SCHWEIZ Erlaubter Diebstahl
Der oberste Verbraucherfunktionär der Schweiz wußte für seine irritierten Landsleute nur schlichten Rat.
»Mehr Schwarzbrot essen, billigeres Fleisch kaufen, weniger Auto fahren und weniger Zucker brauchen«, empfahl Alfred Neukomm, Sekretär der Stiftung für Konsumentenschutz. Die Schweizer müssen sparen.
Monat für Monat werden sie von steigenden Teuerungsraten erschreckt. In dem Land, das wegen seiner Geldwertstabilität lange bewundert und beneidet wurde, geht plötzlich das »Inflationsgespenst« (Zürcher »Tages-Anzeiger") um.
Seit August letzten Jahres laufen den Schweizern die Preise immer schneller davon. Damals kletterte die Teuerungsrate auf 4,2 Prozent. Ein halbes Jahr später trabt die Inflation schon mit einer Jahresrate von über sechs Prozent -- schneller als in der Bundesrepublik.
Ausgelöst wurde die Teuerungswelle zumindest zum Teil von den auf Stabilität bedachten Währungshütern in der Schweiz selbst. Die Notenbank schuf zuviel neues Geld.
Als nämlich im Herbst und Winter 1978/79 umhervagabundierende Währungsmilliarden von Spekulanten in Schweizer Franken investiert wurden, zog der Kurs der Valuta steil nach oben. Der Franken geriet unter Aufwertungsdruck.
Exporteure etwa von Präzisionsmaschinen, Uhren und Chemikalien made in Switzerland fürchteten, ihre fürs Ausland immer kostspieliger werdenden Produkte kaum noch absetzen zu können. Die Fremdenverkehrsmanager sorgten sich, der hohe Frankenkurs könnte Zehntausende von Touristen von einer Schweiz-Reise abhalten.
So entschlossen sich die Schweizer Notenbanker, den Frankenkurs unter anderem durch massenhafte Devisenkäufe wieder nach unten zu drücken. Damit aber ließ die Notenbank weit mehr Geld in die Volkswirtschaft strömen, als sie selbst aus stabilitätspolitischen Gründen für vertretbar hielt.
Der »geldpolitische Sündenfall« ("Neue Zürcher Zeitung") schien damals vertretbar. Die Teuerung betrug 1978 gerade ein Prozent.
Doch die Geldschwemme wirkt jetzt nach, meinen Schweizer Ökonomen. Auch Notenbank-Chef Fritz Leutwiler gestand eine »hausgemachte Inflation« ein. Die Notenbank hätte im Herbst 1978 »die Geldmenge sehr stark ausweiten müssen«. Leutwiler ist zuversichtlich, daß die Geldpolitik der Nationalbank »sich in einer verlangsamten Inflation niederschlagen« werde. Das aber ist durchaus fraglich.
Zwar erhöhte die Nationalbank zweimal kurz hintereinander den Diskont -- auf jetzt vier Prozent. Aber anders als etwa in der Bundesrepublik schüren höhere Zinsen zunächst einmal die Inflation, statt sie zu dämpfen.
Denn in der Schweiz sind Hypotheken in der Regel mit einer Dreimonatsfrist kündbar. Mit Hilfe der Kündigungsklausel werden nach jeder Diskonterhöhung auch die Zinsen für schon bestehende Hypotheken nach oben gedrückt.
Eine Hypothekenzinserhöhung von einem Prozent, errechnete der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), treibt die Mieten um etwa 14 Prozent in die Höhe. Auf die Verbraucher-Preise schlägt das nach SGB-Rechnungen mit einem Anstieg von etwa 2,8 Prozent durch.
Kritiker der Notenbank prophezeien neue Preisschübe. »Allein die Stichworte Hypothekarzinsen beziehungsweise Agrarpreise«, meint die »Neue Zürcher Zeitung«, ließen erwarten, »daß noch einiges in der Pipeline steckt«.
Tatsächlich klettern neben den Mieten die Preise für Nahrungsmittel wie beispielsweise Fleisch und Zucker, Milch und Eier besonders munter -allein im März um fast zehn Prozent. Der Grund: Die Regierung machte den heimischen Bauern Zugeständnisse bei den zulässigen Preisaufschlägen für Agrarprodukte.
Dennoch behauptet Wirtschaftsminister Fritz Honegger, daß »die heutige Teuerung weitgehend importiert ist«. Richtig daran ist: Weil die Zinsen in anderen Ländern wie etwa in den USA und in Großbritannien weit höher als in der Schweiz sind, fließen große Summen an Kapital in ertragreichere Auslandsanlagen.
Anders als vor anderthalb Jahren steht der Schweizer Franken daher unter dauerndem Abwertungsdruck. So verlor der Franken gegenüber den Währungen von 15 wichtigen Handelspartnern der Schweiz seit September 1978 fast 25 Prozent an Wert.
Den Schweizern ergeht es nun ähnlich wie den Bundesdeutschen mit der schwächeren Mark: Über den Wechselkurs wird die hohe Teuerung bei im Ausland gekauften Gütern nicht mehr wie einst gemildert, sondern noch verstärkt.
Dagegen haben die Schweizer Arbeitgeber die Preistreiber noch ganz woanders ausgemacht: bei den Lohnempfängern, natürlich. Tatsächlich sorgt in der Schweiz eine Indexklausel für fast automatischen Teuerungsausgleich bei den Löhnen. Doch real bekamen Schweizer Arbeitnehmer 1980 kaum mehr. Im Jahr davor mußten sie sogar erstmals seit 1951 geringe Einkommenseinbußen hinnehmen, obwohl Vollbeschäftigung herrscht.
Kein Wunder, daß Gewerkschafter und Verbraucherschützer an anderer Stelle ansetzen wollen. Sie fordern einen Konsumenten-Ombudsmann, der gegen allzu skrupellose Preistreiber vorgehen soll.
Schon vor einigen Jahren hatten die Schweizer einen Preisüberwacher. Obwohl der nur geringe Befugnisse hatte, machten die Konsumenten gute Erfahrungen im Kampf gegen allzu happige Preisaufschläge.
Der neue Ombudsmann soll, fordert Verbraucherschützer Neukomm, nun per Gesetz größere Vollmachten erhalten. Denn die Inflation, so begründet Neukomm seine Forderung, »ist gesetzlich erlaubter Diebstahl am Durchschnittsbürger«.