Entwicklungshilfe per Computer: "Technologie nützt allen Menschen" - DER SPIEGEL
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Entwicklungshilfe per Computer "Technologie nützt allen Menschen"

Hewlett-Packard-Managerin Debra Dunn verschenkt Hightech an arme Menschen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über den Nutzen von Solar-Rucksäcken, über Mini-Kinos und die Hoffnung auf viele neue Kunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Frau Dunn, eines Ihrer Projekte ist E-inclusion. Einfach gesagt statten Sie dabei die Ärmsten mit Hightech-Geräten aus. Ist es Ihre Vision, die Welt in eine große Community von HP-Nutzern zu verwandeln, Hand in Hand mit Microsoft und Intel?

Debra Dunn: Zu den Programmen von Microsoft und Intel kann ich nichts sagen. Wir gehen davon aus, dass Technologie allen Menschen nützt - gesetzt den Fall, sie wird richtig angewendet. Für uns ist außerdem interessant, wie unsere Lösungen von denen angenommen werden, die in der Vergangenheit überhaupt keinen Zugang zu Informationstechnologie hatten.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sorgen doch dafür, dass diejenigen, die weiter ohne Ihre Geräte auskommen müssen, noch weiter ins Hintertreffen geraten.

Dunn: Das sind Bedenken, die von Entwicklungshilfe-Organisationen immer wieder zur Sprache gebracht werden. Sie befürchten, dass neue Technologien in wenig entwickelten Gebieten zu wachsender Ungleichheit führen, weil einige plötzlich sehr effizient arbeiten können und andere nicht. Ich sehe das allerdings anders: Unsere Projekte helfen ja gerade, diese Lücke zu verringern, indem wir uns auf Menschen konzentrieren, die im Entwicklungsprozess noch ganz am Anfang stehen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ihrer neuen HP-Nutzer starten mit den Geräten, die Sie ihnen zur Verfügung stellen, eigene Unternehmen. Wie muss man sich das vorstellen?

Dunn: In einigen Fällen wurden die PCs beispielsweise genutzt, um gegen Eintritt Filme vorzuführen. So sind in einigen Dörfern Mini-Kinos entstanden. Wir fanden die Idee gut und klauten sie uns für unseren Computer-Bus, der in entlegene Orte fährt. In diesem Bus steckt neben HP-Technologie auch ein Bildschirm, auf dem wir kostenlos Bollywood-Filme zeigen. Zwischen die Unterhaltung, die viele Leute anzieht, haben wir einige Informationsspots zum Thema IT gemischt.

SPIEGEL ONLINE: Eines Ihrer Projekte ist ein Solar-Rucksack, mit dem eine Digitalkamera und ein Fotodrucker betrieben werden können. Was tun die Nutzer dieses Hightech-Outdoor-Spielzeugs, wenn ihnen die Druckpatronen ausgehen?

Dunn: Zunächst einmal ist es ja kein Spielzeug. Die indischen Frauen, die damit unterwegs sind, verdienen Geld. Sie verkaufen ihre Bilder zum Teil an Privatleute, beispielsweise wenn sie Hochzeiten oder Babys fotografieren. Außerdem machen sie im Auftrag der Regierung Fotos für die offiziellen Personalausweise. Und sie werden auch losgeschickt, um für die Behörden den Fortschritt öffentlicher Bauprojekte zu dokumentieren. Das alles sichert ihnen ein Einkommen, so dass sie neben dem Kauf der Druckerpatrone auch für die Ernährung ihrer Familien sorgen können.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer neuen Nutzer scheitern schon daran, dass sie nicht lesen können. Wie sorgen Sie dafür, dass diese Menschen trotzdem mit Computern umgehen können?

Dunn: Sie dürfen sich das nicht so vorstellen, dass wir einfach nur ein paar IT-Produkte irgendwo aufstellen, und zuschauen, was passiert. Alle unsere Projekte werden von intensiven Trainings begleitet. Außerdem werden unsere Projekte immer von einem Kleinunternehmer geführt, der in dem Dorf lebt und der lesen und schreiben kann. Diese Menschen sind die besten Vermittler von technischem und schulischem Wissen. Einige unserer Geräte haben außerdem Tastaturen, die mehr mit Zahlen und Symbolen bestückt sind als mit Buchstaben. Wir sehen nämlich, dass ein größerer Teil der Menschen vor Ort besser mit Zahlen umgehen kann als mit Schriftzeichen.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass die Länder der so genannten Dritten Welt in Zukunft die wichtigsten Quellen für Wachstum auf dem Hardware-Markt sein werden?

Dunn: In Hinblick auf die Wachstumsraten zeichnet sich jetzt schon ab, dass die neuen Märkte wie Indien oder China schneller wachsen als alle anderen. Aber sie starten natürlich von einem niedrigen Niveau.

SPIEGEL ONLINE: Wird es denn irgendwann in der Zukunft einen Punkt geben, an dem die neuen Märkte auch in absoluten Zahlen am Rest der Welt vorbeiziehen?

Dunn: Möglicherweise in einigen Bereichen. Die Vereinten Nationen erwarten beispielsweise, dass das Gesamtvolumen der öffentlichen Aufträge in der Dritten Welt bis 2015 ähnlich groß ist wie das der Industrieländer.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen, die befürchten, dass Sie die Konkurrenten von Morgen heranziehen?

Dunn: Im Hinblick auf meine Arbeit ist mir das noch nicht passiert. Natürlich ruft das Thema Outsourcing in einem so globalen Unternehmen wie HP emotionale Reaktionen hervor. Aber dabei geht es mehr um die aktuelle Diskussion in den USA. Unsere Projekte werden dagegen von allen Seiten begrüßt. Ich glaube nicht, dass unsere Mitarbeiter denken: " Wenn das Projekt klappt, dann gibt es noch mehr Menschen in Indien oder Südafrika, die Ähnliches können wie wir." Bisher hat das zumindest noch keiner zu mir gesagt.

Das Interview führte Carsten Matthäus