Enron-Skandal: Implosion mit Ansage - DER SPIEGEL
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Enron-Skandal Implosion mit Ansage

Kenneth Lay, der Chef des bankrotten Energieunternehmens Enron, war deutlich früher über drohende finanzielle Probleme informiert als bisher bekannt. Eine Managerin des Unternehmens warnte ihn, Enron werde "in einer Welle von Buchhaltungsskandalen implodieren".
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New York/Houston - Der Energie- und Handelsausschuss des US-Repräsentantenhauses veröffentlichte jetzt einen Brief, in dem eine Mitarbeiterin des Houstoner Unternehmens CEO Lay vor gefährlichen Risiken in Enrons Buchhaltung warnt. Der Ausschuss untersucht die Milliardenpleite des einstmals größten Energiehandelsunternehmens der Welt. Auch das US-Justizministerium, die Börsenaufsicht sowie zahlreiche andere Behörden ermitteln in dem Fall.

Sherron Watkins, eine Vizepräsidentin für Unternehmensentwicklung, schrieb im August an ihren CEO: "Ich habe Angst, dass wir in einer Welle von Bilanzskandalen implodieren." Die Managerin wies ihren Chef darauf hin, dass Enrons Buchhaltungspraktiken viele Fragen aufwerfen. Besonders die vom damaligen Finanzvorstand Andrew Fastow ins Leben gerufenen "Partnerschaften", mittels derer Enron einen Teil seiner Schulden kaschierte, machten Watkins Sorgen.

"Wir sind ein betrügerisches Unternehmen"

Zudem kritisierte sie, dass zahlreiche Enron-Mitarbeiter dem Management und dem bis zum Sommer 2001 amtierenden CEO Jeff Skilling wiederholt Fragen über die Rechnungslegung des Energiekonzerns gestellt hätten - ohne zufrieden stellende Antworten zu erhalten. Watkins soll nach Angaben der "New York Times" in dem Schreiben einen Manager aus Enrons Investment-Sparte zitieren, der sagt: "Ich weiss, dass es für uns alle entsetzlich wäre, aber ich hoffe dennoch, dass man uns erwischt. Wir sind solch ein betrügerisches Unternehmen".

Watkins bat Lay, die Probleme zu untersuchen. Sie habe allerdings nur wenig Hoffnung, dass man die Fehler noch korrigieren könne. "Können unsere Buchhaltungs-Gurus diese Geschäfte noch rückgängig machen? Ich habe viel darüber nachgedacht [...] wir hatten (durch die finanziellen Partnerschaften) wunderbar hohe Aktienkurse, und viele Führungskräfte haben (Enron-)Aktien verkauft [...] Der Versuch, dies jetzt umzukehren, ist so, wie wenn man in einem Jahr die Bank überfällt und im nächsten Jahr versucht, das Geld zurückzuzahlen. Netter Versuch, aber Investoren haben Schaden genommen", so Watkins.

Lay nahm den Brief nach Angaben seiner Anwälte sehr ernst. Er beauftragte die Anwaltskanzlei Vinson & Elkins damit, die Vorwürfe zu untersuchen. Die Juristen prüften allerdings nicht, ob Enrons Finanzen sich in einem korrekten Zustand befanden - dafür hätte das Unternehmen wohl auch eher einen Wirtschaftsprüfer anheuern müssen. Vinson, so die "New York Times", prüfte lediglich, ob der Brief von Watkins an Lay bisher noch nicht bekannte Fakten enthielt.

Persilschein vom Hausjuristen?

Am 15. Oktober 2001, einen Tag bevor Enron seine Gewinne der vergangenen vier Jahre wegen "Buchhaltungsfehlern" um mehr als eine halbe Milliarde Dollar nach unten korrigieren musste, legten die Juristen ihren Bericht vor. Die Kanzlei schrieb Enron, dass "eine weitere ausgedehnte Untersuchung durch unabhängige Berater oder Wirtschaftsprüfer" nicht notwendig sei, zitiert das "Wall Street Journal" ein internes Schreiben.

Einige Beobachter finden es nicht überraschend, dass die Kanzlei keine Anzeichen für dubiose Bilanzpraktiken fand - und deuten an, die Untersuchung sei wohl eher eine persönliche Absicherungsmaßnahme Lays gewesen. "Das Ganze sieht sehr nach Persilschein aus", so Ken Johnson, der Sprecher des Ausschusses für Energie und Handel. Vinson & Elkins waren Enrons Hausjuristen. "Es arbeiten so viele Vinson & Elkins-Anwälte für Enron, dass diese über längere Zeiträume eigene Büroräume in der (Enron-)Zentrale in Houston unterhalten", zitiert das "Journal" einen Enron-Mitarbeiter.

Von Thomas Hillenbrand