Energiepreise Hamburger Stromstreit eskaliert
Hamburg - Die Vorwürfe ließen "Sachverstand zu elementaren Fragen wie etwa dem Zusammenhang von Rohstoffkosten und der Preisfindung an Terminmärkten vermissen", schrieb Lars Josefsson, Chef des Energiekonzerns Vattenfall, in einem offenen Brief. "Der kurzen Effekthascherei für eine lokale Öffentlichkeit mag damit gedient sein." Ein überzeugendes Zeugnis stelle sich der Verband so aber nicht aus.
Um seiner Empörung öffentlichkeitswirksamen Ausdruck zu verleihen, wandte sich Josefsson mit seinem Schreiben direkt an den Bund der Deutschen Industrie, dem der Industrieverband Hamburg (IVH) angehört. Der BDI solle sich von dessen Vorgehen distanzieren, fordert Josefsson in dem im "Hamburger Abendblatt" abgedruckten Brief.
"660.000 Arbeitsplätze hängen daran"
Eröffnet hatte die Schlammschlacht Werner Marnette, Vorsitzender des IVH und Chef der größten europäischen Kupferhütte Norddeutsche Affinerie. Die großen Energiekonzerne Vattenfall, RWE, EnBW und E.on hätten den Strommarkt völlig unter Kontrolle und trieben künstlich die Preise hoch, erklärte er ohne Beweise vorzulegen. Der teure Strom sei inzwischen zu einer Gefahr für energieintensive Industrien am Standort Deutschland geworden. "Die Strompreisralley muss beendet werden, sonst gibt es einen Exodus der Betriebe ins Ausland", warnte Marnette in der "Welt am Sonntag". In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" behauptete er, die vier großen Energiekonzerne manipulierten zudem das Preisniveau an der Leipziger Energiebörse EEX "und gaukeln uns dann vor, dass dies die fairen Marktpreise seien".
Der deutsche Energiepreis liege um 50 Prozent über dem anderer Industrieländer wie Frankreich und Belgien, das sei nicht mit dem hohen Ölpreis zu erklären, so Marnette. "Die gesamte Grundstoff- und Chemieindustrie ist bedroht. Etwa 660.000 Arbeitsplätze hängen daran." Marnette forderte deshalb sogar Bundesregierung und EU auf, wieder stärker in den Strommarkt einzugreifen.
Vattenfall-Chef Josefsson weist solche Vorschläge in seinem Brief an den BDI brüsk zurück: "Das Vertrauen in die Überlegenheit des Marktes über Dirigismus und Planwirtschaft, so darf ich unterstellen, wird vom Bundesverband der deutschen Industrie uneingeschränkt geteilt." Auch der Vorwurf Marnettes, die Energieproduzenten manipulierten die Strombörse, sei absurd, so Josefsson. "De facto stellt er damit Energieunternehmen in die Nähe von Wirtschaftskriminellen." Belege für seine Behauptungen hat Marnette bisher noch nicht vorgelegen können.
"Marktschädigende Subventionen"
Auslöser für das Hauen und Stechen zwischen den beiden Unternehmern war der Überlebenskampf des inzwischen geschlossenen Hamburger Aluminium-Werks (HAW). Anfang Juli wandte sich Marnette erstmals mittels eines öffentlichen Briefs an Vattenfall. Der Stromkonzern solle der HAW wenigstens für eine Übergangszeit billigeren Strom anbieten. Selbst mit einem reduzierten Preis mache der Energieriese beziehungsweise seine Tochterfirma, die Hamburger Electricitätswerke, schließlich noch Gewinn, schrieb Marnette damals. In diesem Zusammenhang äußerte er erstmals seine Vorwürfe, die Preise würden in der Industrie abgesprochen.
Doch Vattenfall weigerte sich, der Aufforderung nachzukommen. Marnette habe für die HAW marktschädigende Subventionen verlangt, konterte Josefsson dazu nun in seinem Schreiben an den BDI. "Dies allein ist auf dem Briefbogen eines Verbandes beispiellos. Dass der IVH aber diese Subventionen nicht von der öffentlichen Hand, sondern von einem im Wettbewerb stehenden Unternehmen fordert ist höchst bemerkenswert."