UNTERNEHMER Ernst gemacht
Mit Musik hat sich Reiner E. Pilz bislang wenig beschäftigt, für Schallplatten kaum interessiert. Und wie sie produziert werden, war ihm erst recht gleichgültig.
Seit einigen Monaten jedoch denkt der 45jährige Münchner ständig an Musik - und er produziert Schallplatten. Pilz, der seit Jahren Fassadenverkleidungen herstellt, hat in Bayern eine der modernsten Fertigungsanlagen für Compact Discs (CD) aufgebaut.
Die Fabrik entstand in der Rekordzeit von nur 20 Monaten auf einer Wiese am Ortsrand von Kranzberg, einem Dorf nördlich von München. Mehr als 40 Millionen Mark hat Pilz in den Bau investiert, hinter dessen proprer Spiegelglas-Fassade aus eigener Produktion nun knapp hundert Mitarbeiter den Ausstoß von monatlich einer Million Compact Discs überwachen.
»Es war ein harter und steiniger Weg«, beschreibt Pilz die Wandlung vom Bauunternehmer zum Schallplattenfabrikanten. Doch nun ist Pilz, ein gebürtiger Zwickauer, der seit 1961 im Westen lebt, stolz auf seine neue Karriere. »Am Anfang«, sagt er selbstbewußt, »war ich ein Nobody, der von allen belächelt wurde - jetzt werde ich selbst von Branchenriesen wie Philips ernst genommen.«
Erfolgreich war er schon mit seiner 1972 gegründeten Pilz Metall + Glas KG. Mit Großprojekten im Fassadenbau, darunter dem Königspalast in Dschidda, dem Fernsehturm in Riad und dem Postscheckamt in Frankfurt, hatte sich Pilz einen Namen gemacht. Das Geschäft (20 Millionen Mark Jahresumsatz) verlief in sicheren Bahnen.
Und weil alles so hervorragend lief, fand der unternehmungslustige Sachse genug Zeit, sich nach neuen Betätigungsfeldern umzuschauen. Auf Anhieb war Pilz von der neuen Technologie der Laser-abgetasteten Compact-Schallplatte fasziniert. Der neue Tonträger, 1983 von den Elektronikgiganten Philips und Sony eingeführt, hat der Musikindustrie inzwischen zwar einen Umsatzschub verschafft, aber viele Plattenkonzerne scheuten sich lange Zeit, ihre Fabriken auf die äußerst komplizierte CD-Fertigung umzustellen.
Pilz sah eine Marktlücke, denn die wenigen CD-Fabriken, anfangs überwiegend im Besitz der Gerätehersteller, konnten die stürmische Nachfrage nach CD bis vor kurzem nicht einmal annähernd befriedigen. Der Spezialist für Häuserfassaden begann, sich bei den CD-Herstellern umzuhören, wie denn die begehrten Silberscheiben produziert würden.
Doch die etablierten Konzerne blockten den neugierigen Mittelständler ab. »Komplette Fabriken oder Maschinenteile«, erinnert sich Pilz, »wurden nicht angeboten, fundierte Publikationen gab es auch nicht.«
So engagierte der Münchner einige junge Ingenieure, die mit der CD-Technik vorher nie zu tun hatten, und gab ihnen Zeit, sich von Grund auf in die neue Technologie einzuarbeiten. Pilz: »Die Fehler und alten Techniken der etablierten Hersteller wollten wir ja nicht übernehmen.«
Anfang 1987 begann das kleine Team mit dem Bau einer Pilotanlage. Obwohl es, so Pilz, »manchmal schwerfiel, günstige ausländische Angebote auszuschlagen«, kaufte der ehrgeizige Mittelständler seine Maschinen und Werkzeuge ausschließlich bei deutschen Firmen. Das hatte vor allem den Vorteil, daß er seine eigenen Vorstellungen durchsetzen konnte.
Natürlich klappte nicht alles wie geplant. Die Fabrik verteuerte sich um fast zehn Millionen Mark, weil der Produktionsablauf immer noch einmal verbessert wurde. Anfang des Jahres konnte die erste vollautomatische CD-Fabrikation der Welt schließlich ihren Betrieb aufnehmen. Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, der persönlich zur Eröffnung erschien, zeigte sich »beeindruckt«.
Die Aufträge verschiedener kleiner Plattenfirmen, die nicht über ein eigenes Preßwerk verfügen, lasten die Kapazität der neuen Fabrik seither voll aus, und Pilz denkt schon an eine Erweiterung der Kapazität. Die Maschinen laufen rund um die Uhr, alle neun Sekunden ist eine der kleinen silbernen Scheiben fertig - zur Zeit fast eine Million Stück im Monat.
Nur bei der Kontrolle der Plattenetiketten und bei der Verpackung müssen die wenigen Mitarbeiter selbst zupacken, ansonsten haben die Beschäftigten in vier Schichten lediglich Überwachungsaufgaben. »Wir schaffen unsere Kapazität mit einem Drittel des Personals, das für die gleiche Menge bei Philips nötig ist«, behauptet Pilz.
Schon bald bekam Pilz den rauhen Wind des Wettbewerbs zu spüren. Als die Konkurrenz merkte, daß der Bayer Ernst machte und den unabhängigen Plattenfirmen überall auf der Welt seine Dienste offerierte, ließen sie die Preise purzeln. So rutschte der Fabrikabgabepreis für eine CD, bespielt und verpackt, aber ohne die Kosten für Aufnahme und Interpreten, innerhalb eines Jahres von etwa sieben Mark auf unter drei Mark.
Um nicht allein von den Aufträgen der kleinen, konzernunabhängigen Plattenfirmen abhängig zu sein, investierte Pilz noch einmal zwei Millionen Mark und gründete eine eigene Musikabteilung, die Pilz Media Group. Innerhalb weniger Wochen kaufte sich die neue Firma, geführt von einem bei der Konkurrenz abgeworbenen Experten, die Veröffentlichungsrechte für Dutzende von Platten zusammen.
Der Startkatalog kann sich sehen lassen. Neben gängigen Pop-Oldies von Elvis Presley, Fats Domino, Chuck Berry oder Harry Belafonte umfaßt das Repertoire bereits mehr als 50 Klassikplatten unter dem Label »Vienna Master Series«. Es sind brandneue, zum Teil unveröffentlichte Aufnahmen, denen nur der Reiz der großen Namen fehlt.
Der Mut des Newcomers hat sich rasch weit herumgesprochen. Aus aller Welt rufen Unternehmer in Kranzberg an und bitten um Unterstützung beim Bau einer CD-Fabrik. Inzwischen verhandelt Pilz mit Firmen in China, Indien und Saudi-Arabien über die Lieferung einer schlüsselfertigen Anlage. »Da tut sich ein Markt auf«, freut sich der Bayer mit dem sächsischen Akzent, »an den ich bisher noch gar nicht gedacht habe.«