Erholung an den Börsen Schwalbe oder Sommer?
Aktien im Plus: Es gibt Zeichen dafür, dass die Börsenwelt sich zum Besseren wendet
Foto: DDPSo genau kann das derzeit niemand sagen, zu groß ist die Angst danebenzuliegen. Viele halten sich deshalb bedeckt. Etwas wolkig spricht zum Beispiel ING Investment Management von dauerhaft hoher Volatilität. "Wir bleiben bei unserer Prognose für die Aktienmärkte, die 2009 überwiegend innerhalb einer breiten Trading Range notieren werden, mit Kursausschlägen in beide Richtungen", so die Einschätzung der Niederländer. Pioneer-Fondsmanager Karl Huber fügt hinzu: "Mit der hohen Volatilität wird man weiterhin leben müssen." Er verwaltet den German Equity .
Doch es gibt tatsächlich Zeichen dafür, dass die Börsenwelt sich zum Besseren wendet. Zum Beispiel die Frühindikatoren, berichtet Conrad Mattern, "da tut sich was, ganz anders als bei den kurzfristigen Indikatoren wie den Neubauzahlen in den USA". Mattern verwaltet mit dem "Conquest Behavioral Finance Aktien" einen Fonds nach börsenpsychologischen Grundsätzen. Pioneer-Mann Huber sieht daher den Anfang der Bodenbildung erreicht.
Herbst minus ein halbes Jahr ist gleich Frühling
Die Lehrbücher sprechen ebenfalls davon, dass Börsen sich bereits ein gutes halbes Jahr vor Ende einer Krise nachhaltig erholen. Da passt es doch wunderbar ins Bild, dass das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärt, die Rezession sei im Herbst dieses Jahres beendet. Rein rechnerisch fiele die Börsenerholung - Herbst minus ein halbes Jahr ist gleich Frühling - in den März. Der Börsensommer hätte also begonnen.
Doch von anderer Seite kommen frostige Signale. Joseph Stiglitz, immerhin Nobelpreisträger, prophezeit, dieses Jahr werde das schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945. Steigende globale Armut und die US-Defizite sind da nur zwei Ausprägungen seiner Lesart der Welt. Doch deren Einfluss auf die Börse setzt voraus, dass dort eben Erwartungen für die Zukunft gehandelt würden, positive wie negative.
Was aber wäre, wenn die Börsen ihrer Augurenfunktion dieses Mal nicht nachkommen, sondern nur auf aktuelle Nachrichten reagierten? Auf die US-Berichtssaison zum Beispiel, die nicht so katastrophal ist wie von einigen befürchtet? Und auf andere positive Meldungen. So scheint zum Beispiel der Markt für Börsengänge aus seiner Schockstarre zu erwachen. Immerhin wurde bereits im April mit dem Onlinedienst Bridgepoint der dritte Börsengang in den USA protokolliert.
Oder nehmen Sie die Medien, von einigen Anlageprofis nicht ganz ernsthaft als Kontraindikator gewertet. Das Magazin "Börse Online" fragt auf einem aktuellen Titelblatt, wie lange die Aktienrallye noch weitergehe, rechnet also offenbar mit einem baldigen Ende. All das wäre gut genug, Dax und Co. zumindest kurzfristig zu befeuern - quasi zum Schwalbenflug zu verlocken, um im Bild zu bleiben.
"Seit Anfang März schaut man wieder etwas mehr nach vorn"
Es ist also die Stimmung, die derzeit alles überlagert. "Bearish", nennt sie J.P. Morgan Asset Management in einem Strategiepapier, "schlecht". In so einer Situation können Anleger die langfristigen Ziele tatsächlich schon einmal aus dem Auge verlieren - und die Kurse an den Börsen zu irrationalen Ausschlägen treiben. Doch ein ganz so düsteres Bild will Börsenpsychologe Mattern nicht zeichnen: "Die Anleger sind einfach erleichtert darüber, dass das Armageddon ausgeblieben ist." Zum Beispiel auch darüber, dass Banken offenbar Geld verdienen - wie auch immer.
Die Börse scheint sich also wieder etwas in Richtung Zukunft zu bewegen. "Seit Anfang März schaut man wieder etwas mehr nach vorn", so Huber. Doch viele Anleger stünden noch abseits, so der Fondsmanager. "Und stecken zum Beispiel in defensiven Werten. Selbst wenn es sich bei der aktuellen Entwicklung nur um eine Bärenmarktrallye handelt, so kann man sie nicht mitnehmen."
In der Zwischenzeit haben krude Phänomene und Theorien Hochkonjunktur. Der "Playboy" wollte "Women of Wallstreet" auf Hochglanzfotos zeigen, ein Londoner Restaurant bietet "credit-munch" an, Kreditkrisenmampf. Und da wäre noch Mike Morgan. Die "Financial Times Deutschland" berichtete, Morgan hätte auf seiner Netzpräsenz goldman666.com erklärt, die Investmentbank Goldman Sachs sei des Teufels. Die wiederum bewies teuflisch wenig Humor und ließ die Seite offenbar schließen.
Inzwischen bezeichnet Morgan - der die Goldman-Aktien übrigens nach eigenem Bekunden geshortet hat - die Seite als Forum. Das Kürzel 666 geht auf die Bibel zurück und auf die orientalische Schule der Kaballa. Diese Kaballa ermöglicht es Eingeweihten und weisen Männern, die Worte in einem Buch wie der Bibel, in Zahlen aufzuspalten, die wiederum unbegrenztes Wissen verschaffen sollen. Wissen zum Beispiel über die Zukunft. Da diese Methode aber zu ganz verschiedenen Ergebnissen führen kann, ist ihr Aussagewert eher begrenzt.
Kryptische Zahlen, der Blick in die Zukunft und der Mangel klarer Aussagen; das klingt nur allzu bekannt. Sommer oder Schwalbe? Keiner weiß es.