Er oder ich - DER SPIEGEL
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UNTERNEHMER Er oder ich

Der König macht keine Fehler - eine neue Biographie zeigt, wie Henry Ford II nach diesem Motto mit seinen Managern und mit seinen Frauen umsprang. *
• aus DER SPIEGEL 47/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er litt immer ein wenig darunter, daß er eigentlich mehr das Aussehen eines Schlachters als das eines smarten Großindustriellen hatte. »Schweinearsch« ärgerten schon die Mitschüler Henry Ford II, den kräftig gebauten Enkel des legendären Firmengründers, der nach dem Zweiten Weltkrieg fast 35 Jahre lang Chef des Detroiter Autoimperiums war.

Henry II wurde zu einer amerikanischen Institution. Er hatte Pioniergeist, er war superreich, er zeigte soziales Verantwortungsbewußtsein, er half als erster Konzernherr Amerikas arbeitslosen Schwarzen in den Gettos der »Motown« Detroit.

Er konnte warmherzig und liebenswürdig sein, aber auch unflätig und gefühllos, roh und rücksichtslos gegenüber den Menschen in seiner Nähe.

Wie Henry II ein Leben lang um sich herum Ehrfurcht und Furcht verbreitete, welches Gefallen er an seelischen Metzeleien fand, beschreibt in einer neuen Biographie der britische Journalist und Schriftsteller Robert Lacey.

Zwei Jahre recherchierte Lacey in den USA. Er befragte Dutzende von Familienmitgliedern vor allem die ehemaligen Ehefrauen; er recherchierte bei Ford-Freunden wie bei Ford-Feinden und er erkundigte sich bei Managern, die dem Auto-Boß dienten.

Was er dabei herausfand, beschreibt Lacey so: »Es ist kaum vorstellbar ... mit welcher Brutalität er Menschen Leiden zufügen konnte, die ihm am nächsten standen.« Eine von denen, die dies mit besonderer Eindringlichkeit erfahren mußte, war die erste Ehefrau, Anne. Nach 24 Ehejahren trennte sich Ford von ihr, sie erfuhr es mehr zufällig.

Es war ein heißer Juni-Abend im Jahre 1961. Ein großer Tag stand bevor: Mit einem glanzvollen Fest sollte die Volljährigkeit der jüngsten Ford-Tochter, Anne, gefeiert werden. Henrys Frau wollte gerade zu Bett gehen, als sie ihren Mann telephonieren hörte. »Ja«, sagte er, »ja, ich werde dich heiraten.«

Auf der rauschenden Party zu Ehren der Tochter am folgenden Abend war Ehefrau Anne totenblaß. Den Gästen konnte das nicht entgehen: Es stimmte etwas nicht im Hause Ford. »Mein Vater«, spottete später ihre ältere Tochter Charlotte, »hat so ein wunderbares Gefühl für das richtige Timing.«

Gut zweieinhalb Jahre später wurden Anne und Henry geschieden. Es war eine Zeit »seelischer Grausamkeit, wie der Scheidungsrichter sein Urteil begründete. Der Schmerz der Trennung wurde Anne mit rund 16 Millionen Dollar allerdings versüßt.

Es war, wie Freunde es nannten »der wilde Kerl in ihm«, der, als Henry die 40 überschritten hatte, immer stärker aus dem Enkel des Firmengründers herausbrach. Starker Alkoholkonsum half häufig kräftig mit. Die schlimmsten Szenen spielten sich meist zu fortgeschrittener Stunde ab. Auf dem Debüt-Fest für seine Tochter stolperte er auf die Bühne und pöbelte die Gäste an: »Ich weiß nicht, was, zum Teufel, die Hälfte von euch hier macht. Ich kenne euch nicht. Aber verdammt, haltet das Maul.«

Ehefrau Anne schritt zuweilen energisch ein. Wenn Henry wieder mal angetrunken mit einer anderen gar zu intim tanzte, holte sie ihn vom Tanzparkett und schleppte ihn zum Ausgang.

Anne zuliebe war Henry katholisch geworden, Papst Pius XII. hatte dem jungen Paar zur Hochzeit 1940 seinen persönlichen Segen geschickt. Lange Zeit schien es auch, als habe Anne ihren Henry fest im Griff.

Das änderte sich nach einer Europa-Reise. Da begegnete der Automobil-Unternehmer aus dem prüden, nüchternen, irgendwie langweiligen Detroit einem Mann, der mehr vom Leben zu verstehen schien: Giovanni Agnelli, Fiat-Chef und Fiat-Großaktionär.

»Es war die Begegnung mit Agnelli, die zum Schlüsselerlebnis wurde« verriet ein Familienmitglied dem Biographen Lacey, »,da war dieser Mann, drahtig, macho, sonnengebräunt, dynamisch, der erfolgreich einen großen Konzern führte, der aber auch zwischen St. Moritz und St. Tropez hin- und herjettete, mit heißblütigen und kühlen blonden Schönheiten.«

Urplötzlich, glaubt Laceys Konfident aus der Familie, sei es Henry, der damals Anfang Vierzig war, wie Schuppen von den Augen gefallen: »Mein Gott, das ist die einzig wahre Art und Weise, Chef eines Automobil-Unternehmens in Familienbesitz zu sein.«

Henry machte sich sogleich daran, die frisch gewonnenen Einsichten vom wahren Leben umzusetzen. Es war auf einer Gala-Party zu Ehren der Fürstin von Monaco im Pariser Maxim''s. Henry fand Gracia ziemlich langweilig. Um so mehr war er angetan von der 34 Jahre alten Italienerin Cristina Vettore Austin.

Anne trennte das engumschlungene Paar schließlich auf der Tanzfläche - und vergaß die Frau bis zu jenem mitgehörten Telephonat, bei dem ihr Mann Cristina die Ehe versprach. Im Februar 1965 heirateten die beiden.

Gut zehn Jahre später, im Dezember 1975, rief Henry den Hausarzt der Familie an und fragte, ob er Weihnachten schon etwas vorhabe. Als Dr. Richmond Smith vom Henry Ford Hospital verneinte, war Henry zufrieden. »Das ist eine gute Nachricht.«

Wenige Tage darauf packten Henry und Cristina gemeinsam die Koffer für eine größere Reise. Sie wollten sich ausgiebig Zeit nehmen, um wieder zueinanderzufinden. Einige schlimme Ehejahre sollten vergessen werden.

Fast liebevoll wählte Henry mit seiner Frau die Kleider aus, die in die Koffer sollten. Als Cristina schlafen gehen wollte, sah sie erstaunt ihren Mann im Mantel, mit kleinem Handgepäck. Ohne Umschweife erklärte Henry, er gehe fort - für immer. Cristina erlitt einen hysterischen Anfall und brach zusammen. Wie gut daß Henry vorgesorgt hatte. Dr. Smith war sofort zur Stelle.

Henry »glaubte wirklich«, schreibt Biograph Lacey, »seine Frau sei eine Hexe, die ihn selbst verhext hätte« Zugleich versuchte der Ford-Erste, seine Selbstwertzweifel mit Herrschaftsgebaren zuzudecken. Henry Ford duldete neben sich keine Götter, auch keine Göttinnen.

Als Cristina auf einer Wohltätigkeits-Gala im New Yorker Lincoln Center mit ihrem exotischen Reiz und funkelnden Diamanten selbst Jackie Onassis und Aristoteles übertrumpfte, ging Henry vorzeitig, ohne Cristina, und flog zurück nach Detroit. Bei der Rückkehr seiner Frau kochte er noch immer: »Vergiß nicht, du bist ein Nichts. Du bist nur durch mich etwas. Ich kann dich morgen rauswerfen.«

Wenn der Auto-Boß morgens mit dem richtigen Fuß aus dem Bett stieg, dann stellte er sich schon mal vor den Spiegel und gönnte sich selbst ein Lächeln.

»Ich bin der König«, sprach er zufrieden, »und der König kann keine Fehler machen.« Genauso »behandelst du deine Frauen, deine Kinder und nun auch deinen Bruder«, hielt ihm der jüngste Bruder William Clay wütend vor. Das war im März 1980. Wie so häufig in den zurückliegenden Jahrzehnten hatte Henry mal wieder willkürlich und ohne jede Begründung seine Pläne geändert.

Henry hievte seinen acht Jahre jüngeren Bruder William Clay nun doch nicht in den bei Ford, sondern seinen Intimus Philip Caldwell. Dabei war es Henry selbst gewesen, der den Bruder zunächst gedrängt hatte, seine Nachfolge als oberster Herr des Konzerns anzutreten.

Ford-Präsident Arjay Miller kam an einem Sonntagabend im Februar 1968 von einer Reise zurück. Auf dem Flughafen fand er eine Nachricht. Er möge sofort in die Konzernzentrale kommen, der Chairman wolle mit ihm reden. Dort erfuhr Miller von seinem Chef, er sei nicht länger Präsident. Irgendwelche Fehler waren Miller nicht vorzuwerfen.

Dem Nachfolger ging es nicht besser. Bunkie Knudsen war gerade 17 Monate Ford-Präsident, da rief ihn an einem Feiertagmorgen kurz nach sechs Uhr sein PR-Chef Ted Mecke an: »Ich muß Sie sprechen.«

Mecke verriet Knudsen, was er auf vertraulichen Kanälen erfahren hatte. »Von übermorgen an werden Sie nicht mehr bei Ford sein.«

»Bunkie« hatte vor allem einen Fehler gemacht: Er tat so als säße er selbst auf dem Thron. Besonders hatte es Henry erzürnt, daß sein Präsident es gewagt hatte, das letzte »O.K.« für die Modell-Serie 1971 zu geben. Der Chairman tummelte sich in diesem Augenblick auf Kreuzfahrt im Mittelmeer. Knudsen hatte sich ein Vorrecht herausgenommen, das seit 1945 bei Henry lag.

Bei der Pressekonferenz, auf der Henry Ford die Entlassung Knudsens verkündete, saß neben dem Chairman ein Mann »mit dem blassen, dünnen Lächeln eines Mafia-Dons auf den Lippen, der gerade seine Kontrolle über Detroit gestärkt hat«, wie die »New York Times« formulierte: Lee Iacocca.

Es dauerte nicht mehr lange, bis Henrys Hätschelsohn Iacocca alleinverantwortlicher Präsident der Ford Motor Company wurde - ein Traum ging für den Sohn italienischer Einwanderer in Erfüllung. Vom ersten Augenblick an, da Iacocca im Dezember 1970 Ford-Präsident wurde, schien Insidern klar: Eines Tages würde er als der erste, der nicht zur Familie gehörte, den Chairman-Thron des Auto-Imperiums besteigen, als Nachfolger von Henry II.

Doch auch für Lido (Lee) Iacocca kam alles anders. Henrys Unberechenbarkeit bekam er wie alle anderen auf bittere Weise zu spüren.

Am Abend des 12. Juli 1978 klingelte das Telephon bei Iacocca. Keith Crain, Herausgeber der »Automotive News«, war am anderen Ende der Leitung: »Sagen Sie mir, es stimmt nicht.«

Crain hatte gehört, Iacocca werde gefeuert. Am Nachmittag des folgenden Tages bekam Iacocca in Henrys Büro den Rausschmiß bestätigt.

»Manchmal mag man eben einfach jemanden nicht«, das war so ziemlich alles, was Henry seinem ehemaligen Kronprinzen sagte, als er ihn nach fast neun Ford Jahren entließ.

Dem Abschied Iacoccas war einer der wohl trickreichsten und schmutzigsten Machtkämpfe in der amerikanischen Firmengeschichte vorangegangen. Er gipfelte in immer neuen, über den New Yorker Mafia-Anwalt Roy Cohn lancierten öffentlichen Anklagen und Strafanzeigen, in denen Henry und den übrigen Board-Mitgliedern betrügerischer Mißbrauch von Firmenvermögen, Günstlingswirtschaft und Bestechung vorgeworfen wurden.

Cohn, der seine Behauptungen später alle zurücknehmen mußte, stützte sich auf Informationen, die nach der festen Überzeugung von Henry Ford alle aus einer Quelle stammten: von seinem Präsidenten Iacocca.

Was genau die Entfremdung der beiden Männer an der Ford-Spitze bewirkt hat ist für die Menschen in ihrer Umgebung nebelhaft geblieben. Vielleicht waren es nur viele Kleinigkeiten, die schließlich zum Zerwürfnis führten.

Typisches Beispiel die Boeing 727, die Ford von einer japanischen Fluggesellschaft kaufte. Iacocca behauptet noch heute in seinen Memoiren, Henry habe die Maschine zu seinem persönlichen Luxus-Luftkreuzer für private Trips nach Europa umfunktioniert.

Doch Gene Bordinat, der damalige Ford-Chef-Designer, erinnert sich, daß er den Jet, der im Zivildienst der Fluggesellschaften 150 Passagieren Platz bietet, ganz nach Iacoccas persönlichem Geschmack umrüsten mußte - bis hin zu vergoldeten Armaturen. Ein Passagier, der Iacoccas Schlafraum in dem Jet gesehen hatte, spottete über den Einrichtungsstil laut Biograph Lacey so: »Es war reines französisches Bordello.«

Henry verkaufte das Flugzeug, weil, so behauptet einer seiner Freunde »das die einzige Möglichkeit war, Iacocca davon abzubringen, in so einem verdammten Ding in der Welt herumzureisen«.

Der, wie es manche empfanden, großkotzige Stil seines Präsidenten hätte Henry vielleicht weniger gestört, wenn sich Lee nicht auch noch mit Leuten umgeben hätte, die dem Ford-Chef ganz und gar nicht paßten. Und angesichts der Fehden, die Henry mit seiner italienischen Frau Cristina austrug, war Lees ethnische Herkunft sicherlich nicht hilfreich für die Rolle des Thronfolgers.

Jedenfalls konnte Henry die Vorstellung, Iacocca werde seinen Stuhl einnehmen, nicht mehr ertragen. Die Ärzte hatten 1976 bei dem Ford-Ersten Angina pectoris diagnostiziert, und seither »lebte er in der Sorge, er könnte morgen tot umfallen«, weiß Marian Heiskell, in jener Zeit Mitglied des Board of Directors.

Um so rascher wollte der Konzernherr Iacocca loswerden. »Ich will nicht, daß er für mich arbeitet«, eine andere Begründung gab er den Board-Mitgliedern nicht. Erst nach einem Ultimatum - »er oder ich« - beugte sich 1978 der Board.

Ob allerdings Henry noch der Richtige sei, einen Autokonzern zu führen, Entscheidungen nüchtern und sachlich zu

fällen - diese Frage wurde in der Öffentlichkeit immer eindringlicher gestellt.

Da gab es die schädlichen Prozesse, in denen sich Ford dagegen wehren mußte, Schund-Produkte herzustellen; bei dem Modell Pinto beispielsweise war nach Auffahrunfällen mehrmals der Benzintank explodiert, 1,4 Millionen Wagen mußten zurückgerufen werden. Da fing die Firma an, »tonnenweise Geld zu verlieren« (Board-Mitglied Franklin Murphy). Und da war Henrys Doppelleben, das 1975 ans Licht kam und die Presse beschäftigte.

Eine Polizeistreife nahm Henry in einer Februar-Nacht fest, als er angetrunken in falscher Richtung durch eine Einbahnstraße im kalifornischen Santa Barbara fuhr. An seiner Seite fand sich ein blondes Photomodell, Kathy Du-Ross, 35 Jahre alt, »Miss Porno«, höhnte Gattin Cristina später über die Dame.

Das Liebesverhältnis zu Kathy dauerte damals schon fünf Jahre. Kathy gehörte zu jenen flotten, amüsanten Mädchen, die häufig und gern gesehene Gäste auf Partys prominenter Junggesellen der Stadt waren.

Mit siebzehn Jahren bereits war sie Mutter von zwei Töchtern, mit neunzehn Witwe. Als Photomodell posierte sie auch für Ford-Automobile. Henry überredete Freunde, Kathy auf eine Dinnerparty einzuladen - zu einem Zeitpunkt, da Frau Cristina auf Reisen war.

Freunde waren es auch, die dem Paar immer wieder Verstecke boten, in denen sie sich treffen konnten. Ausgerechnet der ehemalige Ford-Top-Manager John Bugas, den Henry 1968 in den vorzeitigen Ruhestand gezwungen hatte, zeigte sich besonders beflissen. Er stellte seine Ranch in Wyoming zur Verfügung. Teure Geschenke für Kathy nahm Bugas auf seine Kreditkarte, Henry gab ihm das Geld dann in bar.

Am 14. Oktober 1980 heiratete Henry seine dritte Frau. Per Telephon lud er seine Töchter Charlotte und Anne zur Hochzeit ein, aber beide hatten Ausflüchte bereit. Sie mochten Kathy nicht, und Kathy redete abfällig von den »armen kleinen reichen Mädchen«.

Henry muß die Absage tief getroffen haben. »Vor allem daß seine Lieblingstochter Anne nicht erschien, konnte er offenbar nicht verwinden.

Wenige Tage nach seiner Hochzeit mit Kathy rief Henry nachts von Europa aus bei Anne in New York an. Er fing an, seine Tochter zu beschimpfen und zu verfluchen, er überschüttete sie mit den übelsten Obszönitäten.

Anne legte den Hörer auf. Henry rief wieder an, er steigerte seine Tiraden noch. Nach dem dritten Anruf legte Anne den Hörer neben die Gabel.

Bei seinem ersten Zusammentreffen mit Buchautor Lacey meinte Henry II: »Mit etwas Glück bin ich tot, wenn Ihr Buch erscheint.«

Er hatte kein Glück.

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Robert Lacey: »Ford«. Verlag Heinemann, Lon don 1986; 804 Seiten; 15 Pfund.

Das angelsächsische Gesellschaftsrecht unterscheidet nicht wie das deutsche Aktiengesetz zwischen Kontrolle und Geschaftsführung eines Unternehmens. Die Hauptversammlung wählt den Board of Directors, der das Unternehmen führt. Im Board sitzen die Mitglieder der Geschäftsführung und Externe. Den Vorsitz im Board hat der »Chairman«, die Geschäfte der Firma führt häufig der »President«. Die Grenzen der Verantwortungsbereiche sind fließend.

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