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ENERGIE Erheblich geschwächt

Die Deutschen verabschieden sich höchstwahrscheinlich aus einem vielversprechenden Energieprojekt. Weil Bonn kein Geld hat, bauen Amerikaner und Japaner die weltgrößte Kohleverflüssigungsanlage allein.
• aus DER SPIEGEL 4/1981
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Amerika und Deutschland, so schien es, wiesen der industriellen Welt wieder einmal den Weg, diesmal weg vom Öl.

»Um ein Zeichen zu setzen«, vereinbarten Volker Hauff, damals noch Bonner Forschungsminister, und US-Energieminister Charles Duncan ein gigantisches Projekt: Für 1,8 Milliarden Mark wollten die Partner bei Morgantown im US-Staat West Virginia eine neuartige Kohleverflüssigungsanlage bauen.

Die Aussicht auf den Kohletreibstoff lockte bald noch die Japaner an, die in ihrer Energieversorgung fast völlig vom Opec-Öl abhängig sind. Deutschen und Amerikanern war der neue Partner willkommen.

Im Sommer letzten Jahres bat US-Präsident Jimmy Carter zur Unterzeichnung der erweiterten Verträge extra ins Weiße Haus, um dem gemeinsamen Projekt den gebührenden Glanz zu verleihen.

Doch nun, knapp ein halbes Jahr nach der feierlichen Zeremonie in Washington, will Andreas von Bülow, Hauffs Nachfolger im Forschungsministerium, von dem so gepriesenen Plan nicht mehr wissen: »Ich habe das Steak im Weißen Haus nicht gegessen.«

Noch bevor der erste Spatenstich für die geplante Anlage getan ist, möchte von Bülow die deutsche Beteiligung aus Geldmangel aufkündigen. Seine Rechnung ist simpel: Während der Forschungsetat um 700 Millionen Mark gekürzt wurde, explodierten die voraussichtlichen Kosten für das ehrgeizige Projekt in dem amerikanischen Kohlerevier.

Statt der geplanten 1,8 Milliarden wird die Anlage, die bis 1986 fertig sein soll, nach neueren Erkenntnissen etwa 2,8 Milliarden Mark verschlingen. Die Deutschen müßten, gemäß ihrem 25prozentigen Anteil (Japan 25 Prozent, USA 50 Prozent), in den nächsten fünf Jahren demnach rund 700 Millionen Mark nach Amerika überweisen.

Soweit wird es aber kaum kommen. Schon die dieses Jahr fälligen 130 Millionen kann Bülow nicht bezahlen, ohne die Zuschüsse für kleine Kohleverflüssigungs-Pilotanlagen in der Bundesrepublik zu gefährden.

Durch den Rückzug könnte die Bundesrepublik in einer Technologie den Anschluß verpassen, in der sie einst führend war. Schon im Dritten Reich gewannen die Deutschen nach einem mehrstufigen Umwandlungsverfahren -- benannt nach seinem Erfinder Bergius -- rund vier Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr aus Kohle. Das war knapp ein Sechstel des heutigen Benzinbedarfs in der Bundesrepublik. Und auch nach der Demontage ganzer Werke in Mitteldeutschland durch die russischen Besatzer, widmeten sich die Deutschen nach dem Krieg bald wieder der Kohleverarbeitung.

Techniker der Frankfurter Firma Lurgi entwickelten das sogenannte Fischer-Tropsch-Verfahren S.48 fort, bei dem die Kohle zunächst vergast und dann verflüssigt wird. Lurgi half in den fünfziger Jahren, das Sasol-Werk I in Südafrika zu errichten, das nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren bei einem Kohleverbrauch von 5,5 Millionen Tonnen jährlich 300 000 Tonnen Treibstoff produzierte.

Doch die Anlage der isolierten Südafrikaner, die fast jeden Preis für ihre Treibstoff-Autarkie bezahlen, würde in der Bundesrepublik zu teuer arbeiten. »Die Produktionskosten nach diesem Verfahren liegen 25 Prozent höher als nach dem Bergius-Verfahren«, erläutert Werner Peters, Geschäftsführer der Bergbau-Forschung GmbH in Essen. Vor allem, so der Essener Professor, »wird viel mehr Kohle verbraucht«.

Das alles wäre in Morgantown besser. Die Beteiligung würde der Bundesrepublik das Know-how an einer modernen Kohlehydriertechnologie in einer großen Demonstrationsanlage von zwei Millionen Tonnen Kohleverbrauch und 800 000 Tonnen jährlicher Schwerölerzeugung bringen.

Vergleichbar große Projekte, die sofort gebaut werden können, gibt es auf der Welt nicht. Die Saarberg-Werke planen zwar für die Bundesrepublik eine Kohleverflüssigungsanlage ähnlicher Größenordnung. Veba und Ruhrkohle wollen gar dreimal so große Projekte in die Landschaft setzen.

Aber schon jetzt ist ihr Bau mehr als fraglich. Es fehlen geeignete Standorte, weil Umweltschützer gegen Lärm und Gestank der Anlagen protestieren.

Zudem ist die Finanzierung der Projekte gleichfalls völlig unsicher. Ohne Staatshilfe, klagt die Industrie, sei das nicht zu schaffen. In der mittelfristigen Finanzplanung des Bundes aber ist für solch große Ölfabriken keine Mark eingeplant. Soviel ist sicher: 1987 wird keine dieser Riesenanlagen wie geplant in Betrieb genommen werden können.

Um so mißlicher ist der Rückzug aus dem US-Projekt. Die Ruhrkohle und Veba nehmen in diesem Jahr lediglich eine kleine Pilotanlage in Bottrop in Betrieb. Mit der 30mal größeren Demonstrationsanlage in Morgantown können Amerikaner und Japaner weit mehr über die neue Technologie lernen.

»Die künftigen Exportchanchen des deutschen Anlagebaus«, beklagt sich Rudolf Specks, Chef der Ruhrkohle Oel und Gas GmbH, die das US-Unternehmen für die Bundesrepublik durchführen sollte, würden »erheblich geschwächt«.

Das aber bezweifelt von Bülow. Kein deutscher Anlagebauer, so wundert sich der Minister, habe bislang bei ihm für die US-Anlage gekämpft.

Außerdem ärgert den Minister ein Geburtsfehler des Projekts. Nur, weil die Industrie nicht finanziell beteiligt sei, so von Bülow, gäbe es überhaupt die aberwitzigen Kostensteigerungen.

Den Argumenten des Minister-Neulings folgen inzwischen auch länger gediente Kollegen. Finanzminister Hans Matthöfer und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff schwenkten auf von Bülows Kurs. Widerstand gegen die Aufgabe des Projekts leistet nur noch Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Der FDP-Chef fürchtet nach dem Krach über die deutschen Militärausgaben weitere außenpolitische Schwierigkeiten mit den USA. Vor allem könnte sich die Abneigung der Reagan-Administration gegen das neue deutsch-sowjetische Erdgas-Röhrengeschäft noch verstärken.

Genscher hofft jedoch noch auf einen Ausweg. Falls der US-Präsident seinen Wahlkampf-Slogan »Weniger Staat -- mehr Privatinitiative« auch beim Morgantown-Projekt in die Tat umsetzt, könnte die Finanzierung der Anlage neu geregelt werden -- unter Teilnahme der interessierten deutschen Firmen. Der designierte US-Handelsminister Malcolm Baldridge hat bereits angekündigt, die US-Industrie, wann immer es geht, an staatlichen Projekten zu beteiligen.

Das würde Genscher auch für den deutschen Anteil gern sehen. Der Außenminister will deshalb in der Kabinettsitzung am 21. Januar vorschlagen, die Entscheidung zu vertagen und mit der Reagan-Regierung noch einmal zu verhandeln.

Wenn die Industrie-Beteiligung nicht klappt, kann auch Genscher gegen einen Rückzug aus dem teuren Projekt nichts mehr sagen. Die Idee, den Forschungsetat zusammenzustreichen, stammt von der FDP.

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