Ruhrkohle Endlich normal
Karlheinz Bund, Generaldirektor des Essener Zechen-Giganten Ruhrkohle AG, genoß ein unerwartetes Erfolgserlebnis.
Während Thyssen-Chef Dieter Spethmann auf einer Festveranstaltung der Deutschen Stahlindustrie im Düsseldorfer »Intercontinental«-Hotel Zugang zu billiger Auslandskohle forderte, registrierte der als Ehrengast erschienene Zechen-Boß ein diskretes Interesse ausländischer Manager an Kokskohle von der Ruhr. Bund: »Ich hätte an diesem Morgen große Mengen zu besten Preisen verkaufen können.«
Die Lage war noch nie so kurios: Zum erstenmal seit über einem Jahrzehnt decken die heimischen Hüttenkonzerne ihren Bedarf an Kokskohle aus eigener Förderung billiger als durch Importe. Aber gleichzeitig drängten sie nun auch noch nach draußen. Der durch Energiekrise und Stahlboom hochgeputschte Weltmarktpreis für Kohle könnte, so fürchten die Hüttenmanager, als Folge einer allgemeinen Konjunkturflaute schnell wieder unter Ruhrpegel sinken. Für diesen Fall müßte die deutsche Stahlindustrie, um gegen die teilweise aus eigener Förderung versorgte Konkurrenz zu bestehen, nach billigerer Auslandskohle greifen können.
Nachdem Wirtschaftsminister Hans Friderichs zum Schutz des krisengeschüttelten Bergbaus sich bislang gegen sämtliche Forderungen nach einer Lockerung des Importverbots für Kohle taub gestellt hatte, lenkte er jetzt ein. Sein überarbeitetes Energieprogramm sieht für die deutschen Stahlwerke jährlich drei Millionen Tonnen (Gesamtverbrauch an Kokskohle 1974: rund 30 Millionen) Auslandskohle vor. Dabei halten es die Stahlbosse für ausgemacht, daß sie selbst und nicht etwa die Ruhrkohle AG das Importgeschäft betreiben. Herbert Köhler, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie: »Wir hätten dann neben dem Produktionsmonopol auch noch ein Importmonopol.«
So unschuldig sind die Stahl-Direktoren an diesem Monopol allerdings nicht. Denn nur durch ihre Mitwirkung gelang es 1968 dem damaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller, den Kohlenkoloß Ruhrkohle AG zusammenzubauen. In einem Hüttenvertrag verpflichteten sie sieh damals, nach der Einbringung ihrer Zechen in den neuen Verbund die Kokskohle ausschließlich von der neuen Gesellschaft zu beziehen. Die Ruhrkohle ihrerseits muß die Hütten zu einem »Wettbewerbspreis« beliefern, um dessen Höhe beide Geschäftspartner wiederholt hartnäckig feilschten.
Jetzt aber sind die Bonner Energieplaner auf einen Trick verfallen, die Kohle-Kontrahenten auf Kooperationskurs zu zwingen. Das geplante Kontingent soll erst wirksam werden, wenn sieh Stahl- und Kohlemanager auf einen Interessenausgleich geeinigt haben. Dabei hat Kohlechef Bund gute Trümpfe in der Hand. Ulrich Engelmann, oberster Energiebeamter unter Hans Friderichs: »Die Stahlleute können erst importieren, wenn die Ruhrkohle sie aus der Abnahmepflicht entläßt.«
Engelmanns Planer lieferten auch gleich den Schlüssel für ein Agreement mit: Die Stahlkonzerne sollen eine »Grundmenge« Kohle zum vollen Kostenpreis aus heimischer Förderung abnehmen. Einen weiteren Teil ihres Bedarfs sollten sie zum niedrigeren »Wettbewerbspreis« decken.
Frei könnten die Hütten nur über die Einstandspreise für ihre drei Millionen Tonnen Importkohle entscheiden. Allerdings beurteilen die Ruhrkohle-Experten die Aussichten der deutschen Stahlkonzerne, sechs Jahre nach der Aufgabe eigener Bergbau-Aktivitäten in Übersee eigene Kokskohle-Vorkommen erschließen zu können, vorsichtiger als die Stahlunternehmen selbst.
So läßt etwa Australien, nachdem dort japanische und amerikanische Unternehmen schon 70 bis 80 Prozent des Kohlebergbaus kontrollieren, bis auf weiteres nur Neuaufschlüsse landeseigener Unternehmen zu.
Auch das an Kohlevorkommen reiche Süd-Afrika läßt kaum große Beute erhoffen: Wohl können die Südafrikaner reichlich Kraftwerkskohle anbieten, nicht aber Kokskohle. Allein in Nord-Amerika könnten die Einkäufer der deutschen Stahlkonzerne fündig werden. So engagierte sich bereits Thyssen an einem kleineren Kohlevorkommen in West-Virginia.
Zechenvorsteher Bund möchte jedenfalls die Segnungen der Ölkrise nutzen und dem über Jahre belächelten Konzern wenigstens zu einem Hauch von Weltformat verhelfen. So will er im Ausland nicht nur Kohle fördern, sondern auch ein ausgedehntes Handelsgeschäft aufziehen. Bund: »Wir wollen endlich ein normales Unternehmen werden.«