Energie Zerschlagung der Konzerne kostet Milliarden
Hamburg - Geht es nach der EU-Kommission, dann sollen Stromerzeugung und Betrieb der Leitungen strikt voneinander getrennt werden. Diesen Plan stellte Kommissionspräsident José Manuel Barroso gestern in Brüssel vor. Doch eine Entflechtung der europäischen Energiekonzerne wäre mit enormen Kosten verbunden. "Allein in Deutschland geht es um einen deutlich zweistelligen Milliardenbetrag", sagt Manuel Frondel, Energieexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), zu SPIEGEL ONLINE.
Beim drittgrößten deutschen Energiekonzern Vattenfall steht das Stromnetz zum Beispiel mit sieben Milliarden Euro in der Bilanz. Die Nummer vier der Branche, EnBW, bewertet ihre Verteilungsanlagen sogar mit 13,4 Milliarden Euro.
Dabei dürfte die tatsächliche Summe noch viel höher liegen. Denn wie bei einer Immobilie stellt der reine Sachwert keinen fairen Preis dar. Entscheidend ist vielmehr, welche Einnahmen sich mit dem Kaufobjekt in Zukunft erzielen lassen. Im Fall der Stromnetze sind das hohe Millionenbeträge: Vattenfall zum Beispiel erwirtschaftete mit seinem Netz im vergangenen Jahr ein Betriebsergebnis von 78 Millionen Euro.
Etwas schwieriger ist es bei Eon und RWE. Die beiden größten deutschen Energiekonzerne weisen ihr Anlagevermögen nicht separat nach Kraftwerken und nach Netzen aus. Der Wert ihrer Leitungen dürfte den von Vattenfall und EnBW aber noch übersteigen - allein wegen der Größe der Unternehmen. Hinzu kommen noch 900 kleinere regionale Verteiler wie zum Beispiel Stadtwerke, die ebenfalls eigene Netze besitzen.
Der Verband der Netzbetreiber (VDN) will die genauen Summen zwar nicht kommentieren. Wenn es aber tatsächlich zu einer Abspaltung der Netze kommen sollte, dann wäre das "eine Enteignung im großen Stil", sagt Konstantin Staschus, der Geschäftsführer des VDN.
Fest steht: Bei den Beträgen, um die es geht, kommt nicht jedes Unternehmen als Käufer der Netze in Frage. "Die nötige Summe könnten nur große Fondsgesellschaften aufbringen", sagt Frondel vom RWI. Mögliche Interessenten wären zum Beispiel amerikanische Rentenfonds oder Private Equity Fonds, also sogenannte Heuschrecken. Sie könnten darauf spekulieren, dass die Energiekonzerne ihre Netze unter Marktwert abgeben. "Das ist wie bei Privatleuten", sagt ein Sprecher von Vattenfall. "Wenn Sie Ihr Auto unbedingt verkaufen müssen, und der Käufer weiß das, dann ist Ihre Verhandlungsposition äußerst schlecht."
Die Fondsbranche selbst hält sich allerdings bedeckt. Noch seien die Brüsseler Pläne nicht ausgegoren, heißt es in den Unternehmen. Dass sich andere Energieunternehmen die Netze von Eon, RWE und Co unter den Nagel reißen, glaubt Experte Frondel hingegen nicht. "Es macht keinen Sinn, dass Eon das Netz von Electricité de France kauft und umgekehrt." Selbst den russischen Megakonzern Gasprom hält Frondel für keinen geeigneten Käufer. "Gasprom ist nicht so reich, wie oft geglaubt wird", sagt der Experte. Schließlich müssten die Russen in den nächsten Jahren zahlreiche Fördergebiete in Sibirien neu erschließen und bräuchten ihr Geld dafür. "Für andere Dinge bleibt da nicht viel übrig."
Eine Verstaatlichung ist unwahrscheinlich
Eine weitere Variante wäre die Verstaatlichung der Netze. Schließlich soll der Wettbewerb auf dem Energiemarkt belebt werden - und das ginge am besten mit dem Staat als neutralem Netzbetreiber. "Die Energienetze sind ein natürliches Monopol", erklärt Frondel. "Gleichberechtigten Zugang für alle Anbieter kann es eigentlich nur dann geben, wenn die Leitungen dem Staat gehören."
Allerdings räumt auch Frondel ein, dass eine Verstaatlichung "modernes Raubrittertum" wäre. Schließlich garantiert das Grundgesetz das Recht auf Eigentum; private Besitztümer lassen sich deshalb nur schwer vergesellschaften. Die milliardenschweren Ausgleichszahlungen könnte der Staat angesichts leerer Kassen jedenfalls nur mit Mühe aufbringen.
Ob es aber so weit kommt, ist ohnehin fraglich. So haben Politiker wie der baden-württembergische Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) ihren Widerstand bereits angekündigt: Die Entflechtung der Konzerne sei "rechtlich nicht möglich", sagte er. In der Energiewirtschaft selbst macht man sich daher keine großen Sorgen. "Bisher ist alles rein hypothetisch", heißt es in der Branche.