Energie US-Ölexperte Yergin warnt vor Versorgungsschocks
Hamburg - "Wir leben in einem neuen Zeitalter der Versorgungsangst", sagt Yergin in einem Interview mit SPIEGEL special. Der Kapazitätspuffer, der nach den Turbulenzen der siebziger Jahre geschaffen wurde, sei inzwischen weitgehend aufgebraucht, die Welt stehe heute an einem historischen Wendepunkt. "Unvermeidlicherweise wird es neue Schocks im Markt geben."
Die Ölpreise würden getrieben durch die Wiedergeburt des Rohstoff-Nationalismus, wie er in Venezuela oder Bolivien zu beobachten sei. "Die Kräfte sind aus dem Gleichgewicht geraten, die Ölexportländer sind heute in einer viel stärkeren Position", sagt Yergin, Chef der US-Beratungsfirma Cambridge Energy Research Associates und Autor von "Der Preis", einem Standardwerk über die Ölbranche: "Die Produzenten haben die besseren Karten."
Die aktuelle Knappheit sei allerdings kein Hinweis darauf, dass der Welt das Öl ausgehe. Dank technischer Verbesserungen könne die Produktionskapazität vielmehr noch weiter vergrößert werden, nach seiner Schätzung um 20 bis 25 Prozent in den kommenden zehn Jahren. "Nicht die Geologie stellt das größte Hindernis dar", so Yergin, "sondern das, was über der Erde geschieht: die internationalen Beziehungen, Politik, Investitionen und Technologie."
Energiesicherheit wird nach Ansicht von Yergin zu einer der wichtigsten Herausforderungen der Außenpolitik. Besonders verletzlich seien die heiklen Punkte auf den See-Transportwegen wie die Straße von Hormus oder der Suez-Kanal. "Die Sicherung von Pipelines und anderen sensiblen Orten bedarf verstärkter Beobachtung sowie schneller Einsatzkräfte", fordert der Experte.