfrachten, wollte der Vorstand ursprünglich neben der 35-Stunden-Woche nur Lohnerhöhungen und das arbeitsfreie Wochenende fordern.
Doch auf Druck der Angestelltenvertreter mußte der Vorstand auch den Wunsch nach Mitsprache bei der Personalausstattung der Betriebe in den Katalog aufnehmen. Mit dem neuen Mitbestimmungsrecht wollen die Angestellten verhindern, daß die Beschäftigten nach Inkrafttreten der 35-Stunden-Woche dasselbe Arbeitspensum in kürzerer Zeit erledigen müssen.
Besonnene Personalchefs in Großbetrieben warnen davor, die geschwächte Position der IG Metall auszunutzen und Arbeitnehmerrechte abzubauen. Die Manager möchten verhindern, daß in kleineren Betrieben eine Klasse von Arbeitnehmern entsteht, die weniger Rechte und Schutz genießen als ihre Kollegen in den Konzernen.
Ganz so uneigennützig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Argumentation der Großunternehmer nicht. Die Konzernmanager, die nicht so rabiat mit ihren Beschäftigten umgehen können wie Eigentümer kleinerer Betriebe, sehen die Gefahr, daß sich die Konkurrenten auf ihre Kosten Wettbewerbsvorteile verschaffen könnten.