ERNÄHRUNG Erdnüsse
Britanniens Pflanzenfett - Kolonisten in Nord-Tanganyika tummeln sich dankbar in übervollen Badewannen. Zehn Monate lang war bei ihnen Wasser kostbarer als Bier. Jetzt prasselt es überreichlich auf ihre Bungalowdächer und die ausgedörrten Erdnußfelder. Nur die Pflanzer im südlichen Tanganyika sitzen nach wie vor auf dem Trockenen. Sie hoffen noch. Mit ihnen hofft Englands Ernährungsminister John Strachey.
»Ein wesentlicher Abschnitt des Erdnuß-Projektes steht dicht vor dem Zusammenbruch, wenn nicht bis Weihnachten der längst fällige Regen kommt«, hatte Strachey bekennen müssen, als er in London das Flugzeug verließ. Sieben Tage lang hatte er sich an Ort und Stelle von den »verheerenden Folgen« der afrikanischen Dauerdürre überzeugt.
Seit die Aktion Erdnuß Ende 1946 von der britischen Regierung gebilligt und gestartet wurde, flossen 23 Millionen Pfund Sterling in den schwarzen Kontinent. Nur eine Million fehlte an der Summe, mit der Arthur Wakefield vom britischen Landwirtschaftsministerium und John Rosa vom Kolonialamt ihr »gigantisches Projekt« restlos verwirklichen wollten.
»Mehr Margarine, mehr Seife« versprachen die beiden Großraumplaner damals. Britanniens fettlos kochende Volksseele jubelte Zustimmung. Auch die Opposition billigte den Plan:
1,3 Millionen Hektar Wildnis sollten im früheren Deutsch-Ostafrika, in Nordrhodesien und Kenya innerhalb von fünf Jahren urbar gemacht werden. Der Ernteertrag wurde auf 800000 Tonnen Erdnüsse jährlich veranschlagt. Die Gesamtkosten auf 24 Millionen Pfund Sterling.
Aus »Gründen der Zeitersparnis« übernahm die United Africa Company, eine Tochtergesellschaft des britischen Großkonzerns Uni Lever (s. Spiegel 24/49 »Verkaufskanonen") das staatliche Erdnußgeschäft. Während in Afrika die ersten umgebauten Sherman-Panzer als Traktoren zu arbeiten begannen, wurde in London die Overseas Food Corperation (OFC) gegründet und mit der endgültigen Durchführung des Projektes beauftragt.
Zum Vorsitzenden der Corperation avancierte Sir Lesley Plummer, bis dato Direktor aller englischen Beaverbrook-Zeitungen (Jahresgehalt 12000 Pfund). Sir Lesley, von seinen Bekannten Dick genannt, ist ein guter Freund Stracheys. 1926 gründete er für die englische Bergarbeiter-Gewerkschaft eine Wochenzeitung. Als Chefredakteur engagierte er einen vielversprechenden jungen Mann namens John Strachey. Beide waren damals erst 25 Jahre alt.
Plummer lebt in einem Vorort Londons in einem hypermodern eingerichteten Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert. Es ist außen rosa angestrichen, innen weiß. Der Hausherr ist innen und außen rosa. Lesley gilt als verschworener Sozialist und Planwirtschaftler.
Er sagte sofort zu, als ihm der Erdnußposten angeboten wurde, obwohl Strachey ihm kaum die Hälfte seines bisherigen Gehaltes bieten konnte. Mit Plummer bekamen auch Wakefield und Rosa einen Direktorenposten.
Als die OFC Ende März 1948 das Projekt in die staatseigenen Hände nahm, waren ganze 3500 Hektar Buschland gerodet worden. Sieben Millionen Pfund des Nußgeldes waren dafür draufgegangen. Die Rodungskosten lagen mit 30 Pfund Sterling pro Morgen um das Zehnfache über die Summe, die Wakefield veranschlagt hatte.
Bis zum März 1949 steckte die Corperation noch einmal 16 Millionen Pfund in das Projekt und in das widerspenstige Urland. Trotz unenglischer Eile waren in den ersten zweieinhalb Jahren nur 12500 Hektar in Erdnußplantagen verwandelt worden. Damit wurde das Wakefield-Ziel für diesen Zeitraum nur zu einem mageren Zwölftel erreicht.
John Strachey strich die Fettkalkulation auf ein kleines Viertel ihres ursprünglichen Umfanges zusammen. Nur noch 250000 Hektar sollen bis 1954 bebaut werden. Das werde noch einmal etwa 50 Millionen Pfund kosten, meinte Strachey unverbindlich. Er versprach, jetzt wirkliche Fachkräfte einzusetzen.
»Unsere übertriebene Hast«, ergänzte der Erdnußspezialist der OFC, Landwirtschaftsprofessor John Phillips aus Südafrika, »hat uns Dinge gelehrt, die wir in Zukunft beachten werden. Dazu gehört auch die genaue Erforschung des Bodens auf seine Eignung und Beschaffenheit«. Das war bisher nicht immer geschehen.
Die Kolonisten im Raum um Kongwa, 300 Kilometer nordöstlich Dar Es Salam bestätigen das. Als die ersten Erdnußpioniere mit der Hoffnung auf eine »Existenzmöglichkeit ersten Ranges« - die versprochenen Gehälter ließen nichts von Cripps'scher Sparsamkeit erkennen - die britische Insel verließen, kannten sie die Bodenbeschaffenheit des Gebietes nur aus den freundlich verbrämten Broschüren ihrer Regierung. »Die Wirklichkeit ist denkbar finster«, sagen sie heute.
Die entmilitarisierten Sherman-Panzer bissen sich am afrikanischen Busch die Kettenzähne aus. Der ausgedörrte Boden war hart wie Zement. Viele Siedler kehrten murrend nach England zurück. Dort regnet es wenigstens.
Im Unterhaus mehrten sich die Anfragen nach den Erdnüssen. Es stellte sich heraus, daß bisher nicht mehr als das verwendete Saatgut geerntet worden war. Noch ehe die ängstlich gehüteten Erdnuß - Finanzen nach 56 Millionen Dollardefizit an das Licht des Unterhauses gezerrt wurden, mußte Strachey Wakefield und Rosa entlassen (s. Panorama 48/49 »Beispiel"). - Plummer blieb im Amt.
Strachey will es in Kongwa trotz aller Verluste noch einmal versuchen. Mit Mais, Sonnenblumen, Viehzucht und »individueller Beaufsichtigung und Betreuung der einzelnen Pflanzungen«. Andere Gegenden hat die Overseas Food Corporation restlos abgeschrieben. Nur Süd-Tanganyika soll Erdnußschwerpunkt bleiben.
Auch mit dem Gelde wollen Stracheys Pflanzenfett-Strategen in Zukunft vorsichtiger operieren. Seit 1946 werfen Churchills Konservative den Labourmännern vor, daß sie an ihrem »Musterbeispiel für sozialistische Planwirtschaft« übelste spekulative Machenschaften exerzieren. Aber an eine völlige Aufgabe des Projektes denken auch sie nicht mehr. »Der Prestigeverlust für England wäre zu groß.«
Profitiert haben bisher nur die Eingeborenen Ostafrikas. Die »Operation Groundnut« brachte ihnen Oelleitungen, Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Hospitäler, Schulen, Kinos, Cafés und allgemeinen wirtschaftlichen Auftrieb. Das ist der einzige Trost des britischen Kolonialamtes. Und John Stracheys.
Der britische Ernährungsminister zitiert in Sachen Erdnuß gern einen Satz aus einem Essay des Philosophen Francis Bacon, den manche Engländer für den wahren Autor aller Shakespeare-Dramen halten.
»Pflanzungen gehören zu den altehrwürdigen und heroischen Arbeiten. Du mußt damit rechnen, 20 Jahre lang ohne Nutzen zu arbeiten, um erst am Ende entschädigt zu werden. Es ist das sündigste Ding der Welt, eine Pflanzung, wenn sie einmal in fortgeschrittenem Zustand ist, aufzugeben«.