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WELTWIRTSCHAFT Ernst der Lage

Vermiest die Asienkrise ausgerechnet im Wahljahr die deutsche Konjunktur? Finanzminister Theo Waigel will Schlimmeres verhindern.
• aus DER SPIEGEL 8/1998
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Der Hilferuf kam aus Jakarta. Präsident Suharto, 76, autokratischer Herrscher von Indonesien, bat seinen gelegentlichen Angelpartner Helmut Kohl, 67, um Beistand im Börsenchaos - und der schickte einen erfahrenen Mann: seinen einstigen »Sherpa«.

Ganz offen sollte Horst Köhler, bis 1993 Staatssekretär im Bonner Finanzministerium, seither Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, mit dem angeschlagenen Potentaten reden. »Es ging«, so der Finanzexperte, der einst auf den Weltwirtschaftsgipfeln die Strippen zog, »um die politische Geste.«

Und es ging zudem darum, die wahren Dimensionen des ökonomischen Bebens zu erkunden. Zurück kam Kohls Gesandter mit einer unangenehmen Erkenntnis: »Die Asienkrise«, glaubt Köhler »ist noch nicht überstanden.«

Rund ums Kanzleramt wächst deshalb das Unbehagen. Ausgerechnet im Wahljahr, so müssen Kohls Berater fürchten, könnte das Finanzdesaster in Fernost die deutsche Konjunktur vermiesen.

Diese Woche hetzt nun auch Theo Waigel durch Fernost, um Schlimmeres zu verhindern. Sein Trip durch den Taifun: Dienstag in Seoul, Mittwoch in Jakarta, Donnerstag in Bangkok, Zwischenstopp am Freitag in Deutschland, dann weiter nach London, wo die Finanzminister der G-7-Staaten über Konsequenzen der Krise beraten. »Bisher«, gesteht ein hoher Waigel-Beamter, »dachten wir: Wenn der Staat sich zurückhält, ist alles okay; der private Sektor wird es schon machen.«

Doch nun ist das Weltbild der marktgläubigen Bonner Regierung ins Wanken geraten. »Wenn der Waigel so hektisch durch Asien hopst«, urteilt SPD-Haushaltsexperte Karl Diller, »zeigt das den wahren Ernst der Lage.«

Die optimistischen Wachstumsprognosen, die im Dezember galten, sind kaum noch zu halten. Peu à peu korrigieren Ökonomen ihre Werte, während die Regierung weiter auf die moderaten Zahlen des IWF verweist: Von vielleicht zwei Zehnteln Minus gegenüber der bisherigen Konjunkturprognose ist da die Rede - statt 2,8 Prozent Wachstum 2,6.

Nicht nur Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hält das für zu optimistisch. Auch Reimut Jochimsen, Chef der Landeszentralbank von Nordrhein-Westfalen, glaubt: »Die Finanzkrise geht tiefer als bei uns debattiert.«

Mindestens ein halbes Prozent Abschlag kalkuliert Walter inzwischen ein. Und sollten die Währungen von China, Hongkong oder Rußland ebenfalls noch in den Abwärtsstrudel geraten, »dann wäre auch ich mit meinem Latein am Ende«. Vor allem die deutsche Investitionsgüterindustrie, Maschinen-, Anlage- oder Kraftwerksbau, müßte in den nächsten Monaten mit Einbußen beim Export rechnen - und zwar nicht nur in Asien, weil die Krise in Fernost weltweit die Investitionsneigung dämpft.

Sparkassenpräsident Köhler sieht das ähnlich: »Das ist kein fernes Gewitter.« Deshalb hält er »vielleicht auch etwas mehr« als ein halbes Prozent Wachstumsverlust keineswegs »für Schwarzmalerei«.

Zum einen, so Köhler, würden die Krisenländer, begünstigt durch den massiven Werteverfall ihrer Währungen, »uns schon bald mit Exporten überschwemmen«. Zum anderen drohten auch in Amerika Wachstumsverluste, »die wiederum Rückwirkungen auf Deutschland haben«.

Gleichwohl registrieren die Ökonomen auch gegenläufige Tendenzen, die gut sind für die deutsche Konjunktur. Weil seit Ausbruch der Krise viel Kapital nach Europa zurückfloß, sind hierzulande etwa die Zinsen gesunken - was wiederum Investitionen der Industrie begünstigen dürfte.

Noch ist offen, wie hart die asiatischen Turbulenzen Waigels Etat am Ende treffen werden. Gleich drei Bundestagsausschüsse mühten sich um Aufklärung, auch das Parlament debattierte über die Krise.

Ins Gerede gekommen sind vor allem die Hermes-Bürgschaften, mit denen Bonn weltweit deutsche Exporte absichert. In einer Studie für den Haushaltsausschuß rechnete das Bonner Finanzministerium für Indonesien, Thailand, Südkorea, Malaysia und die Philippinen mit einer »formellen Höchsthaftung des Bundes« von knapp 26 Milliarden Mark, wobei das »eigentliche Gefährdungspotential« etwa 18 Milliarden Mark betrage - verteilt auf mehrere Jahre.

Konkreter sind die drohenden Steuerausfälle. So haben Mitglieder des Arbeitskreises Steuerschätzung hochgerechnet, daß durch ein halbes Prozent Wachstumsverlust dem Fiskus sieben bis acht Milliarden Mark verlorengehen.

Und auch die Milliardenrückstellungen der Banken dürften Löcher in Waigels Kasse reißen. Prinzipiell, so schätzen Ministeriale des Finanzministeriums, kostet jede Mark, die die Kreditinstitute als Wertberichtigung - und damit gewinnmindernd - in ihren Bilanzen parken, den Fiskus 30 bis 40 Pfennig an entgangenen Steuern.

Waigel läßt das vorerst kalt. Von den Banken, verrät er im kleinen Kreis, »bin ich ohnehin noch nie verwöhnt worden«. Und so fühlt sich der Finanzminister angesichts der Asienkrise wieder mal in seinem Lieblingsprojekt bestätigt: dem Euro. »Währungsturbulenzen dieser Art«, verkündete Waigel jüngst in der Godesberger Redoute, »werden für die Länder der Euro-Zone weniger Risiken bergen als heute.«

Es wäre jedenfalls, so verriet Waigel 200 Managern der Arzneimittelindustrie, »kaum auszudenken«, wenn die Mark jetzt »als Fluchtwährung unter massiven Aufwertungsdruck geriete«. Dann könnte Deutschlands »Wettbewerbsfähigkeit in wenigen Stunden verlorengehen«.

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Ausländische Bankkredite an Tigerstaaten

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Ausländische Bankkredite an Tigerstaaten

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