BAUSKANDAL Endstation Algier
Hans Koschnick, SPD-Vize und Bürgermeister der Hansestadt Bremen, erschrak: »Wir können hier keinen zweiten Fall Helaba gebrauchen.«
Ob es im Stadtstaat Bremen zu einem ähnlichen Finanzdesaster kommt wie im Flächenland Hessen, wird sich möglicherweise schon dieses Wochenende entscheiden, weitab von Bremen, im afrikanischen Algier.
Dort nämlich trifft Koschnicks Bonner Parteifreund Wirtschafts-Staatssekretär Detlev Karsten Rohwedder Algeriens Staatspräsidenten Houari Boumedienne zu Energiegesprächen.
So nebenbei soll der Bonner den Algerier bitten, der Bauträgergesellschaft Bremer Treuhand die Erfüllung eines Großkontraktes über den Bau von 5050 Wohnungen in der Gegend von Sidi-bel-Abbes und Tlemcen zu erlassen.
Ob die kühne Bitte des Bonners erfüllt wird, steht dahin. Beim Abschluß des Baukontrakts nämlich erlaubten sich die im Auslandsgeschäft unerfahrenen Bremer nahezu jeden denkbaren Fehler -- und boten den Algeriern folglich fast jeden nur denkbaren Vorteil.
Statt sich mit einer international versierten Baufirma zu verbünden, heuer
* In Sidi-beb Abbes mit Bremens Bundessenator Wilms (links) und Algeriens Minister für öffentlicbe Arbeiten Abd el Kadar Saibek (rechts).
ten die Bremer den Baulöwen Rolf Wegener, der seine Geschäfte damals abwechselnd von Düsseldorf und von der Spielbankmetropole Monte Carlo aus abwickelte.
Für seine Bau-Interessen hatte Wegener als Projektfirma eine »H + T Bau-Company« ins Düsseldorfer Handelsregister eintragen lassen, eine Buchstabenkombination, die ahnungslose Geschäftspartner als Namenskürzel des renommierten Essener Baukonzerns Hochtief mißdeuteten.
Wegener und die Bremer, beide mit algerischen Verhältnissen nicht vertraut, boten den Afrikanern die schlüsselfertige Herstellung des Wohnungskomplexes zu Festpreisen an und verpflichteten sich gegen Konventionalstrafe zu einem festen Ablieferungstermin. Bei alledem blieben sie noch um fünfzehn Prozent billiger als das bei der Vergabe durchgefallene Düsseldorfer Bauunternehmen Beton- und Monierbau.
Dabei versäumten es die Bremer, im Vertrag gleich festzuschreiben, welche Mengen Baumaterial sie auf dem teuren algerischen Markt einkaufen mußten. Folge: In endlosem Feilschen drückten die Nordafrikaner immer größere Eigenlieferungen zu rapide steigenden Preisen durch.
Vollends in Abseits geriet die Rechnung durch die etwa zehnprozentige Aufwertung der deutschen gegenüber der algerischen Währung. Statt der erhofften 410 Millionen Mark können die Bremer nun nur noch mit 370 Millionen rechnen.
Doch auch die wurden zweifelhaft, weil die Treuhand ihre Häuser termingerecht nicht abliefern kann. So ging den Bremern ein Großteil der Baumaschinen zu Bruch, weil das algerische Personal damit nicht umgehen konnte. Als Nachrichten solcher Güte bis zu den Kreditmanagern der Bremer Landesbank und der Staatlichen Kreditanstalt Oldenburg-Bremen durchsickerten, die das Geschäft durch Geld und Bürgschaften mit absicherten, war das Fiasko schon nicht mehr zu bremsen.
Bereits vergangenen November klopften deshalb die Bankiers beim gewerkschaftseigenen Baukonzern Neue Heimat (NH) zwecks Nothilfe an, und Neue-Heimat-Chef Albert Vietor ließ auch sogleich bitten: Der Hamburger Konzernherr war schon lange auf die 35 000 Wohnungen und die 39 regionalen Bau- und Bodenfonds der Treuhand scharf, die mit 1,44 Milliarden Mark Fondsvermögen Deutschlands zweitgrößter Immobilien-Trust geworden war.
Vietor und die Bremer verabredeten nun einen raffinierten Übernahmeplan, der in mehreren Stufen, vom Kartellamt aber unbemerkt, zur größten Bau-Fusion der Nachkriegszeit gedeihen sollte.
Die erste Stufe erledigten die Hanseaten über die Münchner Zwischenstation »Deutsche Heim Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft«, ein mit der Bremer Treuhand-Gruppe verbundenes Unternehmen. Ihr gaben sie eine millionenschwere Kapitalspritze und nahmen dafür 43,7 Prozent der Kapitalanteile -- treuhänderisch verwaltet von der Staatlichen Kreditanstalt Oldenburg-Bremen.
Weitere 46,2 Prozent zeichnete zunächst die Nordwestdeutsche Vermögensverwaltungs GmbH, eine Tochter der Bremer Landesbank, die der Neuen Heimat dafür Options- und Vorkaufsrecht zusagte.
Anschließend überwies die von den Bankiers gekräftigte Firma »Deutsche Heim« der maladen Bremer Treuhand ebenfalls einige Millionen und brachte dadurch 82,6 Prozent der Anteile der Treuhand unter Kontrolle. Neue-Heimat-Chef Vietor braucht nun nur noch die Optionen auszuüben, um rund 90 Prozent der Anteile des Bremer Bauträgerkonzerns an sich zu bringen.
Wenige Wochen nach Abschluß des listenreichen Fusionsvertrages aber bekamen die Hamburger Bedenken. Als Mitte Januar drei Spezialisten der Neuen Heimat in Algerien sondierten, erkannten sie den tatsächlichen Wert ihrer Treuhand-Optionen: Statt der erhofften Millionengewinne, so berichteten die Algerienreisenden ihrem Chef in Hamburg, werde sich dort ein Verlustvolumen von 25 bis 30 Millionen Mark aufbauen.
Nun erzwang der gewitzte Vietor auf einer Sitzung am 28. Februar in Hamburg eine Dreiteilung der Verlustbeträge zwischen Neuer Heimat, Bremer Landesbank sowie der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), die mit einem Gesamtvolumen von 202 Millionen Mark größter Kreditgeber der Bremer Treuhand ist.
Als sich die Treuhand-Defizite Anfang Mai aber auf 105 Millionen Mark hochgeschoben hatten, wollten die Bremer Staatsbankiers von der Verlustabsprache nichts mehr wissen. Allenfalls auf 20 Millionen Mark Forderungen könnten sie verzichten. Im übrigen sei die gesetzlich vorgeschriebene Grenze für Großkredite bei ihnen erreicht: Immerhin saß die Bank bei einem Eigenkapital von 50 Millionen Mark auf 186 Millionen Mark Bürgschaften und Krediten, allein für die Bremer Treuhand.
Nun mußte der Bremer Staat mit einer Bürgschaft von 20 Millionen Mark heran. Bremens Finanzsenator Karl-Heinz Jantzen vertraut dabei einstweilen noch darauf, daß es dem Trio Landesbank, Neue Heimat und BfG binnen zwei Jahren gelingt, die Treuhand zu sanieren.
Indes -- die tatsächlichen Verluste des mit 38 Millionen Mark Eigenkapital versorgten Unternehmens könnten, wenn Algeriens Boumedienne hart bleibt, rasch von den veranschlagten 105 auf runde 200 Millionen klettern.
Dann allerdings sehen auch die Experten des Bremer Finanzsenators schwarz. »Das«, so Jantzens für diesen Fall zuständiger Abteilungsleiter Günter Stahl, »würde bedeuten, daß die Treuhand Ende Juni Konkurs muß.«